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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-05 · Heft 6 (5.2.1891) · p. Seite 65

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 6 (5.2.1891)
Date
1891-02-05
Page
Seite 65 (sequence 5)
Language
German
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65 festigtere sein, wenn auch nach unserem Dafürhalten dem Kultus- Vorstände doch etwas zu viel Macht eingeräumt wird. Auch das pium desiderium eines Rabbinerseminars wird wohl jetzt bald zur That werden muffen. Der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Trieb, der Noth nämlich an gehörig qualifizirten Rabbinen, wird man dazu schreiten ' müssen, dem abnormalen Zustande ein Ende zu machen, daß Oesterreich noch einer solchen Anstalt entbehrt, deren Deutschland schon mehrere und darunter vorzügliche besitzt. Denn das Gesetz schreibt vor, daß jede Gemeinde einen Rabbiner hat. Schlimm genug, daß dies erst vom Gesetz vorgeschrieben werden muß. Hoffen wir, daß sich die Regierung dann auch unseres arg vernachlässigten Religionsunterrichtes annimmt. Vielleicht, daß sich unsere Judenschaft dann dennoch aus ihrer Lethargie aufrafft, eingedenk ihrer großen Vergangenheit und des Ruhmes ihrer Vorfahren. „Wach auf, warum schläfst du?" möchten wir ihr zurufen. Denn wahrlich, die Zeit des Wachens ist gekommen. Immer heftiger pocht der Feind an unsere Pforten, und wir laffen ihn siegreich Vordringen, ja, wir überlasten ihm das ganze Terrain. Genug ist von uns gesündigt worden durch Gleichgiltigkeit und Sichgehenlaffen. Wenn wir uns nicht jetzt aufraffen, dann kann das Zuspät uns verhängnißvoll werden, wie es schon so oft geschehen. An den Gemeinden, deren autonome Rechte die Regierung nicht angreifen will, ist es nun, ihre Pflicht zu thun, wie sie die Regierung selbst schon gethan: darum auf aus dem todesähnlichen Schlaf, auf zum Wettkampf für unsere höchsten Ziele, denn Kämpfen heißt für uns Leben! U Urnan's Geschichte Israels?) Von Dr. Marcus Landau. Den erstell zwei Bänden der Geschichte des Volkes Israel hat der berühmte französische Historiker nun den dritten folgen laffen, welcher die Geschichte bis zur Rückwanderung der Juden aus Babylonien fortführt. Er beginnt mit der Regierung des Königs Ezechias (Hislia), umfaßt also einen Zeitraum von beinahe zwei Jahrhunderten, innerhalb welcher, nach Renan, die altjüdische Religion ihre vollendete Ausbildung erhielt,, der größte Theil der Bücher des alten Testaments theils erst abgefaßt wurde, theils seine definitive Redaktion erhielt. Es ist die Periode der eifrigsten und folgenreichsten religiösen Agitation und der höchsten Blüthe der hebräischen Litteratur, wenn diese auch in Erhabenheit, in naturfrischer Naivetät von manchen der ältesten Theile der Bibel übertroffen wird. Und wie es mitunter auch bei andern Völkern und zu andern Zeiten der Fall war, so waren auch bei den Juden des siebenten und des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts die religiösen Stürmer und Dränger diejenigen, welche auch der Litteratur zum höchsten Aufschwünge verhalfen. Die großen und die „kleinen" Propheten waren nicht blos Wecker und Mahner ihres Volkes, sie waren auch Meister der Sprache, sie waren seine Dichter, Redner und Philosophen. Unter diesen ragen in der Zeit, von der hier die Rede ist, besonders die Propheten Jeremias, Ezechiel und der sogenannte zweite Jesaias hervor, welche auch bei Renan angemesien in den Vordergrund treten. Namentlich ist es die Gestalt des Jeremias, welche, sowie bei mehreren deutschen Forschern neuerer Zeit, auch bei Renan in den Vordergrund gestellt wird und ihrer Größe und Bedeutung entsprechende Würdigung findet. Jeremias, der Fanatiker der Moral, der Gerechtigkeit und Brüder- ') Er ne st Renan, Ilistoire du ptmple d'Israel, tome troisieme, Paris, Calmann Levy. 1891. lichkeit, gilt