Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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-•»- FEUILLETON ->&- Rach« ist füg. Humoreske nach dem Hebräischen bearbeitet von Dr. S. Mandelkern. (Fortsetzung.) Die „umgehende" Tochter der rothen Hannah war eine Frau von ungefähr fünfundzwanzig Jahren gewesen. Sie hatte wohl fromm und gottesfürchtig gelebt, aber einen Fehler hatte sie begangen: sie hatte sich bei der Hochzeit ihr schönes langes Haar nicht abscheeren lassen. Auch raunten sich die Frauen zu, daß sie nicht alle Waschungen nach Vorschrift befolge. Die frommen Frauen hätten ihr zwar oft gesagt, daß dies noch'ein böses Ende nehmen würde, aber sie habe nicht darauf hören wollen. Darum mußte sie jetzt auch nach ihrem Tode umgehen. Es ist mir gar nicht möglich, den Schrecken zu beschreiben, den dieses Gespenst den Bewohnern der Stadt Serebrjansk einjagte. Mit einem Wort, Alles zitterte. Sobald die Nacht hereinbrach, wurden alle Thüren verrammelt, und Jeder versteckte sich in den hintersten Winkel seiner Wohnung. Wenn nur ein Thürschloß klapperte oder ein Möbel krachte, so erschrak Alles; denn man glaubte, es sei die tobte Frau. Alle jungen Frauen ließen sich eiligst das Haar scheeren, damit es ihnen nicht wie der Tochter der Hannah ergehen möge. Der Rabbi schickte drei Aelteste auf das Grab der Todten und ließ ihr in seinem Namen gebieten, sie möge sich nicht unterstehen, die Bürger von Serebrjansk noch länger zu erschrecken. Aber was half das Alles! Nacht für Nacht ging die Todte wieder um in den Straßen der Stadt. Als man erfuhr, daß Rahel den Salomo besucht habe, da schrie, wie schon gesagt, die rothe Hannah Zeter; denn sie behauptete, daß nur um der Sünden der Rahel willen ihre todte Tochter keine Ruhe im Grabe finde. Alle aber sielen über die arine Rahel her, weil sie glaubten, nur wegen ihrer Verworfenheit höre die Cholera nicht auf zu wüthen in der Stadt. Die glaubenseifrigen Frauen schworen, die Rahel in Stücke zu zerreißen, wenn sie sie auf der Straße je begegnen sollten. Und wer weiß, ob Rahel im Hause ihres Vaters vor diesen Erbitterten sicher gewesen wäre, wenn nicht Naphtali's Verwandte sie unter ihren Schutz genommen hätten. Rabbi Micha aus Brody aber schrie lauter als Alle. In schwungvollen und feurigen Büßpredigten bewies er den Einwohnern der Stadt, daß es ein gutes lind gottgefälliges Werk sei, solcher sündhafter Frauen, wie die Rahel eine sei, sich zu entledigen ... Da ich nun einmal den Rabbi Micha aus Brody genannt habe, so muß ich die Leser auch näher bekannt machen mit diesem außerordentlichen Manne, besonders weil heutzutage — infolge unserer vielen Sünden — solche Gestalten immer seltener werden. Rabbi Micha aus Brody war ein Mann von circa fünfzig Jahren, der sein ganzes Leben in den Jeschiboth und in den Klausen zugebracht hatte. Schon in seiner frühesten Jugend war er nach Serebrjansk gekommen, aus seiner Geburtsstadt Brody, wo seine Eltern wohnten. (So hat er es mir selbst mit seinem frommen Munde erzählt, während einige Verleumder behaupteten, er stamme aus Litalien und sei der Sohn eines Straßenkehrers.) In unserer Stadt aber hatte er sich ein warmes Nest gebaut. Er lernte einige Jahre hindurch in unserer Klause, dann machte ihn ein wohlhabender Bürger zu seinem Schwiegersohn. Seit dieser Zeit hat er unsere Stadt nicht einmal auf einen Tag verlassen. Auch hat er die ganze Zeit hindurch niemals nur eine einzige Kopeke verdient. Er lebte vom Verdienst seiner tüchtigen und resoluten Frau, die einen schwunghaften Butterhandel betrieb und dadurch nicht nur ihren Mann, den berühmten Talmudgelehrten, sondern