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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-29 · Heft 5 (29.1.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 5 (29.1.1891)
Date
1891-01-29
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 bemerkte nun, daß es doch im Interesse der öffentlichen Ordnung liege, einen Uebelthäter wie den Beschuldigten nicht straflos ausgehen zu lassen, und daß in diesem Sinne der Kaufmann Strafantrag stellen müsse. „Wenn ich den Strafantrag stellen muß, dann muß ich ihn eben stellen, sonst stelle ich ihn aber nicht," erklärte der Kaufmann und dabei blieb er. Der Strafantrag wurde also, da der Kaufmann zur Stellung desselben nicht verpflichtet ist, nicht gestellt. „Natürlich", sagte schließlich der Richter, „der Beschuldigte ist Jude und Sie siud auch Jude uttb deshalb stellen Si e keinen Strafantrag. Ein Jude thut dem andern nichts." Diese Bemerkung gab dem Kaufmann Veranlassung, sich über den Richter zu beschweren. Der Präsident des betreffenden Landgerichts erachtete die Beschwerde für begründet und ließ sich in diesem Sinne gegen den Richter aus. Der Richter beruhigte sich dabei nicht, sondern rief die Entscheidung des Präsidenten des Oberlandesgerichts an. Dieser erklärte, daß die Beschwerde unbegründet sei, daß die Vorhaltungen, die der Richter dem Kaufmann gemacht, durchaus am Platze gewesen seien. Mit diesem Entscheide war der Kaufmann nicht einverstanden und wandte sich deshalb beschwerdeführend an den Minister. Der Letztere reskribirte, daß die Beschwerde begründet sei und wies den Oberlandesgerichts-Präsidenten an, dem Richter eine Vermahnung zu ertheilen. Es komme einem Richter nicht zu, bemerkte der Minister, an dem Entschlüsse Jemandes, einen Strafantrag zu stellen oder nicht zu stellen, Kritik zu üben. Glbing, 22. Januar. Herr Dr. Jacobi, der langjährige Stadtverordneten-Vorsteher, wurde, zum ersten Male in diesen: Jahr, e i n ft i mmig wiedergewählt. Es ist dieses ein erfreuliches Zeichen des friedlichen Einvernehmens der hiesigen Bürgerschaft untereinander und des Anerkenntnisses aller Parteien für unsere verdienstvollen Mitbürger." Göttingen, 20. Januar. In der auf den 17. d. Mts. angesetzten Gemeinde-Versammlung wurde Herr Rabbiner D r. Deutsch in Brüx e i n st i m m i g als Rabbiner unserer Gemeinde gewählt. (Wir wünschen unserem verehrten Mitarbeiter zu seiner neuen Stellung herzlich Glück. Red.) U Hannover, 20. Januar. An: 10. d. M. verschied, wie schon in voriger Nummer kurz berichtet, in dem hohen Alter von 86 Jahren der erste Vorsteher unserer jüdischen Gemeinde, der G eh. Medizin alrath Dr. H. Cohen. Er gehörte einer unserer angesehensten und weit verzweigten Familien an, die viele Jahrzehnte der Schmuck und die Zierde nuferes Gemeinwesens"nach innen und außen bildete, und vereinige in sich alte Tugenden eines lauteren, edlen und biederen Charakters. Hingebend und unermüdlich in feinem schweren Beruf, so lange seine Kraft nur irgendwie ausreichte, war er ein vielbeschäftigter und gesuchter Arzt, der eine Zeit lang auch als Lehrer an der früheren hiesigen chirurgischen Lehranstalt wirkte. Seiner Thätigkeit fehlte die äußere Anerkennung nicht, die sich sowohl in der Liebe und Achtung von Seiten seiner Kollegen, als auch besonders in der Verleihung des