Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
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55 Schmerzes sich durch Mittheilsamkeit doch wenigstens theilweise zu entledigen: „Dahin bin ich gekommen, an eine Inden-Reformation nimmermehr zu glauben; der Stein muß auf dieses Gespenst geworfen und dasselbe verscheucht werden. Tie guten Juden, das sind Asiaten, oder die (ihrer unbewußt) Christen, oder die Wenigen, wozu ich und noch ein paar gehören — sonst würde ich mich geschämt hüben, so unbescheiden zu sein. Aber die bitterste Ironie kennt diese kindischen Konvenienzen nicht mehr. Tie Juden und das Judenthum, das wir rekonstruiren wollten, ist zerrissen und die Beute der Barbaren, Narren, Geldwechsler, Idioten, Parnasim. Noch manche Sonnenwende wird über dieses Geschlecht hinwegrolleu und es finden, wie heut: zerrisien, überfließend in die christliche Nothreligion, ohne Halt und Prinzip, zum Theil im alten Schmutz, von Europa bei Seite geschoben, fortvegetirend, mit dem trockenen Auge nach dem Esel des Messias oder einem andern Langohr hinschauend — zum Theil blätternd in Staatspapieren und dem Konversations- Lexikon; halb reich, bald bankerott; bald gedrückt, bald tolerirt. Die eigene Wissenschaft ist unter den deutschen Juden erstorben, uttd für die europäische haben sie deswegen keinen Sinn, weil sie sich selber untren, der Idee entfremdet und die Sklaven bloßen Eigennutzes geworden sind. Dieses Gepräge ihres jämmerlichen Zustandes tragen denn auch ihre Skribenten, Prediger, Konsistorialräthe, Gemeinde- Berfassungcn, Parnasim, Titel, Zusammenkünfte, Einrichtungen, Subskriptionen, ihre Litteratur, ihr Buchhandel, ihre Repräsentationen und ihr Glück utib ihr Unglück. Keine Institution, kein Herz und kein Sinn. Alles ist ein Brei von Beten, Mark-Banko und Rachinones, nebst Brocken von Aufklärung und Chilluk! Nach diesem grausigen Umriß des Judenthums verlangen Sie wohl keine Erklärung, warum der Verein sammt seiner Zeitschrift eiugeschlafcn, und sie ebenso wenig vermißt werden, als die Tempel, Schulen und das Bürgerglück. Der Verein ist nicht an den Spezialvereinen gestorben, welches blos die Folge eines Verwaltungsfehlers hätte genannt werden dürfen, sondern er hat in der Wirklichkeit nie exislirt. Fünf bis zehn begeisterte Menschen haben sich gefunden und, wie Moses, auf die Fortpflanzung dieses Geistes zu hoffen gewagt. Das war Täuschung. Was allein aus diesem Mabbul unvergänglich auftaucht, das ist die Wissenschaft des Judenthums, denn sie lebt, auch wenn Jahrhunderte lang kein Finger sich für sie regte. Ich gestehe, daß, nächst der Ergebung ui das Gericht Gottes, die Beschäftigung mit dieser Wissenschaft mein Trost und Halt ist. Auf mich selbst sollen jene Stürme und Erfahrungen keinen Einfluß haben, der mich mit mir selber in Zwiespalt bringen könnte. Ich habe gethan, was ich zu thun für meine Pflicht hielt. Weil ich gesehen, daß ich in der Wüste predigte, habe ich aufgehört zu predigen, doch nicht, um dem Inhalt meiner Worte treulos zu werden. Sapienti sat. Nach dem Bisherigen werden Sie leicht schließen, daß ich für keine geränschvolle Auflösung des Vereines stimnien kann. Eine solche, wenn sie nicht aus bloßer Eitelkeit eingegebeü sein und an die Fabel des berstenden Frosches erinnern soll, wird vor den Augen der Juden u. s. w. ebenso wirkungslos wie alles Bisherige vorübergehen. Nichts bleibt den Mitgliedern, als treu sich selber in ihren beschränkten Kreisen zn wirken und Gott das Weitere zu überlassen." Und was Zunz in diesem Briefe ausgesprochen hat. er hat es auch bis aufs letzte Wort cingehalten; er opferte sich nicht hin, er harrte ans, und an der Spitze jener Partei selbstbewußt schreitend, die jüdische Wissenschaft mit europäischer Bildung, Vaterlandsliebe mit Glaubensfestigkeit verband, ward er der Nestor der jüdischen Wissenschaft, schuf Anerkennung und Achtung seiner verachteten Litteratur. — Zu