Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 nagelneuen Lehrer ohne' Erfahrung einen Nachbarlehrer, eine im Amte durch und durch erfahrene, eichenfeste Lehrernatur — wie wir sie in den ersten Schülern Diesterwegs bewundern — zur Seite. Auf dem Lehrpulte dieses Beirathes unseres Helden standen in großen, lateinischen Lettern die zwei Wörter: „Liebe und Geduld", Wörter, die sowohl einer Mutter, wie einem Lehrer als Leitsterne stets vor Augen schweben müssen. Fragt man sich nun, was den Dichter des herrlichen Werkes, worin anch die Wechselbeziehung zwischen Haus und Schule so deutlich anschaulich gemacht wird, befähigte, so tiefe Blicke in das Erziehungs- und Unterrichtswesen zu thun, so mögen als Faktoren die Umstände mitsprechen, daß der Dichter des „Neuen Leben" von reiner Menschenliebe beseelt — Sohn eines Lehrers war und gern mit Lehrern verkehrte — und daß er in inniger Beziehung stand mit dem edlen Menschenfreunde, mit dem Meister der Erziehung und Lehrkunst, mit dem verewigten Diesterweg, dem genialen Pädagogen. Also, verehrte Freundin! ich empfehle Ihnen obengenanntes Buch und wünsche nur, daß der Geist, der aus ihm zu Ihnen redet, auch herüber wehe und mir vvrschwebe in den Stunden, die ich der eigentlichen Antwort Ihres Schreibens so gern widme. Ihr Sie hochschätzcnder T. 9 Zun; und Herne. Ein Vortrag von Rabbiner Dr. Ziegler. (Schluß.) Noch einmal flammte in jenen Tagen die Begierde und Sehnsucht auf, das Judenthum zu erhalten und auch zeitgemäß zu reformiren; noch einmal versammelten sich Vertreter aller drei Richtungen für eine kurze Zeit, um durch Vereinigung ihrer Glaubensgenossen einen Einhalt in dem charakterlosen Verlassen der väterlichen Religion zu gebieten und an der Befreiung unentmuthigt fortzukämpfen. Junge, unerfahrene Männer waren es, in deren Herzen die Begeisterung noch immer nicht erloschen war, die das Gute noch immer erhofften und erstreben wollten. Es waren ihrer zwei, die die Rettung in die Hand nehmen wollten: Eduard Gans, der seiner Zeit bedeutende Rechtsphilosoph, und Leopold Zunz, der im klassischen Deutsch schreibende jüdische Gelehrte. Zu ihnen gesellte sich dann auch die dritte Richtung, die deutsch-litterarische, mit ihrem Vertreter Heinrich Heine, dem deutschen Dichter. Diesen schlossen sich Mehrere an: Gelehrte, Kauflente und viele Andere. Ende des entsetzlichen Jahres 1819 gründeten sie in Berlin den „Verein für Kultur und Wiffenschaft der Juden". Ihr Ziel war, den Kreis der jüdischen Intelligenz zu vergrößern, Schulen, Seminarien, Akademien zu gründen, zugleich aber auch die Jugend zum Ackerbau, zuin Handwerk, zur Kunst anznhalten und „durch Umarbeitung des Tons und der gesellschaftlichen Verhältnisse" die endliche Gleichberechtigung herbeizuführen. Eine Bibliothek wollten sie gründen, in Verbindung gedachten sie zu treten mit allen jüdischen Gemeinden Deutschlands, um anzueifern, zu begeistern. Sie errichteten ein wissenschaftliches Institut, eine Freischule, in der auch Heine Unterricht gab, beschloffcn eine neue Bibelübersetzung, hielten wissenschaftliche Vorlesungen und veröffentlichten eine „Zeitschrift für die Wiffenschaft des Judenthums" unter Zunz's Redaktion, ja, es entstanden sogar Zweigvereine in Hamburg und Altona. Wir sehen, es fehlte diesen jungen Männern weder an Begeisterung, noch an Willen, noch an Fähigkeit. Nur leider kamen sie zu spät. Der bewußte Jndifferentismus zehrte am Mark des Judenthums und forderte seine ungezählten Opfer in allen Kreisen: der Verein vermochte keine Theilnahme für sich zu erwecken; die Litteraturschwärmer, Schöngeister und Philosophen beachteten ihn nicht, und die