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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-29 · Heft 5 (29.1.1891) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 5 (29.1.1891)
Date
1891-01-29
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 trächtigt, solche äußerliche Störungen schwächen einmal den Eindruck gewaltig ab. An Orten, an denen der regelmäßige Schulunterricht bis ein Uhr dauert, kann auf keinen Fall der Jugendgottesdienst sich unmittelbar der Schule anschließen, da die oben erwähnten Uebelstände sich dann in erhöhtem Maße geltend machen und zu ihnen noch das Verlangen nach Speise und Trank hinzutritt. Darum wird wohl eine nicht zu späte Nachmittagsstunde, die das ganze Jahr hindurch inne gehalten werden kann, etwa die Zeit von 3'h bis 4 Uhr, sich als die paffendste für Abhaltung von Jugendgottesdiensten Herausstellen. Die Schüler kommen frisch und körperlich gestärkt in die Synagoge, der Schulzwang ist abgestreift, einer weihevollen Sabbathstimmung der Weg gebahnt, und es bleibt ihnen, den größten Theil des Jahres hindurch, nach beendetem Gottesdienste auch noch ausreichend Zeit zu Spaziergängen, Besuchen und Spielen. Von ganz besonderer Wichtigkeit ist die regelmäßige Wiederkehr der Jugendandachten. An jedem nicht schulfreien Sabbath muß dem Schüler Gelegenheit zu religiöser Erbauung geboten werden, er muß wissen, daß zur würdigen Feier des Sabbaths ein gemeinsames Gebet an heiliger Stätte gehört, und er muß daran gewöhnt werden, seine Zeiteintheilung für den Sonnabend so einzurichten, daß ein Stündchen für Andachtszwecke übrig bleibt. Wenn aber ein mehrwöchentlicher Zeitraum zwischen einem Jugendgottesdienste und dem andern liegt, so entsteht leicht Verwirrung und Jrrthum, es ist jedesmal erst die Zeitung zu befragen, ob sie eine diesbezügliche Ankündigung enthält ^oder nicht, der Schüler vermag es nicht einzusehen, warum gerade dieser Sabbath, der sich doch in nichts von -ein vorhergehenden und dem folgenden unterscheidet, durch eine besondere Feier ausgezeichnet werden soll, und der kindliche Verstand zieht die ganz logische Schlußfolgerung: für Erwachsene ist allsabbathlich eine religiöse Erbauung und Belehrung nothwendig und heilsam, darum findet auch Sabbath für Sabbath ein Gottesdienst für sie statt, für uns jedoch ist die Sache minder wichtig, da genügt ein ein- oder zweimaliger Gottesdienst im Monat vollkommen, und es liegt im Grunde genommen nicht viel daran, ob ich ihn besuche oder nicht. Hüten wir uns doch, zu solchen Begriffsverwirrungen Veranlassung zu geben, freuen wir uns, daß die Jugendgottesdienste überall, wo man sie eingesührt, Anklang und lebhafte Theilnahme gesunden haben, daß es uns nach langem, vergeblichem Bemühen gelungen ist, die Büttel ausfindig zu machen, wohl geeignet, die religiösen Schäden unserer Zeit, wenn nicht zu heilen, so doch zu bessern und in das Herz der Jugend einen Keim zu senken, der sich mit Gottes Hilfe gedeihlich und segensreich entwickeln wird. Machen wir darum von diesem Mittel einen weisen und möglichst - umfassenden Gebrauch. Die Abhaltung von Jugendgottesdiensten nach zwei- oder mehrwöchentlichen Zwischenräumen, wie sie selbst in Grobgemeinden, selbst in Berlin zur Zeit üblich, ist nur eine halbe Maßregel, die an allen Fehlern der Halbheit leidet; erst die allsabbathliche Wiederholung macht sie zu einer wirksamen Institution, erst hierdurch wird es möglich, echte Sabbathweihe über die Gemüther der jüdischen Schüler zu breiten. Wohl wird den Geineindebeamten und namentlich dem Rabbiner der ja in den meisten Gemeinden keinen Amtsbruder zur Seite hat, durch den Jugcndgottesdienst eine recht empfindliche Vermehrung der Arbeitslast geschaffen. Es ist gewiß überaus anstrengend, nach einer Vormittagspredigt oder Schrifterklärung, die in vielen neueren Gemeinden mit Recht einen integrirenden Bestandtheil des Sabbathgottesdienstes bildet, am Nachmittag wiederum einen religiösen Vortrag für Schüler zu halten. Aber wer nähme nicht mit tausend Freuden diese Last auf sich, wenn es gilt, das Samenkorn der