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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-29 · Heft 5 (29.1.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 5 (29.1.1891)
Date
1891-01-29
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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8 Mar ich glaube, daß es auch viele jüdische leistungsfähige Geschäfte giebt). sondern der christlichen Religion angehöre, also demnach nicht nach Palästina auswandern kann. Wie wenig die Konkurrenz über mein Geschäft eingeweiht ist, geht aus Vorgenanntem hervor. Es wird eben darauf losgeschimpft. M. Kassel, Strafanstalts-Schuh-Magazin, Salzstraße Nr. 5. T. * Oarmstadt, 2t. Januar. In der Sitzung des hiesigen Bezir ks- Lehrerverein s referirte Herr. Direktor Fi edler über die Fragen: „1. Die Antisemitenbewegung Deutschlands in ihren Ursachen und Folgen. 2. Kann und soll der Lehrer zur Beschwichtigung der heutigen Antisemitenbewegung beitragen?" In fast zweistündiger glänzender Rede zeichnete der Vortragende zunächst „die Stellung der Inden in Deutschland bis zur Gegenwart". Von einer Berathung und Beschlußfassung der von dem Referenten ausgestellten Thesen sah man ab und nahm den gestellten Antrag an: „Die Versammlung ließ mit Rücksicht auf die vorgerückte Zeit von einer Erörterung und Beschlußfassung über die Theseil ab, erklärt aber, indem sie dem Redner für seinen belehrenden und interessanten Vortrag dankt, sich mit den die antisemitische Bewegung verurtheilenden Ausführungen im Allgemeinen einverstanden." 6. Heilbronn, 18. Januar. Gestern Abend verschied nach schweren Leiden der hochgeachtete Rabbiner Dr. Moses Engelbert im Alter von 60 Jahren. Er ist geboren in Gutenberg bei Kassel und war. vorher Rabbiner in Kolberg, Waren und seit 1863 in hiesigem Rabbinatsbezirk. Schon seit mehreren Jahren leidend,' wurde ihm als Hilfsgeistlicher Dr. B. Einstein aus Ulm beigegeben. Das Andenken des Dahingeschiedenen wird hier und in weiteren Kreisen ein gesegnetes bleiben. * Stuttgart, 25. Januar. Die neu gegründete antisemitische P a rtei scheint, nachdem sie ihre Flagge in Stuttgart offen entfaltet hat, ihre Agitation nun auch auf das flache Land tragen zu wollen. Der als Hanptagitator hervorgetretene jugendliche Schriftsteller Welcker, welcher bei den Berliner Antisemiten in die Lehre gegangen, hielt letzten Sonntag zwei gut besuchte Versammlungen in Münchingen und Kornwestheim, in ersterem Orte auf dem Rathhaus dortselbst ab. Weitere Versammlungen auf dem Lande werden folgen. Der als Hanptantisemit im Reichstag bekannte Abgeordnete Böckel wird noch diesen Winter zu einer großen Versammlung in Stuttgart als Wortführer erwartet. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 24. Januar. Herr Wilhelm Ritter von Guttmann hat sich dem Ministerpräsidenten Grafen Ta affe, mit welchem er auch privatim verkehrt, als Präses der Wiener Kultusgemeinde vorgestellt und diese Gelegenheit benutzt, um im Interesse der Gemeinde zu sprechen. Später erschien er im Verein mit dem Vizepräsidenten Herrn Gemeinderath Gustav Simon vor dem Kultusminister Baron Gautsch unb dem niederösterreichischen Statthalter Grafen Kielmannsegg. — Die Nachricht von dem Austritt des Herrn Prediger Dr. Jellinek aus dem Kuratorium der Hirsch'schen Stiftung wird erfreulicher Weise dementirt. — Die hiesigen Bezirksschnlräthe haben an die Leiter sämmtlicher Schulen nachfolgenden Erlaß gerichtet: „Der k. k. Landesschulrath hat in Erledigung des Berichtes, womit das Resultat der Erhebungen über die zu Beginn des Jahres 1890 in der „Wiener Sonn- und Montagszeitung" veröffentlichte Artikelserie „Antisemitismus in der Schule" ho.chdorthin bekannt gegeben worden ist, eröffnet, daß er bei diesem Anlaß uub im Hinblick auf die hochgehende antisemitische Bewegung sich bemüßigt sieht, den Bezirksschulrath zu benachrichtigen, die Wiener Lehrer überhaupt unter Androhung der schärfsten Disziplinarstrafen nachdrücklich vor einem Verhalten zu warnen, wodurch ihre Wirksamkeit als Erzieher und Lehrer geschädigt wird." Frnrilr reich. * Paris, 21. Januar. Hier ist am Sonnabend in ihrem prachtvollen Hotel der Rue Bergöre Frau Helene Fonld, Wittwe des Herrn Benoit Fonld, Bruder des ehemaligen Finanzministers unter dem Kaiserreich Achille Fonld und Chef des großen Bankhauses, welches unter der Firma Gebrüder Heine fortbesteht, gestorben. Die Verstorbene, welche ein Alter von 93 Jahren erreicht hat, war eine geborene Oppenheim ans Köln und hatte sich im Jahre 1814 mit Herrn Benoit Fould verheirathet. Diese Ehe war kinderlos geblieben. Frau Fould hatte aber zwei Töchter einer Schwester Frau Ratisbonne adoptirt. Die