solchem Endresultate führt unausweichlich die Liebe zur Wiffenschaft des Judenthums, zum entgegengesetzten init mathematischer Sicherheit der Jndifferentismus gegen dieselbe, zum Abfall vom Glauben, zur Taufe. Was Heine und Eduard Gans vielleicht nach vielen inneren Kämpfen gethan, das vollzogen und vollziehen Hunderte ohne Bedenken, ohne Gewissensbisse. — Das Prinzip allein, das Zunz am Anfänge dieses Jahrhunderts aufgestellt, das allein ist das erhaltende, rettende: aufblühen muß die Wissenschaft des Judenthums, gepflegt muß sie werden von den gebildeten Ständen der Juden. III. Geehrte Versammlung! Wir kleineren Menschen verweilen bei unseren Geistesheroen so gerne daß auch ich, meine Auseinandersetzung der Gefahr und Folge des Jndifferentismus abschließend, bei Zunz und Heine noch säumen will, um ihr näheres Verhältniß zu einander schildern zu können. — Wer Zunz niemals gesehen hat, ihn nie nennen hörte, der folge meiner Zusammenstellung von Heines kurzen, brieflichen Bemerkungen über ihn und er wird eine Beurtheilung hören, sowohl der äußeren Erscheinung, wie auch des ganzen Wesens, der Verdienste Zunzens, wie sie kräftiger, wahrheitsgetreuer niemals gesprochen werden kann; was aber das Bewunderungswürdigste ist, dieses Urtheil fällte Heine, als Zunz noch kein einziges seiner Meisterwerke geschrieben hatte. — Wie Heine in Zlinzcns Haus kam, der 1822 schon verheirathet war, ist unbekannt. Sicher ist aber, daß er sich in diesem kleinen Kreise unendlich wohl fühlte. Da wurde Alles besprochen, Heine las Verse, der Hausherr erheiterte seine Gäste mit den später so berühmt gewordenen Zunz-Witzen, und die Frau trug das Ihrige bei, das Weilen im Hause angenehm zu gestalten. Von Heine's Liebe für Zunz und für ihr freundschaftliches Verhültniß zeugen viele Stellen seiner Briefe, sowie die an Zunz selbst gerichteten Schreiben. So schreibt er im Jahre 182(1 folgenden Brief: „An Dr. Zunz, designirter Richter über Israel, Vizepräsident des Vereines für Kultur und Wissenschaft der Juden, Präsident des wissenschaftlichen Instituts, Redakteur der „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums", Mitglied der Ackerbaukommission, Bibliothekar. — Bei letzterem Titel werde ich stehen bleiben, indem ich Ihnen anbei ein Exemplar meines neuesten Buches für die Vereinsbibliothek überschicke, mit der Bitte, int Falle letztere schon nach Arrarat versetzt ist, das besagte Exemplar an die Frau Doktorin Zunz zum Gebrauch in der Küche gefälligst zu übergeben. Der größte Theil dieses Buches ist Quelle und ist daher unentbehrlich für die Geschichte unserer Juden. Ich aber bin mit aller Liebe und Freundschaft Ihr H. Heine, Dr. jur. und Mitglied des Vereins für Kultur und Wissenschaft der Juden im achtzehnten Jahrhundert." — In einem anderen, an Moses Moser gerichteten Briefe heißt es: „Da Zunz kein Formelmensch ist, so kann ich einen besonderen Brief sparen, indem ich Dir mittheile, was Du ihm sagen sollst. Dies besteht noch darin: 1. daß ich ihn liebe, 2. daß ich ihn schätze." In einem zweiten heißt es: „Grüße mir Zunz und seine Frau. Ich lasse ihm danken, daß er meinem Bruder so viel Freundlichkeiten erzeigt. Derselbe hat mir viel neue Zunz-Witze erzählt." Wieder in einem dritten: „Grüße mir Zunz vielmal; ich habe mich über seine Beförderling herzlich gefreut. Entschuldige niich, daß ich ihm noch nicht geschrieben, ich will ihm bald von Göttingen aus schreiben. Du darfst ihn versichern, daß es nicht meine Faulheit, was inich am Schreiben hindert, sondern mein armer Kopf." In folgender Aeußerung liefert er das treue Bild des äußeren Zunz: „Ich mag ihn gut leiden und es schmerzt mich bitterlich, wenn ich sehe, wie dieser herrliche Mensch so sehr verkannt wird wegen seines schroffen, abstoßenden Aeußeren." Zunz's Schroffheit lag mir in seinen von der Natur so stiefmütterlich behandelten Gesichtszügen, nicht aber in? seinem Herzen. Dies war