Rothen Adlerordens und hoher Titel zeigte ^obgleich er ein treuer Anhänger der wölfischen Königsfamilie war und sich offen als solcher bekannte. Mit nicht «linderem Eifer, der ihn sein hohes Alter vergessen ließ, widmete er sich den^vielseitigen Geschäften,^ welche ihm das Amt eines ersten Vorstehers auferlegte, zu dem ihn sein friedfertiger, versöhnlicher Charakter, seine Pietät gegen alles Ueberlieferte und sein warmes Interesse für alle jüdischen Angelegenheiten vorzüglich befähigte. Je seltener solche Männer werden, um so tiefer wird ihr Hinscheiden allseitig empfunden, wie sich dies in der lebhaften allgemeinen Theilnahme bei seiner Bestattung zu erkennen gab. G Wiesbaden, im Januar. In der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde, deren Anfänge sich schon nach dem dreißigjährigen Kriege Nachweisen lassen, wurden Anfangs die Todten auf dem israeliTifchen Friedh ofe der>zum Rabbinatsbezirke Wiesbaden gehörigen Gemeinde Wehen jbeerdigt. Später erwarb die hiesige Gemeinde in Verbindung mit einer Anzahl?! benachbarter Gemeinden (Bierstadt, Schirrstein, Biebrich) leinen auf^der „Schönen Aussicht" gelegenen Friedhof, der allmählich vergrößert, 150 Jahre der Gemeinde als Ruhestätte für ihre Todten gedient ^hat. Da in Folge des Anbaues zahlreicher Villen die Stadt.sich bis zum israelitischen Friedhofe ausdehnte, so wurde die Schließung desselben, der auch nur noch wenig Platz zur Beerdigung darbot,^Seitens^des HerrnMlnisters auf den 1. Januar er. angeordnet. ArnD4.i Januar fand null aus Anlaß der Beerdigung eines fremden GlaubensgenossenR(Dr. mell. Pauly aus Posen) die Eillweihung des neuen Friedhofs, beffeu Terrain der Gemeinde von den städtischen Kollegien unentgeltlich dargelwten war, in feierlicher Weise durch den Stadt- und Bezirksrabbiner, Herrn Dr. Silberstein Hierselbst, statt. Wir entnehmen über ben Weiheakt den hiesigen Lokalblättern folgende auszügliche Mittheilung. „Dem warmen Dankgefühle des Vorstandes und der Gemeinde für das durch die Ueberlasfung des schön gelegenen Terraius bezeugte Wohlwollen der städtischen Behörden gab die Weiherede des Herrll Rabbiners beredten Ausdruck. Der Redner zeichnete uilter Zugrundelegung der nlannigfachen Bezeichnungen, die dem israetitischell Friedhofe beigelegt werden, in ergreifender Weise die tiefere Bedeutung desselben. Die Rede wird wahrscheinlich durch beu Druck weiteren Kreisen zligäuglich gemacht werden." * Münster, 25. Januar. Westfalen hat, wie genugsam bekannt gewvrdell, feinen redliche!: Beitrag zu dem Antisemitenkapital geliefert; das haben „der Stöcker" in den Kreisen Siegen, Wittgenstein und Herford, der Dr. König in Witten und Umgegend und Liebermann von Sonnenberg als Herr Allerwärts besorgt. Die Provinzialhauptstadt Münster blieb so ziemlich von „der Schmach unseres Jahrhunderts" unberührt, bis vor einigen Jahren sich ein „Deutscher Reformverein" bildete, der die Hetzgeschäfte in die Hand nahm, die Leipziger Schmähblätter der Firma Fritzsche massenhaft verbreitete und den Antisemitenapostel L. v. S. zu seinen Versammlungen berief. Die Bevölterung verhielt sich im Allgemeinen ablehnend, man scherzte sogar in Wirthshüusern über die „Schrieverkes und Schniederkes" (Schreiber und Schneider). Ernster wurde die Geschichte im Herbst 1889 bei dem Herannahen des