Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 29. Januar 1891. « r-vs-»s «r b P^t WeUcrge zur „Ungemeinen Zeitung des InöentHrrms". Korrespondenz: und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 26. Januar.. Wir erhalten den folgenden Aufruf an die ehrw. Raddiner in Oesterreich: Das Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Israeliten hat die Wünsche der Raddiner nur zum geringen Theil berücksichtigt. So wohlwollend die Absichten der k. Regierung und des hohen Reichsraths auch in Bezug auf unsere Stellung sein mochten, es ist dieser: Absichten viel mehr in den der Gesetzesvorlage deigegedenen Motiven. als im Wortlaut des Gesetzes selbst Ausdruck gegeben. Vielleicht werden die erwarteten Durchführungs- Verordnungen des hohen Ministeriums unseren gerechten Wünschen mehr Rechnung tragen, und es muß schon jetzt unsere Sorge sein, die hoher: Landesstellen dahin anfzuklären, daß kein Statut bestätigt werde, welches nicht genaue, dem Gesetz und den Absichten des Gesetzgebers entsprechende Anweisungen über die Rechte und Pflichten des Rabbiners enthält. Aber noch etwas Wichtigeres bleibt zu thun übrig! Um der Bestimmung des Gesetzes, welches die Anstellung eines Rabbiners zur Grundbedingung für die Anerkennung als Knltusgemeinde macht, zu genügen, h.aben bereits einige Gemeinden ihre jedes rabbinischen Wissens barer: Lehrer, Kantoren, Schächter u. s. w. als Rabbiner präsentirt und vor: der irre geführter: Behörde bestätigen lassen. Leider haben in Böhmen die vorhandenen offiziellen urrd privaten Vertretunger: der Juden für dieses das Judeuthnm ur:d urrserr: Stand erniedrigende, schändliche Treiben kein Wort der Mißbilligung gefunden: ja die Landesjudenschaft - Repräsentanz hat das alte Religionsweiserthum, welches jeden: Schammes erlaubte, unter dem Titel „Religionsweiser" rabbinische Funktionen auszuüben, zur Konservirung empföhle::. Wir wirkliche Rabbiner, die nach jahrelangen, mühevoller: und opferreichen Studien unsere Befähigung erlangt haben, besitzen leider keine Vertretung unserer Interessen und sir:d jenen: schändlichen Treiben gegene über machtlos. Nur in einer Beziehung läßt sich dem Uebel in Etwas steuern. Von jenen Scheiurabbinern, die nur zum Aushängeschild für die in ihrer Existenz bedrohter: Miniaturgemeinden dienen sollen, verlangen die Vorstände resp. die Behörde:: zum Mindesten ein Zeugniß vor: einem autorisirten Rabbiner. Von dem Schacher mit solchen Zeugnissen, der von einem ehemaligen Kantor und vor: einiger: Anderen getrieben wird, werdet Ihr gelesen haben. Die Empfänger solcher Zeugnisse sind der Aussteller würdig. An Euch aber, die Ihr von der hohen Würde und vor: der Bedeuturrg rrnseres Standes erfüllt seid, ergeht hierdurch die dringende Bitte, sich während eirres Zeitraums von zwei Jahren der Ausstellung von Zeugnissen an Lehrer, Kantoren u. s. w. überhaupt und konsequent zu enthalten. Wer die Befähigung zum Rabbirrat besitzt, mag sich an irgend einer Rabbinerschule in Breslau, Pest, Berlin oder Preßburg prüfen lassen. Ertheüer: wir aber bis auf Weiteres an Niemand, ohne Ausrrahme, irgend ein Zeugniß, welches auch nur irr: Eirtferntesten dazr: dienen könnte, auf Schleichwegen eir: Rabbinat zu erlanger:. Ich unterzeichne r:ur mit meinem Namen allein, aber ich bin der Zustimmurlg aller einsichtigen und würdigen Kollegen sicher. Pilsen, im Januar 1891. Dr. Jecheskel Caro, Rabbiner. O Berlin, 20. Januar. Der hiesige Hurnanitätsverein „Gewul tauw" versendet soeben feinen 19. Jabresbericht. Der Verein, welcher seinen Mitglieder): in Krankheitsfällen freie ärztliche Behandlung, freie Arznei, Bandagen, Bäder und wöchentlich 10 Mark und Beihülfe zn einer Badereise gewährt, sowie den Wittwen verstorbener Mitglieder 600 Mark zahlt, hat sich aus kleiner: Anfänger: zu einet* der größter: jüdischen Vereinigungen Berlins entwickelt. Die Mitgliederzahl ist irn verflossenen Jahre von 420 auf 585 gestiegen. Eirrnahmen und Ausgaben betrugen 8500 Mark, das Vereinsvermögen beläuft sich auf 17,000 Mark. An Krankengeldern 'wurden im letzten Verwaltungsjahre verausgabt an 41 Mitglieder in 161 Wochen 1590 Mark, an Medizin, Bäder u. s. w. 369 Mark, Badereisegelder 210 Mark, an Wittwer: 973 Mark. Das neue kostbare Vereinsbanner wurde am 19. Mai 1890 zahlreich besuchter Versammlung durch das Ehrenmitglied des Vereins Herrn Rabbiner Dr. Blumenthal in,Ratibor feierlich geweiht und wird seitdem unter Genehmigung des Vereinsvorstandes an jeden: Grabe eines verstorberren Mitgliedes umflort entfaltet. Die Generalversammlung des Vereins findet am nächsten Mittwoch in Cassels Hotel statt. Beitrittserklärungen nimmt der Vorsitzende, Herr G. Michaelis, Elsasserstraße 9, entgegen. 