Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 dürfe, während dies einem Anderen, „der ans tieferen Schichten stammt und höchstens Elementarbildung besitzt", gestattet ist, nur weit er der Sohn, der Enkel oder der Neffe eines gewesenen jüdischen Soldaten ist. Daß hierin eine Unbilligkeit liegt, geben wir zu; der Ausgleich aber sollte doch nur darin gefunden werden, daß man dem enteren ^en Aufenthalt in Petersburg ebenso geüattet wie letzteren,, nicht dadurch, daß man dem letzteren die Erlaubniß nimmt! * Petersburg, 20. Januar, Obwohl nun bereits mehrere Wochen verflossen sind, ohne daß die angekündigte Verschärfung der Judengesetze stattgefnnden hat, wollen doch manche an den definitiven Aufschub nicht glauben. Zur Begründung dieses Mißtrauens erzählt man folgendes Geschichtchen: Einem reichen und gelehrten Juden war es mit großer Mühe gelungen, ein langes Memorandum über die Lage der russischen Juden zur Kenntniß des Zaren zu bringen. In diesem Schriftstück wurde darauf hingewiesen, daß es im Interesse Rußlands selbst liege, wenn die Verfolgungen' gegen die Juden aufhörten. Der Zar las das Memorandum aufmerksam durch und schrieb dann Folgendes an den Rand: Dieses Memorandum ist in sehr bemerken swerther Weise geschrieben. Es enthält sehr schlagende Gründe, bisweilen wird es beredt und bringt Thatsachen ans Licht, welche sehr betrübend sind, aber wir sollten nie vergessen, daß es die Inden waren, welche unfern Herrn kreuzigten und sein kostbares Blut vergossen." Wir glauben wohl auf dem richtigen Wege zu sein, wenn wir weder dieser Anekdote noch den aus denselben gezogenen Schlußfolgerungen Glanben schenken. — Die „Nowoje Wremja" hört, der Senat habe die ihm vorgelegte Frage, ob Juden berechtigt seien, überall in Entfernung von 5 Werst von der westlichen Landesgrenze unbewegliches Eigenthum zu erwerben, oder nur im Weichbilde der Städte imb Flecken, in welchem sie vor den, 27. August 3858 eingeschrieben waren, dahin entschieden, daß dieselben nur im Weichbilde der vorbezeichneten Städte und Flecken unbewegliches Eigenthum zu erwerben berechtigt seien! Amerika. * Washington, 28. Januar. (Kabeltelegramm.) Die Kongreßmitglieder fnrNew-Norknnd Mississippi, Cummings uudCatchings, überreichten heute dem Staatssekretär Blaine Abschriften der von den Hebräern von Greenville, Mississippi, gefaßten Beschlüsse, welche ihn ersuchen, gegen die Verfolgung der Juden in Rußland Protest zu erheben. Blaine erwiederte, er hätte ähnliche Bittschriften aus allen Theilen des Landes empfangen. Der amerikanische Gesandte in St. Petersburg, Smith, werde angewiesen werden, den wesentlichen Inhalt derselben dem russischen Minister für auswärtige Angelegenheiten, Herrn von Giers, unterbreiten. P Man Mali roti> Fern. =- Der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers ist in allen jüdischen Schuten durch feierliche Veranstaltungen begangen worden. Die Festgottesdienste in beit Synagogen fanden zum Theil am Geburtstage selbst statt, zum Theil wurden sie am vergangenen Sabbath abgehalten. Ausführliche Berichte bringen wir in den folgenden Nummern. — Der Kommission für Berathung des Gesetzentwurfes betreffeud die preußische Volksschule sind in den jüngsten Wochen 666 Petitionen zugegangen. — Die Schuldeputation der Stadt Berlin hat im Jahre 3889 in 23 Elementarschulen jüdischen Religionsunterricht ertheilen lassen. — Unter den neneruannten Ritterinuen des Luisen-Ordens, welche bei Gelegenheit des Ordensfestes die Ehre halten, Sr. Majestät dem Kaiser dorgestellt zu werden, befanden sich Frau Geh. Kommerzienrath Herz, Frau Generalkonsul Landau und Frau Geh. Kommerzienrath Schwabacher. — Der Sultan hat dem Direktor der chirurgischen Privatheilanstalt, Dr. William Lewy in Berlin, den Medjedje-Orden vierter Klasse ertheilt. — Der Hersteller des ersten deutschen Geldschranks (int Jahre 3884), der jetzt in Berlin als Rentner lebende Herr W. Basch, feierte am 25. d. M. in erwünschtem Wohlsein die goldene Hochzeit mit feiner Gemahlin Amalie geb. Abraham. — Das gleiche Fest begehen am 3. Februar d. I. Herr Hei mann Canlor und seine Gattin Amalie geb. Steinberg. — Herr Laudgerichtsrath Marcus aus Guben ist in gleicher Eigenschaft an das Landgericht Berlin I versetzt worden. — Aus der Provinz Posen hören wir wiederum mehrfach, welche Anerkennung sich Juden auf dem Gebiete der städtischen Verwaltung erringen: so ist in