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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-29 · Heft 5 (29.1.1891) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 5 (29.1.1891)
Date
1891-01-29
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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- ' 56 — von patriarchalischer Gemüthlichkeit und Güte, wovon sein Familienleben das schönste Zeugniß bietet. Wohl haben wir darüber nur indirekte Anspielungen von Heine, die aber auf ein freudvolles Znsaininenleben schließen lassen. So schreibt er an Moser: „Ich träumte auch, Gans und Mardochai Noah kamen in Stralau zusammen, und Gans, war, o Wunder! stumm wie ein Fisch. Zunz stand sarkastisch lächelnd dabei und sagte zu seiner Frau: „Siehst du Mäuschens" — In einem zweiten heißt es „Grüß mir — Zuuz Wenn ich Zeit hätte, würde ich der Doktorin Zunz eineil hübschen jüdischen Brief schreibeil." In einem dritten Briefe an Moser persiflirt er den eingegangeucn Verein, seine Mitarbeiter und seine Bestrebungen; da heißt es: „Noch diese Nacht träumte ich von Dir. In altspanischer Tracht und auf einem audalusischen Hengst rittest du in der Mitte eines großen Schwanns von Juden, die nach Jerusalem zogen. Der kleine Markus, mit seinen großen Landkarten und Reisebcschreibnngeu, ging voran als Wegweiser. Zunz en escarpino trug die in rothen Maroquin eingebundene Zeitschrift; die Doktorin Zunz lief nebenher als Marketenderin, ein Füßchen jonteftigcn Branntwein auf dem Rücken." Nachfolgende Bemerkungen beweisen, wie Heine Zunz's Scharfsinn und Gelehrsamkeit zu schätzen und lvürdigen verstand. Denn bedeutenden Einfluß hatte unbedingt Zunz und der Verein auf Heine ausgeübt, daß er sich eine kurze Zeit mit der jüdischen Wissenschaft crirstlich beschäftigte und seine „Hebräische Melodien" haben wir einzig diesem Kreise zu verdanken; auch der Rabbi von Bacharach ist ein Ergebniß seiner jüdischen Studien, natürlich loie diese Stückwerk, so ist auch sein „Rabbi" Fragment geblieben. Unter andern las Heine das Buch des ersten europäischen Weltreisenden, die Reisebeschreibung des im 12. Jahrhunderte lebenden Benjamin von Tudcla und schreibt darüber an Moser: „Benjamin von Tudela, der jetzt auf meinem Tisch herumreist, läßt Dich herzlich grüßen. Er wünscht, daß ihn Zunz inal bearbeite und mit Uebersetzung herausgebe." Ein anderes Mal berichtet er: „Dein Dr. Zunz lasse ich für seine Mittheilung über die spanischen Juden tausendmal danken. Obschon sie höchst dürftig ist, so hat Zunz mir doch mit einem einzigen scharfsinnigen Blick mehr genützt, als einige vergeblich durchstöberte Quartbünde und er wird unbewußt auf den Rabbi influenzirt haben." Und von dieser seiner Novelle sagt er einmal mit scherzender Wichtigthuerei zu Moser: „Es wird ein Buch sein, das von den Zunzen aller Jahrhunderte als Quelle genannt wird." Seine ungeheuchelte Theilnahme an den wisienschaftlichen Bestrebungen Zunz's zeigt - Heine in einem an Zunz selbst gerichteten Briefe. Friedrich Wilhelm III. hatte nämlich den preußischen Juden das Predigen im Gotteshause verboten, mit der Begründung, die Predigt sei eine christliche Institution. Als Antwort auf diesen Erlaß schrieb Zunz sein großartigstes Werk: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden historisch entwickelt", in welchem er mit meisterhaftem Scharfsinn, mit unerreichter Gelehrsamkeit nachwies, daß die Predigt uralte jüdische Einführung sei, die mit den Propheten anfing und im Laufe der Jahrtausende niemals gänzlich ausstarb, vom Christenthum aber lediglich übernommen wurde. Diesem Buch fehlte leider der Herausgeber, und Zunz wandte sich an den im Jahre 1829 schon berühmten Freund Heine um Hilfe. Dieser schrieb ihm darauf: „Lieber Zunz! Ich habe gestern mit Baron Cotta über das von Ihnen zu schreibende Werk ziemlich wirksam gesprochenlund ihn demgemäß nicht abgeneigt gefunden, den Verlag desielben zu unternehmen. Ich habe ihm gesagt.. . daß Ihr Werk zu gleicher Zeit als theologisches Fakultätsbuch den Theologen nöthig sein wird und zugleich