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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-29 · Heft 5 (29.1.1891) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 5 (29.1.1891)
Date
1891-01-29
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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■—— 6a —— m^mmmm'wmm ich, wenn ich einmal mti Gatt reden könnte, von Angesicht zu Angesicht dm Herrn fragen: Warum hast du uns die Liebe zu linsenp Kindern ins Herz gepflanzt? Unser ganzes Leben lang nehmen wir alle Lasten auf lins und ertrageil jede Bedrängniß, nur dainit wir unsere Kinder erhalten können. Und was ist unser Lohn dafür? Die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich daran denke, daß wir für all das Gute, das wir an ihnen thun, oft nur Undank ernten. Sind wir reich, so hoffen unsere Kinder immerfort auf unserir Tod, damit sie uns beerben mögen, sind wir aber arm, so wenden sie sich von uns ab, lassen uns im Stich mid schämen sich sogar ihrer Väter. So habe auch ich mit meinen eigenen Augen Kinder beim Tode ihres Vaters frohlocken sehen. Ich meine liümlich die Kinder des Rabbi Raphtali; denn etwa vierzehn Tage nach den eben berichteten Ereignissen verbreitete sich das Gerücht in der Stadt, daß Rabbi Raphtali in Bcrliil gestorbeil sei. Die Söhne und Töchter Raphtali'H wollten zuerst gar nicht an diese Nachricht glauben; denn erst vor ein paar Tagen hatte Raphtali seiner Frau noch das Geld geschickt, wie er gewöhnlich zu thun Pflegte, und zugleich geschrieben, daß ihn gewisse, nicht näher zu erörternde Geschäfte noch ungefähr einen Monat lang in Berlin zurückhielten. Bald nachher aber erhielt der Oberrobbincr von Sercbrjansk ein Schreiben des Berliner Obcrrabbiucrs, darin gemeldet wurde, daß Rabbi Raphtali in Berlin plötzlich an der auch dort auftretenden Cholera gestorben sei. Vor feinem Tode aber habe er ihn, ben Oberrabbi, rufen lassen und ihn gebeten, seine» letzten Willen aufzusetzen. Diesen habe er genau nach dem Diktat Raphtalis niedergeschrieben, und darauf habe ihn der Sterbende noch eigenhändig unterzeichnet und die Bemerkung beigefügt daß er diese ganze Verfügung bei völlig freiem Willen und klarem Verstände getroffen habe. Dieser letzte Wille lautete aber folgendermaßen: „Ich gehe nun den Weg alles Fleisches und muß leider in einem fremden Lande sterben, fern von meiner Frau, meinen Söhnen und Töchtern und allen meinen Freunden. Gott behüte Euch, meine Angehörigen und Freunde, daß solches nicht über Euch komme; möge es Euch wohl gehen und mögt Ihr alle hochbetagt im eigenen Hause sterben, mitten unter Euren Kindern und Enkeln, die Euch mit ihren Seufzern und Klagen die bittere Todesstunde versüßen mögen. Gott, der in das Herz der Menschen schaut, und dem alle unsere Geheimnisse offenbar sind, er weiß es, wie schwer mir der Tod wird hier in dieser fremden Stadt und unter fremden Leuten. Wie lechzet meine Seele danach, Euch noch einmal vor meinem Hinscheiden zu umarmen, meine lieben Kinder, und Euch um Vergebung zu bitten wegen meiner Hartherzigkeit; denn ich habe mich Eurer nicht erbarmt in der Bedrängnis;, wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmen soll. O Kinder, meine Kinder! Könntet Ihr die Qualen Eures Vaters mit ansehen, so würdet Ihr ihm all das Ueble vergeben, das er an Euch gethan. Ach, jetzt sehe ich es ein, wie thöricht und unsinnig ich gehandelt, weil ich Euch nichts zukommen ließ von meinen Gütern. Kann ich denn nun, da ich ins Grab steige, meinen Reichthum mit mir nehmen? Werden mich meine Schätze loskaufen von der Hand des Todesengels, der schon sein Schwert wider mich gezückt hat? Ja, ich gestehe es offen, daß ich mich schwer vergangen habe an meinen Kindern. Darum, was ich ihnen bei Lebzeiten vorenthalten, das vererbe ich ihnen jetzt, da ich sterbe. Also aber soll meine Hinterlaffenschaft vertheilt werden: 1. All mein Silber und Gold, mein Haus und alle meine unbeweglichen Güter sannnt allem Zubehör hinterlasse ich ineinen Kindern, Söhnen und Töchtern, zu gleichen Theilen. Das ist mein Wille und mein Wunsch; denn, Gott sei Dank! habe ich große und reiche Besitzungen. 