auch ihre Kinder ernährte und außerdem noch Mitgift für die Heranwachsenden Söhne und Töchter zusammenscharren mußte. Dieser arme Mann mußte sich von seiner Frau viel gefallen lassen. Besonders fuhr sie ihn hart an, wenn er ihr zuweilen ein Stück Butter entwendete, um sich davon bei der Bäckerin Sarah eine Bretzel backen zu lasten, die er dann mit Zittern und Zagen verzehrte. Aber das sage ich dir, lieber Leser, hättest du den Rabbi Micha aus Brody gekannt, du hättest zugeben inüsscn, daß er ein wahrhaft frommer Mann war. In seiner Kleidung und in all seinem Lebenswandel glich er einem der sechsunddreißig Gerechten. Wenn er mit Jemand sprach, so schlug er seine Augen immer zum Himmel auf. Von weltlichen Dingen redete er er überhaupt niemals, sondern immer nur vom Jenseits. Und bis in die kleinsten Einzelheiten konnte er all die verschiedenen Qualen aufzählen, welche die Sünder in Gehenna zu erleiden haben, gerade als ob er selber dort gewesen wäre. Er war es immer, der zuerst über alle Freidenker schrie und gegen alle Neuerungen zeterte in der Stadt. So sah er einst, daß in unserer Synagoge der Vorbeter von einem mit jenen Chartunim, jenen Kraxelfüßen, die man Noten nennt, beschriebenen Blatte sang. Da rannte er zornig auf den Vorbeter los, riß ihm das unreine Papier aus den Händen und schrie: „Nicht für uns Juden ist solch' sündiger Firlefanz geschaffen. Unser Bethaus ist keine Chorschul!" Wenn er Liebesleute auf der Straße zusammenstehen sah, so fuhr er sie heftig an, inden» er behauptete, solche ungeheure Sünden verzögerten die Erlösung des Volkes Israel aus der Knechtschaft und der Verbannung. Es gab zwar manche, die von ihm sagten, er sei . . . Aber ich will ihre Worte gar nicht über meine Lippen bringen; denn es sind doch nur eitel Lügen nnd Verleumdungen. Auch dieser fromme Mann sah die todte Tochter der Hannah; denn als er spät des Nachts die Klause verließ, begegnete er ihr hinter den Buden und sprach mit ihr. Der Schadchen, Rabbi Löb, hat es mit eigenen Augen gesehen, wie der Rabbi Micha hinter den Buden mit einem Weibe sprach, und da dachte er sich gleich, daß das nur die todte Tochter der Hannah sein könne; denn er wußte wohl, daß solch' ein Zaddik wie Rabbi Micha, bei Nacht mit keiner anderen Frauensperson sprechen würde. Der Schadchen Löb meinte zwar auch, die bei Lebzeiten so hübsche Tochter der Hannah sei ihm als Gespenst im Mondschein stark verändert vorgekommcn und habe auffallend der bekannten, nichtsnutzigen Marianne geglichen, die am Sabbath in den Häusern herum ging, um die Lichter auszulöschen. Jedenfalls bat die arme ruhelose Todte den frommen Rabbi Micha, daß er sich ihrer erbarme und ihrer Seele Erlösung verschaffe, da sie doch wissen mußte, daß er beim obersten Gericht des Jenseits so gut angeschrieben sei. Dieser fromme Rabbi Micha donnerte so heftig gegen die ruchlose Rahel, daß wirklich viele Serebrjansker sie am liebsten gleich umgebracht Hütten. Leider aber erfuhr die böse Rahel, daß man Schlimmes gegen sie im Schilde führe nnd theiltc alles dem Jsprawnik mit. Dieser ließ nun in allen Synagogen und Klausen bekannt machen, daß wenn der Rahel, der Tochter des Naphtali, auch nur das geringste Leid zugefügt würde, er dies an der ganzen Gemeinde auf's Strengste ahnden wolle. Ebenso suchten ihre Brüder sie zu schützen. Sie wichen nicht vom Hause ihres Vaters und beschirmten die nngerathene Schwester Tag und Nacht. VII. Gute Nachricht. Sagt Judke Schmerkes: Es ist zwar jedem Israeliten verboten, an Gott Fragen zu stellen; denn kein Volk ist vollkominen, und wer diirfte ihm sagen: Was hast bu da gemacht. Aber dennoch würde