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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-05 · Heft 6 (5.2.1891) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 6 (5.2.1891)
Date
1891-02-05
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 er das Oberlehrerexamen; da aber den Juden damals das höhere Lehramt verschlossen war, beschloß er, Rabbiner zu werden. Es traf sich glücklich, daß damals (1854) das jüdisch-theologische Seniinar zu Breslau gerade eröffnet wurde. Joel wurde als Lehrer berufen und wirkte als solcher bis 1863, in welchem Jahre er als Nachfolger Geigers zum Rabbiner der Breslauer Gemeinde gewählt wurde. Es ist richtig, wenn sein Biograph behauptet, daß er von diesem Augenblick an die segensreichste und nachhalligste Einwirkung nicht nur auf das religiö.se Leben der ihm anvertrauten Gemeinde, sondern auf das jüdisch-religiöse Leben unserer Zeit überhaupt ausgeübt hat. Bei vielen gleichen Punkten dielen beide Männer, Meisel wie Joel, die größte Berschiedenheit dar. Meisel ist nur Prediger, Joel ist Gelehrter und Prediger zugleich, Meisel vermag al> Prediger Hinzureißen, Joel zu überzeugen, der Eine weiß flammende Begeisterung zu erwecken, der Andere nachhaltige Belehrung zu verbreiten. Beide sind Männer des Friedens, Beide stehen auf dem historischen Boden des Judenthums und sind Männer der Vermittlung, die das alte überlieferte Traditionsgut mit den Forderungen der Neuzeit in einen harmonischen Einklang zu bringen sich bemühen, Beide wirken segensreich in ihren Gemeinden, über ihre Gemeinden hinaus. Beide erringen sich in ihrem Wirkungskreise hohes Ansehen bei Juden und Christen, Beide imponiren ihrem Vorstande und — was nicht wenig sagen will — auch ihren Gemeinde». Beide erscheinen uns als Muster moderner Rabbiner nach jeder Richtung. Die Uebergangsperiode, der Beide angehörten, hat aber nun ihr Ende erreicht. Wird es der neuen Zeit mit ihren Seminaren und Hochschulen gelingen, Männer von solcher Bedeutung, wie Meisel und Joel, hervorzubringen? Die Frage wird oft gestellt, und gleichwohl scheint sie eine müßige. „Jede Zeit hat ihren Mann, und jeder Mann hat seine Zeit." Samuel war seinem Geschlechte nicht mehr, als Jephta dem scinigen. Und wenn die planmäßige Ausbildung durch Seminare und Hochschulen uns statt einzelner genialer, über ihre Zeitgenossen hinausragender Männer einen gleichmäßig gebildeten, allgemein guten Rabbinerstand erzeugt, so wollen wir jenen darum nicht weniger dankbar sein. Es ist wichtiger, daß alle inodernen Rabbiner eine gleichmäßige theologische und allgemeine Ausbildung erhalten, als daß einzelne geniale Männer in Kampf und Mühen jene Stufe erreichen, auf der ein Joel und ein Meisel gestanden, während die große Zahl ihrer Amtsbrnder vergeblich zu dieser Stufe hinanzuklimmen sucht. Eine andere Frage ist es freilich, wie die Art des Studiums beschaffen sein soll, damit wir tüchtige Rabbiner, welche alle» Bedürfnissen der Neuzeit genügen, erhalten. Und wiederum eine andere Frage, auf welchen Anstalten dieses Ziel eher zu erreichen, ob in einem Seminar oder einer Fakultät. Dieser Frage wollen wir in einem zweiten Artikel näher zu treten suchen. 9 Aas Handwerk bei den Inden. Berlin, 1. Februar. Wie hoch das Handwerk im alten Israel geschätzt war, das bedarf wohl heute kaum mehr der Erörterung. Wohl aber verdient es, untersucht zu werden, wie es gekommen, daß die Juden nicht immer und überall Arbeiter oder Handwerker geblieben sind, sondern sich vielmehr dem Handel zugewendet haben. Eine sehr lesenswerthe Schrift von Dr. Adolf Kurrein: „Arbeit und Arbeiter im jüdischen Volke", die soeben erschienen, giebt uns darüber an der Hand der Geschichte lehrreichen Aufschluß. Der Autor dieser Schrift weist