Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1891)
- Date
- 1891-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Nr. 6. Allgemeine Berlin, 5. Februar 1891. eilung des Zudenthums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbtner Ludwig PHUippson-Äonn Verlags-Crpedition: Gerlin, Lerufalemerstr. 48/49 I Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3tthillt* Leitartikel: Zwei Rabbiner. Von 0. K. — Das Handwerk bei den Juden. — Die Gleichgiltigkeit in religiösen Dingen. Von Dr. Max Grünfelo. — Wissenschaft und Litteratnrr Renan's Geschichte Israels. Von Dr. Marcus Landau. — Aus ungedruckten Briefen Berthold Auerbach's. Von Dr. Adolph K o hu t — Feuilleton: Rache ist süß. Von Dr.S. Mandelkern (Fortsetzung). — Eine Erinnerung. Von H. Menkes. — Litterarische Mittheilnngen. Der Gemeindedote. Korrewondenzen und Nachrichten: Berlin, ambmrg, Königsberg, Hannover. Marburg, Frankfurt a. M., Mainz, Metz, etersburg. Beyruth. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. — Miseetten. Briefkasten. Zwei Rabbiner. 6. K. Berlin, den 2. Februar. Das moderne Rabbinerthum ist eine Institution, welche noch lange nicht nach ihrer vollen Bedeutung erkannt, geschweige denn in ihrer historischen Entwickelung gewürdigt worden ist. Und doch wäre es außerordentlich interessant, nachzuweisen, wie sich aus dem alten Rabbi, der direkt von der Jeschibah mit talmudischen Kenntnissen voll ausgerüstet in eine Gemeinde kam und dort seines Amtes waltete, welches eigentlich nur im weiteren Studiren des Talmuds und in der Beantwortung ritueller Fragen bestand, der moderne Rabbiner, der mit den talmudischen die allgemeinen Kenntnisse vereinigen muß, der Rabbiner, der auf Seminaren und Hochschulen seine Bildung erlangt, sich entwickelt hat. Mcht weniger interessant erscheinen die Männer der Uebergangsepoche von der Jeschibah zum Seminar. Es waren dies sehr bedeutende Männer, Männer voll Kraft und Begabung, voll Geist und Gelehrsamkeit, Männer, die es allein möglich gemacht haben, daß dieser Uebergang so rasch erfolgen und daß die Verbindung des Alten mit dem Neuen sich in so erfolgreicher Weise vollziehen konnte. Zwei dieser Männer sind uns durch biographische Schriften der letzten Zeit in ihrem Entwickelungsgang geschildert worden. Der eine war W. A. Meise!'), der andere M. Joel"). Beide waren begabte Naturen, Beide hervorragend nach verschiedenen Richtungen. Meise! war Rabbiner in Pest, Joel in Breslau. Der Entwickelungsgang Beider ist für jene, Epoche des Uebergangs charakteristisch und interessant. ') Dr. W. A. Meisel, ein Lebens- und Zeitbild von Dr. M. K ay ser - ling (Leipzig, Theodor Grieben 1891). Kayserling, der als Litterarhistoriker und Biograph Mendelssohn's bereits ein ausgezeichnetes Renommä genießt, hat in dieser kleinen Schrift wieder ein Meisterstück biographischer Darstellungskunst geliefert. ' ") Gedenlblätter. Zur Erinnerung an Dr. Manuel Joel, Rabbiner zu Breslau (Breslau 1890, Wilhelm Jacobsohn & Co.). Das Heft enthält außerdem die vortrefflichen Grabreden von May bäum, Ziemich, Bogelstein, Knoller, Eckstein und Rosenthal. Meisel's Leben hat sogar etwas Tragisches in sich. Sein Vater, ein leidenschaftlicher, dem Trunk ergebener Mann, ließ sich auf Zureden seines Gutsherrn in einem kleinen böhmischen Stäbchen taufen. Mit Hilfe der Behörde wollte er der Mutter, die ihrem Glauben treu geblieben war, die Kinder entreißen. Da ergriff das muthige Weib in dunkler Nacht, mitten im Winter, mit ihren Kindern die Flucht. Zu Fuß wandert« sie durch Böhmen von Ort zu Ort, bis sie nach mehreren Monaten Hamburg erreichte, wo gute Menschen sich ihrer annahmeu und ihr ein neues Heim begründeten. Ihren Sohn bestimmte sie zum Rabbiner. 17 Jahre war Meisel alt, als er sich entschloß, das Johanneum in Hamburg zu besuchen. Dann studirte er an der Breslauer Universität Philosophie und Orientalia, während er privatim sich talmudische Kenntniffe anzueignen suchte. Der Zufall brachte ihn nach Stettin, wo er von 1843 bis 1857, also 24 Jahre eine außerordentlich segensreiche Thätigkeit ansführte. 1857 wurde er an Stelle Löw Schwab's zum Oberrabbiner der großen Pester Gemeinde gewühlt. Nun hatte er den Boden gefunden, nach dem er so lange gesucht, um eine gedeihliche Thätigkeit entwickeln zu können. Zehn Jahre wirkte Meisel in Pest, zehn Jahre voll von Kämpfen, Mühseligkeiten und Anfeindungen, die ihm das Leben verbitterten. Meisel war einer der vorzüglichsten Prediger der Neuzeit; er legte wohl auch den Hauptwerth auf den Predigerberuf. In Pest predigte er an jedem Sabbath. Er sprach, wie sein Biograph erzählt, nicht improvisirt, vielmehr nach einer wohldurchdachten und fkizzirten Disposition. Gleichwohl überließ er sich gern den Eingebungen des Augenblicks. Er hielt die Predigt im Kultus der Synagoge für unentbehrlich. Durch eine außerordentliche Begabung und eine natürliche Beredtsamkeit, sowie durch ein imponirendes Aeußeres wirksam unterstützt, verstand er es sehr wohl, auf jeden Zuhörerkreis zu wirken. So kam es. daß fast jede größere Gemeinde Deutschlands während seines Lebens mit ihm in Unterhandlung trat. Er sollte nach Leipzig, nach Berlin, Frankfurt und Wien kommen. Seine litterarischen Schöpfungen waren werthvoll, aber nicht bedeutend. Er war eben vorzugsweise Prediger, als solcher voll poetischer Inspiration, voll inniger Gemüthstiefe, voll warmer Begeisterung. Ganz anders war Joel. Er war der Sohn eines Talmudisten, der seine drei Söhne sämmtlich dem Rabbinerstande widmen wollte. Auch er trat erst nach Vollendung seines 18. Lebensjahres in das Gymnasium zu Posen ein. Dann studirte er an der Universität zu Berlin klassische Philologie und Philosophie. Im Jahre 1852 bestand