Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1891)
- Date
- 1891-02-05
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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64 Nie Gleichgiltigkeit in religiösen Ringen. (Brief aus Mähren.) Von Dr. Max Grünfeld. Brünn, 28. Januar. Der englische Staatsmann, welcher das Wort gesprochen: „Wenn wir keine Opposition hätten, wir müßten eine solche schaffen", hat damit sicherlich die Bedingungen bezeichnet, unter welchen allein jede große Gemeinschaft leben kann und die Berechtigung zu leben hat. Nichts ist gefährlicher, als wenn in einer Gemeinschaft das Gefühl herrschend wird, das in den Worten seinen Ausdruck findet: „Lassen wir es gehen, wie es geht, besser wird es doch nicht." In dieser Lage befinden wir uns, mit Bedauern müssen wir es bestätigen, in Bezug auf unsere gesummten religiösen Angelegenheiten in Mähren, der einstigen Hochburg des Talmudstudiums. Zwar an Opposition fehlt es in einzelnen Gemeinden nicht; sie macht sich sogar oft in ziemlich aufdringlicher Weise bemerkbar: aber dieser Opposition handelt es sich in den meisten Fällen nicht um „himmlische Dinge", sondern um ganz gewöhnliche irdische Angelegenheiten. Da sind der einen Partei die Steuern zu hoch, die andere wünscht die Entfernung eines mißliebigen Rabbiners, in einer anderen Gemeinde streiten sich „die Jungen mit den Alten", und in einer anderen wieder der Vorstand mit dem Rabbiner. Das sind ewige Eifersüchteleien, und darüber geht das Judenthum hier zu Grunde, indem der großen Menge Jndifferentismus und Ekel ob aller dieser Kämpfe sich bemächtigt. Ja, die Indolenz in allen religiösen Verhältnissen nimmt erschreckliche Ausdehnungen an, und da nützen die herrlichsten Gotteshäuser, mit Orgel und obligatem gemischten Chor nichts. Das hört man einmal an und dann läßt man die schön geschmückten Räume in ihrer Oede und Lehre fortbestehen. „Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge begründetest du dir die Macht", sagt der Psalmist. Und wie steht es mit unserer Jugend? Hier ist in der That die Wurzel alles Uebels zu suchen. Man weiß es, wie gerade in der Schule der Antisemitismus seine Anfänge nimmt. Täglich wird das religiöse Gefühl unserer Jugend, wenn sie überhaupt noch ein solches besitzt, verletzt. Täglich muß sie Schmähungen und Verhöhnungen des Judenthums anhören. Was ist nun unserer Jugend die jüdische Religion? Eine Quelle der Schmach und der Verfolgung. Die Selbstachtung beginnt zu sinken, und jeder germanische oder homerische Bruder Eisenfresier wird ihr mehr, als die größten geistigen Heroen unserer Geschichte. Das Haus aber vollendet, was die Schule begonnen, indem man sich ängstlich bestrebt, Alles auszumerzen, was an Judenthum erinnern könnte. Da hat ^freilich der Religionsunterricht einzusetzen, er hat eine große und wichtige Aufgabe zu erfüllen, wenn es auch leider eine Sisyphusarbeit ist. Doch darüber wollen wir ein andermal sprechen. Um eine Thatsache dafür anzuführen, wie die Gleichgiltigkeit für Alles, was mit Religion zusammenhängt, bei uns herrschend geworden, bemerke ich, daß etwa 15 Gemeinden in Mähren ohne geistiges Oberhaupt, ohne Rabbiner ihr klägliches Dasein fristen. Ihnen ist ohnehin der Rabbiner längst nicht mehr der Verkündiger des Wortes Gottes, sondern das von Staatswegen aufgedrängte Organ zur Vollziehung von Trauungen, oder den auch nicht so selten mehr vorkommenden Scheidungen und amtlichen Verrichtungen. Wie lange schon hat man in diesen Gotteshäusern, wenn man sie noch so nennen darf, keine Predigt gehört, welche bei unseren gänzlich veränderten Verhältniffen bestimmt sein soll, den Mittelpunkt des Gottesdienstes zu bilden? Wie viele Männer, von den Frauen gar nicht zu sprechen, bringen dem ganz unverstandenen Gottesdienste ein Interesse entgegen? Da soll