Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Daß die Ansprache möglichst einfach, dem kindlichen Gemüth nnd der Fassungskraft der Schüler angemessen sein muß, braucht dem Prediger nicht erst gesagt zu werden, er wird seine Aufgabe nicht darin erblicken, geistreiche Interpretationen zu machen, oder in kunstvollem Periodenban seine Redegewandtheit darzuthun, er wird sich vielmehr bemühen, durch seine von Herzen kommenden Worte die Liebe zur Religion in den Herzen der Schüler zn erhöhen, sie zu einem tugendhaften rmd gottesfürchtigcn Lebenswandel zu ermahnen und ihnen aus der Vergangenheit Israels Muster und Vorbilder varzuführen, denen sie zu ihrem eigenen Heil nnd zur Ehre und Wohlfahrt des Judenthums nachstreben sollen. Die gottesdienstlichen Gesänge sind von.den Schülern selbst, wenn möglich ohne Mithilfe des eigentlichen Spnagogenchors anszusührcn; durch die thätige Mitwirkung wird ihr Interesse an den; Gottesdienst gesteigert, ihre Kcnntniß der Liturgie vermehrt und einer Störung der Ruhe und Andacht am wirksamsten vorgebeugt. Es braucht ja kein Kunstgcsang zu sein, der im Jugendgottesdienst angestimmt wird, einstimmige Gesänge mit Orgelbeglcitung verdienen den Vorzug. Wo keine Orgel vorhanden ist, wird cs nöthig sein, daß eine Anzahl stimmbegabter Schüler die Führung übernimmt, und die Herren Kantoren werden sicherlich sich bereitwillig der Mühe unterziehen, die erforderlichen Anleitungen zu geben und die nöthigen Uebungcn vorzunehmen. So ausgestattet dürften die Jugendgottesdienste ihren Zweck mit Gottes Hilfe wohl erreichen, für die Schüler selbst ein Segen werden und zur Förderung und Belebung des religiösen Sinnes innerhalb der jüdischen Gemeinden wesentlich beitragen. Schreiber dieses, i» dessen Gemeinde das hier geschilderte Verfahren seit mehreren Jahren beobachtet wird, hat dasselbe in jeder Hinsicht zweckmäßig und bewährt gefunden und darum geglaubt, im Interesse der guten Sache seine Erfahrungen zu Nutz und Frommen der Gesammtheit bekannt zu geben nnd diejenigen seiner Amtsbrüder, welche in einzelnen Punkten mit ihm nicht übereinstimmen, zur Veröffentlichung ihrer cntgegenstehenden Ansichten anzuregen. Pädagogische Briefe über Erziehung nnd Unterricht. Bon A'. T t e u , Seminarlehrer in Münster. „Geh' fleißig um mit Deinen Kindern. Hobe Sie Dag und Nacht um Dich und liebe sie, Und laß Dich lieben einzig-schöne Zähre." L. Schefer. „Nenn und neunzig Schulmeister, hundert Narren, sagen die Bauern hier zu Lande. (5$ reitet Zeder sein Steckenpferd. Das Ihrige ist wahrscheinlich noch ein ideales Flügelroß, das meinige, ich wilt's Ihnen nur unverhohlen vorreiten — ineine Liebhaberei ist, das .sv inD sprechen zn lehren." B. An erb ach. i. Ihr Schreibe», geschützte Freundin! bringt mich in einige Verlegenheit. Sie wünschen eine Erklärung Ihrer Beobachturgen über Ihre kaum zehn Wochen alte Meta,— einen Rath in Betreff Ihres Zwölfjährigen, des Quartaners, und die Lösling mehrerer Fragen, die Ihre wackere Bertha, die Schülerin der höheren Töchterschule, betreffen. Ob ich Ihren Wiinschen genügen kann? Wenigstens nicht so. glatt und frisch weg. Ueber Erziehung und Unterricht schreiben, meint der Verfasser der Levana, Jean Paul, der Kinder- und Herzens-Kenner, heißt, so viel, als über Alles schreiben. Ich muß also mindestens um Ihre Geduld lind Nachsicht bitten. Um Ihre Geduld indeß nicht auf eine zu harte Probe zu stellen, wollen Sie diese Zeilen als Vorwort — oder besser als Vor-Wartezimmer zu einem Sprechsaal betrachten, geeignet dem Schreiber zur Stoffsammlung, und Ihnen, >venn Sic wollen, zum Zeitvertreib. Dazu mag Ihnen