Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1891)
- Date
- 1891-02-05
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227884--47696-3270174- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
63 ruf oder Zuchtspiegel, welchen Salomo Alami 1415 in Portugal an seine Zeitgenossen richtet, und in welchem er unter anderem klagt: Die Rabbiner sind verachtet; alle Klassen der Gesellschaft wenden ihre Söhne lieber dem niedrigsten Handwerk zu, als sie zum Studium des Gesetzes erziehen zu lassen. Aus einem Dekret des Königs Juan II. vom 6. April 1443 geht klar hervor, daß die Juden in Kastilien Zeugweber, Goldarbeiter. Zimmerleute, Barbiere, Schuhmacher, Schneider, Müller, Kupferschmiede, Sattler, Seiler, Töpfer, Wagenbauer und Korbmacher waren. Aus einer Vertheidigungsschrift, welche die Juden dem König Siegmund I. von Polen 1530 überreichten, geht hervor, daß es in Polen fast gar keine christlichen Handwerker gab, daß die Zahl der jüdischen Handwerker 10,000 betrug. Die Handwerke, die sie betrieben, werden ausgezählt: Tuchmacher, Kürschner, Goldschmiede, Schiwider, Zinngießer, Kupferschmiede, Posamentirer, Büchsenmacher, Ringkragenmacher, Gürtler, Mefferschmiede, Schloffer, Beutelmacher, Buchbinder, Schatullenmacher, Mützenmacher, Tischler, Schuster, Sattler, Wagner, Riemer, Korduanarbeiter, Weißgerber, Gerber, Bäcker, Fleischer, Bierbrauer, Schniiede, Drucker. Der ganze Handwerkerstand war somit ausschließlich durch Juden vertreten. Von einer Arbeitsfeindlichkeit und Arbeitsscheu der Juden, sagt Kurrein sehr richtig, kann also in Wirklichkeit nicht die Rede sein. Wäre es in Wahrheit der Fall, anstatt daß nur eine größere Hinneigung zum Handel als zum Handwerk vorherrscht, so ist der Grund dafür wohl ganz anderswo zu suchen und zu finden. Das Bestreben der Kirche im Mittelalter, das Judenthum hinabzudrücken und zu demüthigen, die Juden aus der christlichen Gesellschaft auszuschließen und ihnen eine verachtete Stellung zuzuweisen, einerseits, und andererseits das System der weltlichen und geistlichen Herren, die Juden als die ergiebigste Melkkuh auszusaugen und auszupressen, arbeitete darauf los, jede ehrliche Thätigkeit, jeden ehrlichen Beruf ihnen unmöglich zu machen. Abgesehen von den Demüthigungen und Beschränkungen im byzantinischen Reiche, das ganz unter dem Einflüsse der Geistlichkeit stand, wurde den Juden in Spanien unter dem Westgothenkönige Egica der Besitz von Ländereien und Häusern verboten und dieses Dekret von einer Kirchenversammlung bestätigt. Der kanonische Beschluß des Laterankonzils verbot den Juden, christliche Dienerschaft zu halten, und je mehr dieses Verbot durchdrang, desto mehr mußten die Juden ihren Landbesitz nach und nach veräußern und sich in die Städte zurückziehen und auf Handel und Geldgeschäfte sich verlegen. Auch das Lehensystem hinderte die Juden, in Deutschland Grund und Boden zu erwerben und zu besitzen. Wurde nun den Juden allmälig theils durch das Verbot des Grundbesitzes, theils durch das Verbot christliche Diener zur Arbeit zu halten, die Bearbeitung des Bodens unmöglich gemacht, so sollte es bald nicht bester mit dem Handwerk gehen. Auf Betreiben eines fanatischen Mönches Vicente Ferrer erließ die Regentschaft von Arragonien im Rainen des Kindes Juan II. ein Edict von 24 Artikeln gegen die Juden am 12. Januar 1412welches ihnen verbot, irgend welches Handwerk zu treiben. Benedict XIII. erließ am 11. Mai 1415 eine Bulle von 11 Artikeln, in welcher unter Andern den Juden verboten wird, ein Handwerk zu treiben. Am 19. April 1566 verbot Papst Pius V. den Juden, irgend welchen.Grundbesitz zu haben und andere Geschäfte als Trödelhandel zu treiben. Obwohl den Juden auf diese Weise systematisch die Feldarbeit und auch das Handwerk abgewöhnt