Weihnachtsgeschäftes. Die Versammlungen wurden stärker besucht, viele lockte die Neugierde oder Gedankenlosigkeit anr das gegen die Juden verspritzte Gift übte bereits seine nachtheilige Wirkung auf einzelne jüdische Geschäfte. Die diesjährige Agitation zur Weihe des Weihnachtsgeschäftes warf seine bösen Schattenspiele voraus: fast alle Fenster der schönen Synagoge wurden nächtlicher Weile zertrümmert, u:ld als unmittelbare Vorfeier zum Empfange Liebermanns v. S. kündigte sich die Zerstörung vieler Denksteine auf dem israelitischen Friedhofe an. In der Versammlung zog der Redner in dem „Christlich-Deutsch" nach antisemitischer Lesart über unreelle jüdische Geschäfte her. Besonders hatte ein nagelneu etablirtes Schuhwaaren-Geschüft den Zorn der Schusterinnung auf sich gezogen, dem Herrn L. v. Sonnenburg in allen Tonarten über „jüdische Schleudergeschüfte" den vernichtenden Ausdruck zu geben sich erfolgreich bemühte. Und wirklich schien das Geschäft hier unmöglich, zumal die Reden in der Versammlung in kleinen Artikeln und Annoncen warm gehalten wurden. Da erschien nach etwa einer Woche nachstehende Anzeige, den Bildungsgrad und die Zwecke der meisten Antisemiten kennzeichnend. Diese Kundgebung hatte einen vernichtenden Erfolg, gründlicher, als es die glänzendste Rede mit den triftigsten Gründen hätte bewirken können. Der Bann war von der neuen Firma gelöst, das Publikum strömte dem Geschäft zu, und Viele suchten den Staub, den die Antisemiterei aufgewirbelt hatte, von ihren Kleidern zu bürsten, sie schämten sich, mitgemacht zu haben. Hier die klassische Anzeige. Wie weit der Konkurrenz-Neid geht, beweist folgender Brief: „Herrn Cassel! Dringender Aufforderung meiner Kollegen bitte Ihnen schleunigst, Ihr scheusliche, unreelle Geschäft an den haken zu hängen, da es das größte Schwindelgeschäft ist, was je hehr ekssistirt hat. Sie werden keine ruhige Stunde haben, es wird Ihnen nach dem Leben getrachtet auf Irgend eine Art und Weise, wenn Sienicht bald machen, daß Sie wieder an Ort und Stelle kommen, wo sie den, Publikum besser betrügen können. Ihr Geschäft und Ihre Waare soll eine Strafanstaltsarbeit sein, wo entgegen alle Ihre ausgestellten Waaren aus Fabrikwaaren sind. Sie denken wohlmöglich uns Handwerker zum Steinklopper zu machen, aber wehe Ihnen, das gelingt Ihnen nicht, von so einen Schacheljllde. Sie werden in Ihrer Hütte, mit sannt Ihr Personal, keinen ruhigen Schritt mehr machen können, da können Sie sicher von überzeugt sein, man wird Ihnen vertreiben, so weit wie möglich wo ein solcher Schwindeljude nach Palestrina gehört um dort sein trockene Stück Brod mit Wasser durch schwere körperliche Arbeit verdienen soll. Nochmals die Bitte, umgehend die Stadt Münster zu verlassen und Ihre Niederträchtigkeiten aufzuheben. Einer für Viele. Brieflich auffordern thue ich nicht, aber am Körper abstrafen und Ihre Familie unglücklich machen bleibt Ihnen nicht aus. Wehe Wehe." Da ich nun den anonymen Absender trotz aller Mühe nicht ausfindig machen konnte, welches vielleicht der Königlichen Staatsanwaltschaft gelingt, so frage ich bei demselben an, ob er mir nicht einen anderen Ort als Palästina angeben kan::, da ich sowohl wie mein ganzes Personal nicht der jüdischen Religion (ob-

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