Gottesfurcht in die Brust der Jugend zu streuen und ihr den hohen sittlichen Gehalt der jüdischen Religion zu erschließen! Wer möchte aus Rücksicht auf seine Bequemlichkeit die der Jugend so nothwendige Erbauung und Belehrung, wie sie in so erhebender Weise nur im gemeinsamen Gottesdienste erfolgen kann, auf ein allzu bescheidenes Maß eingeschränkt wiffen! Große körperliche und seelische Anstrengungen bleiben dem Rabbiner in einer größeren Gemeinde, der oftmals an einem und demselben Tage mehrere Trauungs- und Leichenreden zu halten hat, zu denen sich noch Unterrichtsstunden, Sitzungen und andere Beschäftigungen gesellen, ohnehin nicht erspart; warum soll nun gerade die Jugend wegen der Arbeitsüberbürdung des Rabbiners zu kurz kommen und für ihr Andachtsbedürfniß nur in ungenügender Weise Befriedigung erlangend Auch der Umstand ist wohl zu berücksichtigen, daß diejenigen Schüler, die an einem Sabbath durch Unwohlsein oder durch irgend eine andere Verhinderung zurückgehalten, an dem Gottesdienste nicht theilnehmen können, bei der erst nach vierzehn Tagen oder gar nach vier Wochen wiederkehrenden Jugendandacht eine gewaltig lange Karenzzeit durchzuniachen haben, bis ihnen wieder einmal aus dem Quell der Religion gespendet wird. Darum — wir wiederholen es noch einmal — muß der Jugendgottesdienst an jedem Sabbath stattfinden und darf nur während der Schulferien ausgesetzt werden, in welchen die Schüler den allgemeinen Gottesdienst besuchen können. Auch über die Form der Jugendgottesdienste und die dabei ju beobachtende Liturgie sind einige Bemerkungen wohl am Platze; es ist nicht gerade erforderlich, daß die Form überall die gleiche ist, aber eine Uebereinstimmung in derHauptsache möchte doch wohl geboten erscheinen. Wenn der Jugendgottesdienst am Sabbath-Nachmittag abgehalten wird, wie es ans den oben angeführten Gründen am praktischsten ist, so soll der eigentliche Kern desselben aus dem Minchahgebet bestehen, das mit Rücksicht darauf, daß die Schüler sich an dem Morgengottesdienst nicht betheiligt haben, ein wenig erweitert werden kann. So ist es zu empfehlen, daß das Ein- und Ausheben der Thora in feierlicher Weise wie am Morgen geschehe mit Rezitirung des Schema Jisrael und Echad Elohenu. Die Vorlesung des für den Sabbath bestimmten Prophetenabschnitts in deutscher Sprache ohne die Vor- und Nachbenediktionen, oder wenn der betreffende Abschnitt seines Inhalts wegen sich zum Vortrag für Schüler .nicht eignet, die Vorlesung eines andern, besonders auszuwählenden prophetischen Stücks oder eines Psalms, sollte nicht unterbleiben, denn der Eindruck, den die erhabenen prophetischen Reden oder die Psalmen namentlich auf das Gemüth der reiferen Schüler Hervorbringen, wird stets ein mächtiger lind anregender sein. An den dein Neumond vorangehenden Sabbathen ist die Litnrgie der Ncuinond-Verkündigung einzufügen. Es ist nicht zu befürchten, daß der Schüler dadurch zu der irrigen MeiNiing verleitet werden könnte, die Neumond-Verkündigung gehöre überhaupt in den Sabbath-Nachmittagsgottesdienst und nicht in die Morgenandacht, denn ein solcher Jrrthum würde sich durch den Besuch der Synagoge in der Ferienzeit von selbst korrigiren, und andererseits wird zugegeben werden müssen, daß die Einsegnung des Neumondes ein erhebender, feierlicher Akt ist, der dem Schüler nicht vorenthalten bleiben darf. Auch die Rezitirung der Hallelpsalmen an den auf einen Neuinond , auf Chanuka oder ein Halbfest falleilden Sabbathen wäre sehr erwünscht; nur wird sie sich bei der dem Jugendgottesdienst zuzumessenden kurzen Zeit, die nur etwa Dreiviertelstunden dauern soll, nicht gut ermöglichen lasten. Denn eine zu lange Ausdehnung des Gottesdienstes ist aus theoretischen und praktischen Gründen nicht zu empfehlen, und eine religiöse Ansprache seitens des Rabbiners oder Religionslehrers darf bei demselben auf keinen Fall fehlen; sie bildet das fesselnde Moinent, den eigentlichen Mittelpunkt der Andacht und ist von hoher Bedelitung für die religiöse Entwickelung der Jugend.

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