dritte Partei war zu schwach und zu arm, um ihn aufrecht zu erhalten. Was frommte es, wenn Heine in Hamburg für den Verein arbeiten, Mitglieder werben wollte, was nützten Sendschreiben und Reden? Es kam, was voraus zu sehen war: im Jahre 1823 löste sich der Verein auf. Die Zeitschrift selbst erschien nur in wenigen Heften. Wie gewöhnlich, wenn ein Unternehmen mißlingt, lag die Schuld des Fehlgangs an beiden Theilen. Zunz, Gans und Genossen verstanden es nicht, ihre Sache populär zu machen. Heine sagt es selbst in einein Briefe an Zunz, den Redakteur der Zeitschrift: „Ich habe von Moser (dieser treue Freund Heine's war der Sekretär des Vereins) die Zeitschrift erhalten und selbige bereits ausgeschnitten, durchblättert und theilweise mit Aerger gelesen. Ich will gar nicht in Abrede stellen, daß die Sachen darin gut sind, aber ich muß freimüthig gestehen, und erführe es auch der Redakteur, der größte Theil, ja drei Viertel, des dritten Hefts ist ungenießbar wegen der verwahrlosten Form. Ich will keine poetische Sprache, aber eine verständliche, und ich bin fest überzeugt: was ich nicht verstehe, versteht auch nicht David Lewy, Israel Moses, Nathan Jtzig, ja nicht mal Auerbach II. (Jakob). Ich habe alle Sorten Deutsch studirt, sächsisch Deutsch, schwäbisch Deutsch, fränkisch Deutsch — aber unser Zeitschrift-Deutsch macht mir die ineisten Schwierigkeitei,. Wüßte ich zufällig nicht, was Ludwig Markus und Dr. Gans wollen, so würde ich gar nichts von ihnen verstehen. — Dringen Sie doch bei den Mitarbeitern der Zeitschrift auf Kultur des Stils; ohne diese kann die andere Kultur nicht gefördert werden. Indessen, ich möchte hier ungefähr das anwenden, was Sie beim Erscheinen der ersten Bände Jost'scher Geschichte äußerten, indem Sie sich alles Urtheils darüber enthielten, weil es doch möglich sei, daß diese doch vorsätzlich so schlecht geschrieben worden, damit die spütern Bände desto glänzender aussielen; auf gleiche Weise möchte ich vermuthen, die Aufsätze der Zeitschrift werden von Ihnen, so geordnet, daß man einst in einer Reihe von Jahrgängen genau Nachweisen kann, wie sich der deutsche Stil unter uns Wissenschaftsjuden allmülig ausgebildet. lieber diese Bedeutung der Zeitschrift möchte ich einen eigenen Aufsatz schreiben, betitelt: „Die Naturseite der Zeitschrift". Seien Sie mir des Obengesagten halber nicht böse, lieber Zunz; erstens bin ich ja ein Abonnent der Zeitschrift, zweitens liebe ich Sie." Gewiß! viel Wahrheit liegt in diesen Worten Heine's, der Verein verstand es nicht, sich beliebt und angesehen zu machen, hätte er aber noch so schön, noch so glänzend geschrieben, es hätte auch dies nichts genützt: das Jndenthum war zu sehr infizirt, der Abfall war unausbleiblich. Den besten Beweis geben uns ja die Führer des Vereins selbst, von denen Jeder in einer besonderen Richtung erzogen wurde, und die Alle jenen Weg gingen, der die natürliche Folge dieser Erziehungen war. Im Jahre 1825 ließ sich Heine, der Dichter, taufen, kurze Zeit darauf der Rechtsphilosoph Gans — Beide Führer des Vereins und Beide, um eine Anstellung beim Staate zu erreichen. War doch Beider Judenthum nur eine Idee, und Ideen, Gedanken sind so elastisch! Zunz aber, der Vertreter der dritten Richtung, der jüdischen, Wissenschaft gepaart mit deutscher Bitdung, was that er, nachdeni sein Traumbild zerfloß, nachdem er sein Streben so vernichtet sah? Hören wir ihn selbst. Es ist ein denkwürdiger Brief, dessen Zeile auch unsere Zeit noch grell beleuchtet und ein Warnungsruf auch unserem Geschlecht sein darf. An seinen Freund Wohlwiü schrieb er diesen Brief, der stille, sonst so wortkarge Zunz, uni seines