2. Zwanzigtausend Silberrubel setze ich aus für die Armenschule und das Krankenhaus, mit der Bedingung, daß alle Talmudschüler täglich Psalinen leseil sollen für mein Seelenheil. 3. Zehntausend Silberrubel soll liian gleich den, Rabbi Nahum Ncitzsch ausbezahlen, der diese Summe an die Armen der Stadt vertheilen wird; und ich bitte den Rabbi Rahum hier ausdriicklich, erwöge bei der Vertheilung hauptsächlich die unverschuldet ins Unglück geratheiien ehrenhaften Bürger bedenkeii. 4. Meine Tochter Rahel soll dem Salomo Goldstengcl zum Weibe gegeben werden. Ich bekenne,' daß ich mich auch an diesem braven jungen Mann schwer vergangen habe. Weil ich ihn nicht für einen aufrichtigen Juden hielt, habe ich absichtlich das Gerücht verbreitet, er habe sich taufen lassen. Ich habe falsche Briefe geschrieben und die in Berlin anwesenden Serebrjailsker veranlaßt, diese Lügenilachricht in nnferec Vaterstadt zu verbreiten. Dies möchte ich nun dadurch wieder gut machen, daß ich ihm meine theure Tochter Rahel zum Weibe gebe, und verordne ich hiermit, daß gleich nach Ablauf der Trnuerwoche diese Hochzeit gefeiert werde. Ich aber will im Himmel beten für das Glück und das Wohlergehen des jungen Paares. 5. Meiner Frau hinterlasse ich fünftausend Silberrubel mtb empfehle sie den; Schutze meines ältesten Sohnes Mardochai. Ich hoffe, daß er sie ihr ganzes Leben lang in Ehren halten wird, wie cs einein braven Sohne geziemt. 6. Ich wünsche und befehle, daß alle diese Bestimmungen ohne jedweden Aufschub vollzogen werden sollen. Dies Alles schrieb ich bei völlig freiem Willen und bei klarem Verstände, und Niemand soll das Recht haben, auch nur ein Titelchen an diesen meinen Verordnungen zu ändern. Raphtali-ben-Chaim Pappenpfeiff." Dieses Testament machte ungeheures Aufsehen in Serebrjansk. Man vergaß die todte Tochter der Hannah, ja man vergaß sogar die Cholera. Alles Volk sprach nur über dieses merkwürdige Testament. Salomo Goldsteugel kam cms. seinem Versteck hervor, darin er sich so lange verborgen gehalten hatte, und wurde mit offenen Armen und mit Freudenthränen von seiner Mutter lind allen seinen Angehörigen ausgenommen. (Fortsetzung folgt.) P Littcrarischr JBittlji’iUtmiim. ---- Seneca und die jüdische Ethik. Seitdem die Juden mit fremden Völkern verkehrt, haben sie die Aufmerksamkeit zeitgenössischer Schriftsteller auf sich gelenkt, die wohl- oder übelwollend zu ihnen Stellung genommen haben. Wie mancher jüdische Gedanke ist durch dieses Medium in breite und weiteKreise gedrungen und hat veredelnd auf dieselben gewirkt. So finden sich in den Sentenzen des römischen Schriftstellers Seneca Stellen, die unseres Erachtens oft unzweifelhaft jüdische Signatur an sich tragen und uns daher besonders beachtenswerth erscheinen. So klingt die Stelle: guietissirne viverent homines in terris, si duo verba tollerentur „meum“ ei „tuum“, in der freilich der Grundgedanke des Kommunismus sich ausprägt, auch an Pirke Aboth V, 10 an (Das Meine — Dein, das Deine auch Dein — ist des Frommen Grundsatz.) — Klarer weist aber auf jüdische Provenienz, und zwar auf Hillels Ausspruch die Sentenz hin: Quod tibi fieri non vis, alteri ne feceris. Wer könnte nun aber angesichts der Sentenz: Res optima est non sceleratos exstirpare. sed scelera zweifeln, daß wir hier das bekannte treffliche Wort der frommen Beruria (des edlen R. Meir gottesfürchtiges Weib) vor uns haben! So besitzen wir in diesen Senecaschen Sentenzen den, wie uns scheint, unwiderleglichen Beweis für das Eindringen jüdisch-ethischer Ideen und Maximen in den Gedanken- und Vorstellungskreis der alten Römer. Dr. M. Silber stein. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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