als wichtige litterarische Erscheinung auch den Nicht-Theologen und dem gesammtey gebildeten Publikum interessant erscheinen muß, dergestalt, daß auf Leser und Käufer von beiden Klaffen zu rechnen ist. — Sie werden mich zu jeder Zeit bereit finden, in dieser Angelegenheit Ihr Interesse zu vermitteln, indem Keiner mehr als ich das Geschriebenwerden Ihres Werkes, der beförderten Wissenschaft und meines eigenen Vergnügens wegen, wünschen kann. Mit Hochachtung Ihr Freund H. Heine." Heine wußte auch, daß Zunz über das Judenthum, über die Gleichberechtigung ganz anders dachte, als jene Schöngeister und Philosophen, daß er ein selbstbewußtes, nicht kriechendes Judenthum verlange, daß er keine erkaufte oder erbettelte Emanzipation wünsche, diese nicht als Geschenk, sondern als gutes Menschenrecht forderte. Und Heine würdigte diese Prinzipien sehr wohl, und als er vernahm, daß Zunz seine Predigten herausgeben wolle, da schrieb er an seinen Freund Wohlwill: „Ich erwarte viel von seinen nächstens erscheinenden Predigten; freilich keine Erbauung und sanftmüthige Seelenpflaster; aber etwas viel Besseres, eine Aufregung der Kraft. Eben an letzterer fehlt es in Israel." Noch einmal erwähnt Heine seinen Freund Zunz. 1854, zwei Jahre vor seinem Tode, schrieb Heine einen kleinen Aufsatz, betitelt „Ludwig Marcus. Denkworte." Dieser Gelehrte war im Jahre 1823 Mitglied des „Vereines für Kultur und Wissenschaft der Juden" und starb 1854 in Paris, lieber diesen Mann schrieb Heine, zugleich aber auch über den Verein und über Zunz. In seinen Worten über Zunz liegt eine rührende Begeisterung, eine so innige Liebe und Hochachtung, zugleich aber auch eine Selbstanklage und Selbstanschuldigung. „Wie dürfte ich von jenem Verein reden", schreibt er, „ohne dieses vortrefflichen Zunz zu erwähnen, der in einer schwankenden Uebergangsperiode immer die unerschütterliche Unwandelbarkeit offenbarte, und trotz seinem Scharfsinn, seiner Skepsis, seiner Gelehrsamkeit, dennoch treu blieb dem selbstgegebenen Worte, der großmülhigen Grille seiner Seele. Mann der Rede und der That hat er geschaffen und gewirkt, wo Andere träumten und muthlos hinsanken." Ja wohl! Wo die philosophische und der modernen Litteratur ergebene Partei der deutschen Juden mit Heine und Eduard Gans an der Spitze träumten und muthlos hinsanken, abfielen, da hat Zunz, der Führer der dritten Partei, der Regenerator der jüdischen Wissenschaft in deutscher Sprache, geschaffen und gewirkt, erhalten und belebt,- ermuthigt und erweckt. Nicht, als ob es nur eine großmüthige Grille seiner Seele gewesen wäre, blieb er treu seinem selstgegebenen Worte, sondern weil er dies Judenthum liebte, weil er in der Vergangenheit seines Volkes eine Bürgschaft für eine glückliche Zukunft sah, es war seine unerschütterliche Ueberzeugung, daß die Gleichstellung ohne Aufopferung des Eigenen kommen muß, daß die jüdische Wissenschaft früher oder später ihren Platz in der Weltlitteratur sich erringen wird: Tic Hoffnung und Ueberzeugung hat Zunz sich verwirklichen sehen, vor seinen Augen siel eine Kette nach der anderen, die Bearbeitung der jüdischen Wissenschaft, erblühte und die Wege, die er angebahnt und einsam betreten, durchziehen heute Hunderte von treues Arbeitern; nicht Nur jüdische, sondern auch christliche Gelehrte widmeten und widmen der jüdischen Wissenschaft ihre besten Kräfte. Aber auch den traurigen Umschwung hat er miterlebt, er hat es mit angesehen, wie man nach und nach die alten Feffeln aus den finsteren Ecken wieder hervorholt, mit ihnen liebäugelt, uns wieder zum Duldervolk stempeln möchte, als 92jähriger Greis starb er im Jahre 1886 — ein Mahn- und Wahrzeichen den kommenden Geschlechtern. Geehrte Versammlung! Wohl in etwas veränderter Form sehen wir in unseren Tagen den Geist jener Zeit und jenes Jahres 1819 wieder auftauchen, sowohl im Judenthum, als auch in der christlichen Gesellschaft. Viele Jahrzehnte werden noch dahinschwinden, man wird uns noch oft umarmen und wieder verstoßen, bald

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