Hinterlassenschaft soll mehr als 100 Millionen Francs betragen, und man nimmt an, daß ein Theil dieses großen Vermögens der Familie des Freiherrn von Oppenheim in Köln zufallen wird. Großbritannien. CfÖ London, 21. Januar. Daß eine Zeit, wie die gegenwärtige, in schwärmerischen Köpfen allerhand eigenartige Ideen erzeugt, nimmt nicht Wunder. Die Palästina-Schwärmerei, welche sich iut jüngsten Jehrzehnt manchenorts geltend macht, ist eben eine unausbleibliche Folge der Antisemitenbewegnng. Neu ist. daß diese Schwärmerei sich auch in das ruhige England verpflanzt hak. So richkeke anläßlich der in dem litterarischen Verein des jüdischen Seminars stattgehabten Vorlesung von Dr. Adlers „Anmerkungen über '.das heilige Land" O berstl ie ulen aut Goldsmid eine Mahnung an seine Glaubensgenossen, das Werk der jüdischen Kolonisirung in Palästina zu beschleunigen. Herr Goldsmid bemerkte, daß die Stellung der Juden in . der ganzen Welt von Jahr zu Jahr weniger befriedigend als besser werde. Infolge der Verfolgungen in Rußland und Rumänien würden jüdische Kolonien allenthalben gebildet, selbst in Südamerika, und es sei die Rede davon, dergleichen Kolonien in Mittelafrika zu gründen. Damit würde aber, wie Herr Goldsmid meint, der schlimme Tag nur hinausgeschobeu. Die Judenfrage werde nicht eher gelöst werden, bis es einen jüdischen Staat im heiligen Lande gebe. „In einigen Ländern", fuhr er fort, „werden wir verfolgt, in andern sind wir kaum geduldet. Welch' andere Raffe mit einer so glorreichen Geschichte, wie die unsrige, würde so ruhig zusehen, daß das Land ihrer Vorfahren sich im Besitze eines Ausländers befindet? Italien hat Rom wiedergewonnen; warum sollten wir nicht Palästina wiedergewinnen, statt sich damit zu begnügen, von den Völkern, unter denen wir leben, nur geduldet zu werden." Wunderbar bleibt es uns nach diesen Ausführungen nur, daß Herr Colonel Goldsmid noch in England statt unter den Kolonisten Palästinas weilt. Rußland. * Petersburg, 18. Januar. Die „In den frage" will nicht zur Ruhe kommen, trotz der glücklich eingebrachten Anleihe, nnb trotzdem die offiziösen Blätter, welche sich bisher radikal jndenfeindlich geberdeten, über Nacht ein Einsehen bekommen haben und von ihrer Liebe für das Volk Israel erzählen. Die einmal eingeleitete Bewegung führt namentlich die kleineren Behörden zu merkwürdigen Bestimmungen. So schreibt man der „Pol. Corr.": „In jenen Verwaltungsinstanzen, in welchen man mit der Ausarbeitung eines neuen Reglements bezüglich der jüdischen Bevölkerung Rußlands beschäftigt ist, faßt man gegenwärtig die Beseitigung der vom Jahre 1838 herrührenden Bestimmungen ins Auge, wonach Kinder, Enkel und Neffen jüdischer Unterthanen, welche dem russischen Heere angehört haben, berechtigt sind, in den zwei Hauptstädten St. Petersburg und 9310^011 unbeschränkten Aufenthalt zu nehmen. Es ist der Antrag gestellt worden, dieses Recht ausschließlich auf die Kinder solcher Militärpersonen zu beschränken, unb der Vorschlag wird damit begründet, daß es unbillig sei, daß so mancher Jude von guter Familie und Erziehung, der die höchsten Unterrichtsstufen absolvirt hat, auf Grund des gegenwärtig bestehenden Gesetzes von dem Verbote des Aufenthaltes in diesen zwei Städten betroffen werden kann, während ein Anderer, der aus tieferen Schichten stammt und höchstens Elementarbildung besitzt, auf Grund jener Ausnahmsverordnung vom Jahre 1838 feinen Aufenthalt ebendaselbst frei wählen darf, nur weil er der Sohn, der Enkel oder der Neffe eines gewesenen jüdischen Soldaten ist. Mit der Jndenfrage hängt auch ein Beschluß zusammen, welcher kürzlich in der aus dem Justiz-Ministerium eingesetzten Kommission zum Zweck der Ausarbeitung einer Reform des Advokaturwesens im Prinzip allgenommen wurde. Es wurde nämlich bestimmt, daß die Anzahl der jüdischen Mitglieder des Advokatenstandes in beu Städten Petersburg, Moskau und Warschau nur ein Zehntel der Gesammtzahl betragen dürfe. Ueberdies sollen in Zukunft zu dem Barrean dieser drei Städte weder Hilfsad okaten noch Privatadvokaten, wie solche gegenwärtig thätig sind, zugelassen werden, wodurch diese Kategorie von Rechtsanwälten auf den Aussterbe-Etat gesetzt wird. Diese Maßregel hat den Zweck, das stark gesunkene Niveau gesellschaftlicher Geltung, unter dem der Advokatenstand.jetzt leidet, wieder auf eine angemessene Höhe zll heben." Wäre es nicht gar so traurig, es würde köstlich fein, wie hier über die Unbilligkeit Klage geführt wird, „daß so mancher Jude von guter Familie uub Erziehung, der die höchste Unterrichtsstufe absolvirt hat", in Petersbllrg und Moskau llicht wohnen

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