es nun das belebende Wort sein, welches aus dem unversiegbaren Born der Thora neues Leben schöpft, Belehrung spendet, Trost und Erhebung verkündet. Was kann der Rabbiner für die Gemeinde sein und was kann er durch dieselbe für unfern Glauben werden? Und wer überwacht in seinen Gemeinden den Religionsunterricht? Wer lehrt unsere Kinder unsere Geschichte kennen und Gott fürchten? Nun müssen wir es gestehen, daß auch die führenden Gemeinden, denen vermöge ihrer Größe, ihres Alters, der Wohlhabenheit ihrer Mitglieder gewiffermaßen die Führling zusteht, nicht mit rechtem Beispiele vorangehen, daß auch ihnen der Sinn für die große Aufgabe, welche sie ausführen sollen, abgeht. Auch hier entweder kleinliche Kämpfe, welche mehr auf Krankheit als auf Leben Hinweisen, oder die Stille eines Friedhofs. Wie viel könnten manche dieser Gemeinden für die Erstarkung des religiösen Sinnes leisten, und wie wenig geschieht da. Wir haben, um nur eines zu erwähnen, in ganz Mähren keinen Verein, der es sich zur Aufgabe rnachte, dio Wissenschaft des Judenthums zu fördern, wir haben kein literarisches Organ, welches unsere Interessen verbreitet; wir haben aber auch leider keine kräftige Vertretung nach oben, weder in Sachen der Religion noch der Schule. Und dann, wo sollen unsere Jünglinge zu Rabbinern herangebildet werden? Und glaubt man wirklich, daß bei den sehr gesteigerten Anforderungen, welche gesetzlich für die Ausbildung der Rabbiner gestellt werden, und bei der in gar keinem Verhältniß zu diesen Anforderungen stehenden elenden Abhängigkeitsstellung der Rabbiner sich noch ein Jüngling finden wird, der sich diesem Studium der jüdischen Theologie widmen wird? Da kann es uns wahrlich nicht wundern, wenn die große Menge gleichgiltig allen religiösen Bestrebungen, wenn sie sich doch irgendwo zeigen, gegenübersteht, mit dem Judenthnm überhaupt alle Religion über Bord wirft und dem krassesten Materialismus mit vollen Segeln zusteuert. Und unsere Vorstände? Ach, das ist ein trauriges Kapitel. Diese Herren, Gevatter Fabrikant oder Großhändler, lassen sich gern wählen, um die Ehrenämter in der Gemeinde zu bekleiden, aber arbeiten für die Gemeinde, ihren Einfluß einsetzen für Religion und Glauben, alles Schöne und Erhabene im Judenthum fördern, dazu besitzen sie wenig Zeit und noch weniger Geld, denn für das, was man für's Judenthum thut, bekommt man keine Orden. So bewährt sich denn an uns das Bibelwort: „Jeder thut, was Recht ist in seinen Augen", und welche Früchte dieses Thun trägt, davon geben unsere Verhältnisse ein erschreckliches Bild. Da hat nun die Regierung ein Machtwort erlassen. Nach vielen Wehen ist endlich das Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Glaubensgenossenschaft ans Licht des Tages getreten. Schon wurde auch von dem Kuratorium des jüdischmährischen Landesmassefonds ein Musterstatut für die Gemeinden ausgearbeitet, und von der mährischen Statthalterei einer dazu einberufenen Enquete von Vorstandsmitgliedern der mährischen Gemeinden vorgelegt. Es ist freilich nicht recht einzusehen, was für einen Zweck man mit der Einberufung dieser Enquete verfolgte, da doch die Regierung eine Durchberathung dieses Musterstatuts kaum beabsichtigte, indem zu einer solchen Enquete doch gar zu wenig Zeit blieb. Indessen ist ein großer Schritt mit diesem Gesetz gemacht worden, um der völligen Anarchie in unseren Gemeinden zu steuern. Nun wird man, wenn das Statut vom Ministerium herablangt und die Gemeinden ihre Einzelstatuten danach verfassen, wenigstens wissen, was Rechtens ist in denselben. Daß die Kämpfe zwischen Rabbinen und Vorständen aufhören, das zu erwarten, hieße doch allzu sanguinischen Hoffnungen sich hingeben; aber in viele verlwirrte Verhältniffe wird, so hoffen wir, Ordnung kommen. Die Stellung der Rabbinen namentlich wird eine be-