Renan als der Mann, welcher bis zum Täufer Johannes am meisten zur Gründung des Christenthums beigetragen hat, „er kann, obwohl durch Jahrhunderte von Christus geschieden, als dessen unmittelbarer Vorläufer betrachtet werden." . . . „Er hat nicht mehr den klassischen Stil seiner Vorgänger, er ist als Nachahmer mitunter schwächlich und weitschweifig, aber als religiöses Genie hat er nicht seinesgleichen; drei Viertel von Moses' legendärem Ruhmeskranz gehören Jeremias. Selbst das 16. Jahrhundert hat keinen solchen Riesen an Glaubensinnigkeit .... welche Zähigkeit im Glauben an das Gute, welcher Muth im Unglück! ... Er zweifelt keinen Augenblick an seinem Jehova, selbst wenn dieser seine richterliche Pflicht in kränkendster Weise vernachlässigt; er klagt Gott nicht der Ungerechtigkeit an wie Hiob, denn Gott kann nicht Unrecht thun; gerath sein Verehrer ins Unglück, so ist es, weil er gesündigt hat!" Wenn Renan wieder an einer andern Stelle sagt: „Das Christenthum verdankt Ezechiel mehr, als jedem andern Propheten, ausgenommen vielleicht den zweiten Jesaias," so sollte man wohl glauben, er habe Jeremias vergessen, und wenn er die Auffindung eines Exemplares der Thora unter König Josias geradezu „einen frommen Betrug" und Jeremias „die Seele dieses Betrugs" nennt, so fällt es sehr schwer, dies mit dem hohen Begriff, den er von diesem Propheten hat, zu vereinigen. Aber Renan ist auch der Mann, der gesagt hat: „Malheur ä qui ne se contredit pas une fois par jour.“ Und diese verschiedenen Stellen hat er vielleicht gar nicht an einem Tage geschrieben. In der vom Propheten gepredigten Moral und Gottergebenheit sieht Renan natürlich Kern und Wurzel des Christenthums: „Es ist eine Moral des Volkes und der Mittelklassen, die nach Gerechtigkeit und Ehrlichkeit streben, den Hochmuth der Aristokraten verabscheuen, die Bedürfniffe eines Staats kaum verstehen und sich äußerlich sanft und demüthig bezeigen. Von den Propheten und ihren Schülern eifrig gepredigt, von frommen Juden in den Jahrhunderten vor Christi Geburt ausgeübt, durch das Christenthum verbreitet, ward sie die Moral des Menschengeschlechts. Die Moral hat dem Rechte des Armen und Schwachen zum Triumph verholfen, bis das Christenthum, seine ursprüngliche Natur fälschend, sich mit der Aristokratie und den Männern des Schwertes verband und den Armen nichts als Resignation zu predigen hatte." Wenn Renan aber dann weiter ausführt, wie diese Prophetenmoral, dieser Pietismus und Gerechtigkeitsfanatismus, sich mit einem politischen Staatswesen, mit einem Hof, mit Armen, Aristokratien und anderen unerläßlichen Staatsnothwendigkeiten vertragen könne, wenn er nicht Staat und Kirche, sondern Staat und Religion als Gegensätze auffaßt, so läßt er eigentlich dem Menschengeschlecht nur die Wahl zwischen einem Staat ohne Religion oder einer Religion ohne Staat. Für letzteres haben nach Renans Auffassung sich die Juden entschieden : „Israel arbeitete mehr für die Menschheit, als für sein irdisches Vaterland und verlor das ihm zugewiesene Land. Seine Bestimmung war, ein allgemeines Gährungsmittel und nicht eine besondere Nation mit eigenem Gebiete zu bilden. Seine Zerstreuung war vorher bestimmt, nur in der Zerstreuung konnte es seinen Beruf erfüllen." Wie aber die anderen Völker die „evangelische Moral" durch allzustarke Legierung mit gemeinem irdischen Erz zu sehr „verstaatlicht" haben, so hätten sich die Juden mit ihrer Mission zu sehr - an die Großen und Mächtigen gewendet, sich zu sehr mit der Gunst gebrüstet, die ihnen die Herrscher (Cyrus, Ahasverus, Cäsar u. s. w.) angeblich erwiesen haben. „Um die Gunst der Großen und Mächtigen bettelnd, hat Israel den Staaten oft schlechte Dienste erwiesen, ohne eigenes politisches Leben hat es mitunter das politische Leben der Anderen gestört."

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