zunächst nach, daß die Juden, auch seitdem sie den Boden Palästinas verlaffen, die Arbeit und das Handwerk, sofern man es ihnen nur gestattete, immer und überall vor allen andern Erwerbszweigen bevorzugten. Folgen wir seiner interessanten Darstellung, die diese Behauptung geschichtlich erhärtet: In Aegypten und besonders in Alexandrien, wo das Deltaquartier ganz von Juden bevölkert war, trieben die Juden mit Eifer Handel und Schifffahrt, doch waren diese nicht ihre einzige Beschäftigung. Vermöge ihrer Lernbegier rind ihrer Anstelligkeit lernten sie bald den Griechen ihre Kunstfertigkeit ab und wußten Rohprodukte schön und sinnreich zu verarbeiten. Es gab unter den alexandrinischen Juden viele Handwerker und Künstler, die sogar in einer Art Zunftgenossenschaft organisirt waren; brauchte man in Palästina Künstler für den Tempel, so berief man sie aus der alexandrinischjüdischen Gemeinde. Die Beschäftigung der babylonischen Inden, welche zusammenhängende Landstriche, das Land Israel genannt, bewohnten, war Ackerbau, Handwerke aller Art, und was besonders in einem von Kanalbewässerung abhängigen Lande natürlich ist, sie gruben und reinigten Kanäle, auch betrieben sie Viehzucht, Handel, Schifffahrt und einige Künste. Die Juden des fränkischen und burgundischen Reiches, in welchem die Juden als römische Bürger angetroffen wurden, trieben Ackerbau, Gewerbe und Handel und befuhren mit eigenen Schiffen die Flüsse und das Meer nach dem gewiß glaubwürdigen Zeugniß Gregors von Tours. Ebenso geht aus der rinmenschlichen judenfeindlichen Gesetzgebung der Westgothen hervor, daß die Juden Spanierrs neben Handel und Schifffahrt Acker-, Wein- und Oelbau betrieben. Um das Jahr 966 finden wir in Spanien eine Familie Jbn G'au, welche Scidenfabrikanten waren. Die beiden Brüder Jakob und Josef lieferten für den Hof kostbare Seidenstoffe und Kriegsfahnen mit kunstvoll eingewebten arabischen Sinnsprüchen, Emblemen und Verzierungen: ihre Seidenwebereien wurden bewundert und gesucht. Der eine Bruder Jakob wurde von Almansur zuin Fürsten lind Oberrichter über sämmtliche jüdische Gemeinden im Reiche des andalusischen Chalifats ernannt. Mit Seidenraupenzucht, mit Pflanzung von Maulbeerbäumen und Seidenspinnerei beschäftigten sich auch die Juden Griechenlands. Dieses geht aus einer Anfrage hervor, welche die Juden an einen Gaon richteten, wie es zu halten sei, ob nach ihrem Brauch seit Alters die Seidenraupen nur an Feiertagen oder auch am Sabbath gefüttert werden dürfen. Der berühmte Reisende Benjamin von Tudela berichtet, daß die Juden von Theben die Kunst der Seidenspinnerei betrieben. Der König Roger von Sizilien verpflanzte Juden aus Griechenland nach Italien, damit sie die Seidenspinnerei nach Italien verpflanzen. Daß die Juden die Industrie im Großen betrieben, geht aus einem Erlaß hervor, nach welchem die Juden unter den Nachfolgern Karls des Großen — trotz der entgegenstehenden kanonischen Gesetze — christliche Arbeiter bei ihren industriellen Unternehmungen gebrauchen konnten. In welchem Umfange der Acker- und Weinbau der Juden im französischen Reiche unter Philipp August 1181 betrieben wurde, beweist der Umstand, daß Philipp August den Juden, welche durch ein Edikt 1171 Frankreich verlassen mußten, nicht gestattete, ihre unbewegliche Habe, ihre Aecker, Weinberge, Scheuern, Weiupressen zu veräußern, sondern als dem König verfallen erklärte, was eine schöne Einnahme abgegeben haben muß; denn nur die Habsucht verleitete ihn, die Juden aus Frankreich zu verweisen; im Jahre 1180 erpreßte er ihnen 15,000 Mark Silbers. Wie sehr die Handwerke noch im 15. Jahrhundert in Spanien von den Juden gepflegt wurden, ersehen wir aus einem Warnungs-

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