wurde, scheint dennoch ihr Augenmerk stets neuerdings darauf gerichtet gewesen zu sein, die Erlaubniß zur Ausübung des Handwerks wieder zu erlangen. Dieser Versuch ist ihnen gewiß des öftern auch gelungen. Das beweist das bereits erwähnte Dekret Juans II. gegen die feindselige Bulle Papst Eugens, und in gleicher Weise ein Privilegium, welches die böhmischen Juden von Ferdinand III. an: 8. April 1648 zum Lohn für ihre Leistungen bei der Belagerung Prags durch die Schweden erhielten. In diesem Privilegium wird ihnen unter Anderem auch das Recht eingeräumt, daß sie neben ausgedehntem Handel auch alle Handwerke mit Ausnahme des Waffenschmiedens betreiben dürfen. In der That mußten die Juden trotz aller Verbote auch im Mittelalter bis in die neueste Zeit Handwerke ausgeübt haben. Das beweisen auch die Familiennamen, die sich die Juden seit Kaiser Josef gegeben haben. Die Familiennamen, welche für die Juden jener Zeit etwas ganz Neues waren, wurden von den Geburtsorten öden der Beschäftigungen genommen und geben uns daher ein Bild von den damals bei den Juden üblichen Handwerken und Beschäftigungen. Der leichtern Uebersicht halber mögen sie alphabetisch uns vorgeführt werden: Bader, Buchbinder, Bauer, dieser sehr häufig vorkommende beweist, wie beliebt der Ackerbau bei den Juden war, ebenso verbreitet ist der Name Bäck und Bäcker. Drucker oder hebr. Madfes ist sehr häufig, wie ja seit 1500 von den Juden in Italien, der Türkei, in Ainsterdam, in vielen Städten Deutschlands und in Galizien die hebr. Buchdruckerei eifrigst betrieben wurde. Färber, Fleischer, Fleischmann, Glaser, ferner Goldschmied, Margulies, Cores, das auch in Koref verwandelt wurde, Silberer, Silberstein, Silbermann, Edelstein u. d. gl. m. sehr verbreitet, in Folge der sehr beliebten und stark betriebenen Goldschmiedekunst; Klemperer gleichbedeutend mit Klempner und Spängler, Leder soviel wie Gärber, welcher Name ebenso wie das Gewerbe vielfach sich findet, Maler, Müller, Posamentirer, auch Schnürmacher und Schnürdreher, Schleifer, Sattler, Riemer, Schindel, Schindler (Arbeiter der Schindel zur Dachdeckung), Schreiber hebr. Sofer, Schneider, Schuster, Stricker. Steingraber, Steinschneider (gleich Graveur), Töpfer, Wagner, Zinner d. h. Zinnarbeiter. Diese Familiennamen zeigen am besten, daß die meisten Handwerke von Juden betrieben wurden, und dabei will dieses Verzeichniß noch nicht auf Vollständigkeit Anspruch machen. Nennen wir noch die häufigen Namen Träger und Schröter, so sehen wir, daß die schwere Arbeit des Lasttragens den Juden ebenfalls ein willkommener Erwerb war, wie man das noch heute in Amsterdam und Saloniki tagtäglich sehen kann. Selbst polnische und russische Juden, denen zumeist wegen einiger sehr elenden oder wirklich nichts taugenden und berufsmäßig bettelnden Brüder, die sich zum Schaden der Uebrigen überall bemerkbar machen, Mangel an Arbeitsliebe aber mit Unrecht vorgeworfen wird, stellen das größte Kontingent der jüdischen Arbeiter im Allgemeinen und der Arbeiter in Polen, Rußland und Bukowina überhaupt. . Wir können diese Mittheilungen noch aus eigener Anschauung ergänzen: die schwierigsten Arbeiten und Gewerbe liegen in den Händen der polnischen Juden. Sie allein sind die Dachdecker, Schiniede, Holzflößer und Steinklopfer in ganz Russisch-Polen. Auch als Bodenarbeiter haben sie dort großes Geschick erwiesen. Groß ist der Segen der Arbeit, denn sie ehrt den, der sie vollführt. So lautete ein talmudisches Wahrwort. Dieses Wort ist in Israel allezeit in Wirksamkeit geblieben; es hat seine Geltung in den trübsten Tagen des Mittelalters nicht verloren und wird sie hoffentlich auch behalten in dieser neuen Zeit, in der die Liebe zum Handwerk wieder in Israel erwacht ist und verheißungsvolle Keime treibt. d