Posen Herr Justizrath Orgler mit.83 von 34 Stimmen und in Grätz der Kaufmann A. Herzfeld einstimmig zum Stadtverord treten-Vor st eher gewählt worden. In Pinne, wo der Bürgermeister seines Amtes etttsetzt worden ilt, wird dasselbe von dem Beigeordneten Herrn Markus Lewin, welcher die Stadt auch auf dem Kreistage vertritt, seit Jahresfrist zttr Zufriedenheit der königlichett Negierung verwaltet. — Am 20. d. Mts. hat sich in der Synagogen-Gemeinde Hirschberg i. Schl, eine Chewra Kadischa und ein Bikur - Eholim - Verein gebildet. Der Vorstand des Vereins, welcher von der Gemeindeverwaltung unabhängig ist, besteht aus den Herren I. Gättel, H. Ma sur, W. Pol lack und S. H olz. Herr Rabbiner Dr. Biram wurde zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt. — In der Mamreh-Loge zu Beuthen O. S. hielt am 8. Januar Herr Rabbiner Dr. Blum^nthal atls Ratibor einen sehr beifällig aufgenomtnenen Vortrag über „Die Frau im alten Israel". — Eine nette Entdeckttng hat der Antisemit Liebermann v. Sonuenberg gemacht. Jtt einem seiner bekannten Vorträge in der Tonhalle zu Leipzig behauptete er, daß die „verwerflichen Grundsätze der Jestliten in Wahrheit mit d en Lehren d es Talmud identisch seien". Was sagt blos die „Germania" hierzu? — Frau Generalkonsul Mankiewicz in Dresden hat als Anerkennung für ihre bedeutenden Verdienste um die Kunststickerei die große Medaille von Frankreich erhalten, welche nach der Pariser Ausstellung nur an ganz hervorragende Künstler verliehen wurde. — Die zweite, hessische Kammer erklärte die Wahl des Antisemiten Köhler wegen der dabei vorgekommenen Unregelmäßigkeiten für u n giltig. — In Worms ist der Fabrikant Herr Louis Schlösser in den Kreistag gewählt worden. Es ist dies der erste Fall, daß ein Jude in Hessen in dieser Körperschaft einen Sitz gefunden. — An Frau Doktor Rüe, die Wittwe des kürzlich verstorbenen ehemaligen Reichstagsabgeordneten, der in Beziehungen zu Kaiser Friedrich stand, ist dieser Tage ein außerordentlich warm gehaltenes Kondolenzschreiben der Kais erin Friedrich gelangt, worin Ihre Majestät ttähere Nachrichten über die Krankheit und die letzten Augenblicke des Dahittgeschiedenen erbittet und zugleich um Uebersendung der die Nachrufe ertthaltenden Hamburger Blätter ersucht. — Die meisten israelitischen Ktlltusgemeinden Ungarns spenden dem Lordmayer voit London Dankadresse tt für feitt reges Eintreten zu Guttstett der russischett Juden. — Die Lemberger israelitische Knltnsgemeinde hat ehteu schweren Verlust erlitten. Herr O b e r r a b b i n e r E t t i tt g e r ist am 16. d. M. nach lattgem Leiden gestorben. Ettinger war der Söhn eitler alten berühmten Rabbinerfamilie, atts deren Mitte zahlreiche Celebritäteu dem Jndenthum erwachsen sind. Er selber war ein Mann von hoher talmudischer Gelehrsamkeit, von strettgster Frömntigkeit und gettoß wegen seines persönlichen Charakters im ganzen Königreich Galizien hohe Verehrung. — Herr D r. C h. Ali Cohen in G ronittgen wurde zttm Sekretär des Medizmatraths für Friesland und Groningeit ernannt. — Der Großherzog Adolf von L n x e m b tt r g hat Herrtt Julius G o d ch a u x zum Bürgermeister ernannt. — Gitter der geachtetsten jüdischen Einwohner von Nancy, Herr Marx C a h e n, starb im hohen Alter vott 88 I a h r e tt. Herr Cahen war der Sohn des in ganz Lothringen uttter dem Namen Rabbi Jokef Her sch wegen seiner Gelehrsamkeit bekanntett Rabbiners und Talmudislett. Marx Cahen, der selbst einen Rttf als Gelehrter und Talmudist hatte, leistete durch mehr als 40 Jahre der Jngendgemeinde von Nattcy unschätzbare Dienste imb nahm einen lebhaften Antheil an ihrem Gedeihen und ihrer Entwicklung. Seitt Leichenbegängniß fand nitier allgemeiner Theilnnbme der Bevölkerung von Nancy statt. Der Verstorbette hinterläßt zwei Söhne, von beiten der eine. Emil Cahen, Großrabbiner von Lille, der andere, H. I. Cahen, Vorstand der Finsbury Park Eynagogue London ist. — R o m wird am 20. Januar den fürwahr feltenen Genuß eines hebräischen Konzerts itt der Sala Dante haben. Aristide Franceschetti unlernimmt es, unter Mitwirknitg der hervorragendsten musikalischen Kräfte der Hauptstadt daselbst eine Anzahl althebräischer Musikstücke zur Aufführung zu bringen. Der musikalischen Aufführung geht ein Vortrag über althebräische Musik vorauf. Truck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für bte Redaktion: Max. Bauchwitz in Berlin.