8 Berlin, 25. Januar. Zum Bester: des „Israelitischer: Mittha- Hilfs-Vereins" finden, wie alljährlich so auch diesmal, vier Vorlesungen im Saale des Brüder-Vereins (Unter den Linder: 4a) statt, deren erste Herr Professor Dr. Barth über „Denkmäler ar:s biblischer Zeit" bereits gehalten hat. Die zweite Vorlesung hielt am 28. d. Bits Herr Landesrabbir:er Dr. S. Weiße aus Dessau über „die Schätzung der Arbeit bei den Juden", die dritte hält an: 4. Februar Herr Redakteur Wiener über „unsere Kinder und die Kenntniß der jüdischer: Geschichte," die vierte Herr Dr. Leopold A u e r b a ch über den „Christlichen Staat und die Jude::". (D Berlin, 20. Januar. Zm Lause des künftigen Monats werden die Schriften des hebräischer: L i t t e r a 1 r: r - V e r e i n s (Mekize Nirdamin) für der: sechsten Jahrgang 1890 5650) zur Versendung gelangen, und zwar: 1. Hilchoth Gedolotb (Sebluth). 2. Machsor Vitry (2. Lieferung). Neu eintreteude Mitglieder erhalten die erste Lieferurrg gratis. 3. Mischna-Kommentar des Maimonides (4. Lieferung). 4. m#1 mH1/ eir: nützliches Nachschlagebuch für Serrtenzer: und Redensarten aus Talmud ltttb Midrasch, gesammelt urrd erläutert von einem italienischen Antor des 16. Jahrhunderts. Anmeldungen für den Beitritt zum Verein, unter Beifügung vor: zehn Mark als Jahresbeitrag, nimmt entgegen Dr. Berliner, Krausnickstr. 8. O Berlin, 23. Januar. In der heutigen Sitzung des d e u t s ch e u Reichstags erregte der deutsch - sozial - antisemitische Abgeordnete L i e b e r n: a r: r: vor: S o n r: e n b e r g durch eine neue Juderrrede die nugetheilte Heiterkeit des Hauses. Die Frage der Einführung von amerikanischen: Schweinefleisch war es, welche Herrn Liebermann mächtig anregte, dem Hause der: „Witz" zu versetzen, daß die Linke vor den Trichirren keine Furcht zu Haber: brauche, da ihre Hauptschutzbefohlenen durch ihre Speisegesetze gegen den Genuß von Schweinefleisch geschützt seien. Da der „wilde Antisemit" dieser: „Witz" nicht anders reiße:: durfte, als in dem Rahmen einer Rede, so mußte das Haus eine solche über sich ergehen lassen. Daß der Präsident der: Redner mit einer Rüge unterbrechen mußte, wird Niemandei: Wunder nehmen. Ans der: persör:licher: Bemerkungen, die der Rede folgten, sei hervorgehoben, daß Herr Lieberrnarn: von Sonrrenberg sich dageger: verwahrte, eir: Genosse des Herrn von Kardorff zu sein. Es hätte uns weit weniger gewundert, wenn der Protest gegen diese Genossenschaft von Herrn vor: Kardorff ausgegangen wäre. (3 Berlin, 16. Januar. „Wahrheit und Gerechtigkeit", so nennt sich eine neue vor: Dr. F. P. Huber Hierselbst heransgegebene Wochenschrift. Die beiden bis jetzt vorliegenden Hefte lassen erkennen, daß der Herausgeber mit ebenso viel Geschick wie Eriergie neben anberen Krebsschäden der Gegenwart auch dem Antisemitismus zu Leibe geht. So beginnt im jüngsten Hefte eir: mit vieler Sachkenntrüß geschriebener, belehrender Artikel über der: Talmud. Da auch fonft die Tendenz des Blattes eine lobenswerthe ist, so sei die neue Zeitschrift, derer: Preis vierteljährlich nur 1,40 M. betrügt, urrserr: Leser:: besterrs empfohler:. ' * Breslau, 23. Januar. In einer großen Stadt einer größeren Provinz Deutschlands schwebte, wie die „M. Z." mittheilt, jürrgst eir: Strafverfahren gegen einen, verschiedener Diebstähle beschuldigten Handlungslehrling. Der Prinzipal desselben wrrrde von dem Ermittelnngsrichter vernommen urrd bei dieser Gelegenheit stellte sich heraus, daß die dem Kaufmanr: entwerrdeterr Beträge so geringe waren, daß es zur Verfolgung der Diebstähle eines Strafantrags seitens des Bestohlenen bedurfte. Der Kaufmann wurde nun gefragt, ob er diesen Strafarrtrag stellen wolle. „Ach, was liegt mir daran, daß der Mensch bestraft wird. Ich stelle keinen Strafantrag", erwiederte de Kaufmann. Der Richter