empfohlen sein: Kein neues, und doch immer ein neues Buch. Mit ziemlicher Gewißheit darf ich voranssetzen, daß dieses Buch eines Ihnen wie mir.lieben Dichters Ihnen dennoch fremd geblieben ist. Das Buch führt den Titel: „Neues Leben, eine Lehrgeschichte in fünf Büchern," — von Berthold Allerbach. Berthold Anerbach's Dorfgeschichten, wie seine Romane werden ja viel gelesen — nur dies eine trifft man selten, sehr selten, und es darf sich dennoch kühn zu dem Besten zählen. — Wie ist das zn erklären? Nimnit man an der „Lehrgeschichte", die „Schulmeisterliches" erwarten läßt, Anstoß? Theilweise vielleicht. In Tageswie in pädagogischen Blättern lverden belletristische Werke besonders wegen ihres erziehlichen und unterrichtenden Inhalts — wie solche von Stifter, Rosegger u. s. w. — nicht nur Lehrern, sondern auch dem großen Publikum warm cmpfohlcil, aber „Neues Leben" wird zn den Todten geschiviegen. Der Schlüssel zu dieser auffalleiiden Erscheinung dürfte in folgender analogen Thatsache zn suchen sein. Biele Lehr- und Lernbücher der Litteraturgcschichte zu Schulzwecken und zum „Selbststudium" drücken sich um die klassischen Autoren jüdischen Bekenntniffes herum. In einem sehr verbreiteten dreibändigen Litteraturwerke, welches von den Dichtern, auch den Prosaikern und ihren Werken handelt, findet sich nichts über und von Mendelssohn, Auerbach und Kompert, welche doch für die deutsche Littcratur mehr geleistet haben, als ein Kosegarten u. dgl. In anderen Litteraturgeschichten finden jüdische Schriftsteller zwar . Erwähnung — aber blos, um ihnen etwas am Zeug zu flicken, vor ihnen zn warnen. Hierzu müssen besonders Börne nnd Heine herhalten. Ein solches Buch, welches in manchen „höheren" Töchterschulen gebraucht wird, weiß von Berthold Auerbach und dessen Schriften den lernbegierigen Schülerinnen zu sagen: „Der Jude Berthold Auerbach hat Dorfgeschichten geschrieben" (mit einem kurzen wegwerfenden Zusatz). Sollten die Verfasser solcher Litteraturgeschichten etwa annchmen, die Nennung und Würdigung der Verschwiegenen sei ein Hindernis; — zur Einführung in Lehranstalten — mißliebig den Behörden oder maßgebenden Personen? Möglich, wohl gar wahrscheinlich. Oder soll die Unterlassungssünde zum Guten sein, nach dem Worte; „Alles zum Guten". Sind ja die Minister und Frauen die besten, von denen man am wenigsten spricht, und sollte von dem mit Schweigen übergangenen Schriftstellern ein gleiches Lob gelten? Immerhin lassen Sie sich obengenanntes Werk empfohlen sein. Es ist ein fesselnder Roman und dazu reich an Lehr- und Lebensweisheit, ein goldener Spiegel für Haus und Schule. Berthold Auerbach ertheilt in mancher Erzählung einem Lehrer eine Rolle; in dem vorliegenden Buche hat er Alles zusammen getragen, was sein für die Erzieher der Jugend warm schlagendes Herz diesen wünschte, er hat scharf beobachtend durch das Schulfenstcr nnd in die Kinderstuben geblickt — Kinder und deren Treiben meisterhaft gezeichnet. Eben weil er die schwere Kunst des Erzicheus und Unterrichtens zn würdige» wußte, hat er nicht mit vornehmeren und oft hohlem Wissensdünkel über die Achsel der Lehrer wegwerfend hinweggeschaut. Zwar läßt er den Helden der Geschichte im Handumdrehen Lehrer werden. Aber er ist ein hochgebildeter Herr — von adeligem Blute sogar — der sich politisch kompronnttirt hat und fliehen muß. An der. Grenze seines Vaterlandes trifft er einen auswandernden Lehrer, dessen Namen er annimint und für den er eine vakante Lehrerstelle bezieht. Aber der Dichter weiß sehr wohl, daß ein fein gebildeter Herr darum noch nicht ein Lehrer sein kann, deshalb stellt der Verfasser dem