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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-29 · Heft 5 (29.1.1891) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 5 (29.1.1891)
Date
1891-01-29
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 Ueder Jugend-Gottesdienste. Von Rabbiner Dr. H. Vogelstein. Als eines der wesentlichsten Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes und zur Erhöhung der Theilnahme an den Jntereffen des Judenthuins hat man seit längerer Zeit die Festsetzung von besonderen Jugendgottesdiensten erkannt. Denn der Religionsunterricht allein, wenn ihm auch unter allen Einrichtungen und Veranstaltungen der Synagogengemeinden der Vorrang gebührt, vermag die Weihe des Gemüthes nur in unvollkommener Weise herbeizuführen und kann das Verlangen der Seele nach ernster Sammlung nimmermehr voll befriedigen. Wohl wird ein guter Religionslehrer, der sich seiner Aufgabe mit Liebe und Hingabe sowie mit Sachkenntniß und pädagogischer Geschicklichkeit widmet, sich nicht damit begnügen, den Geist seiner Schüler zu bilden und ihnen möglichst umfaffende Kenntniffe von dem Lehrinhalt, der Religion und den wichtigem Momenten der Religionsgeschichte zu verschaffen, sondern er wird vor Allem bestrebt sein, ihre Herzen zu erwärmen und sie für die Sendung Israels zu begeistern. Aber der beste Religionsunterricht bringt doch nicht einen so mächtigen und weihevollen Eindruck auf das empfängliche Gemüth des Kindes hervor, wie ein würdiger Gottesdienst. Von solchen Erwägungen geleitet, hat darum die Rabbinerversammlung zu Berlin im Jahre 1884 die Einrichtung von Jugendgottesdiensten angelegentlichst empfohlen, und die Anregung, die von ihr ausging und von der 1887 zu Breslau abgehaltenen Generalversammlung des Rabbinerverbandes wieder erneuert wurde, ist glücklicherweise nicht unbeachtet geblieben, hat vielmehr äußerst segensreich gewirkt. Während bis dahin besondere Jugendgottesdienste nur zu den Ausnahmen gehörten und in einer ganz geringen Anzahl von Gemeinden eingeführt waren, hat sich diese Institution gegenwärtig schon an vielen Orten eingebürgert, immermehr bricht sich die Erkenntniß von der Nothwendigkeit derselben Bahn, und voraussichtlich wird in kurzer Zeit sich in ganz Deutschland keine größere Gemeinde mehr finden, die ihrer gänzlich entbehrt. Inmitten der Stagnirung des religiösen Lebens, über die mit Recht so sehr geklagt wird, ist diese erfreuliche Wahrnehmung ein verheißungsvoller Lichtblick, und wenn die betreffenden Rabbincrversammlungen weiter kein greifbares Ergebniß erzielt hätten, als dies: sie dürften um dieser einen hochbedeutsamen Errungenschaft willen mit Befriedigung auf ihre Thätigkeit zurückblicken und aus ihr den Math schöpfen, das begonnene Werk rüstig fortzusetzen. Ueber die Form der Jugendgottesdienste, über die zweckmäßigste Art ihrer Einrichtung, sowie über mancherlei Einzelheiten und Aeußerlichkeiten, die hierbei in Frage kommen, konnten in den Versammlungen nur Winke und allgemeine Andeutungen gegeben werden, da noch zu wenig praktische Erfahrungen auf diesem Gebiete Vorlagen, welche nothwendig abgewartet werden mußten, um zu einem sachgemäßen Urtheile zu befähigen. Nunmehr aber dürfte es Wohl an der Zeit sein, die inzwischen gesammelten Erfahrungen zu verwerthen und der allgemeinen Prüfung und Beachtung die Vorschläge zu unterbreiten , welche geeignet erscheinen, den Gottesdienst möglichst nlltzbringend und anregend für das jugendliche Gemüth zu gestalten. ' Was zunächst den Ort betrifft, an welchem die Jugendandachten stattfinden sollen , so ist aus den Eingangs erwähnten Gründen nur die Synagoge zu empfehlen, selbst da, wo im Schulhause ein besonderer Betsaal oder eine Aula vorhanden ist. Das Bewußtsein, an demselben Orte zum Gebet versamniclt zu sein, an welchem auch die Erwachseneu ihre Andacht zu verrichten pflegen, erhöht in den Äugen der Jugend den Reiz des Gottesdienstes und befreit sie von dem lästigen Gefühle, unter dem Schulzwange und der Schuldisziplin zu stehen. Nur in den Gemeinden, deren Synagoge nicht heizbar ist, dürfte es aus Gesundheitsrücksichten gerathen sein, während der Wintermonate ein geräumiges Schulzimmer für den Schülergottesdienst zu bestiyrmen. Nicht so einfach wie die Lokalfrage erledigt sich die Zeitfrage, da hier die Verschiedenheit der örtlichen Verhältnisse mitberücksichtigt werden muß. Man hat den Freitag-Abend, den Sabbath-Mittag, den Sabbath-Nachmittag und endlich den Sonntag-Mittag hierzu ausgewählt. Ich gebe ungeachtet einiger Schwierigkeiten, die sich hierbei Herausstellen, unbedingt dem Sabbath-Nachmittag den Vorzug. Gegen den Sonntag sprechen vor Allem religiöse Gründe, die durch Bequemlichkeitsrücksichten keineswegs ausgewogen werden. Denn wenn es sich auch nicht leugnen läßt, daß die Betheiligung sämmtlicher Schüler an keinem anderen Tage so ausnahmslos zu erreichen ist, wie am Sonntag, da nicht Turnunterricht oder sonstige Schulstunden hindernd im Wege stehen, so ist es doch nicht zu billigen, den ohnehin durch die allgemeine öffentliche Ruhe so sehr ausgezeichneten Sonntag auch noch jüdischerseits durch eine gottesdienstliche Feier herauszustreichen. Was dem Sonntag zugute kommt, wird dem Sabbath an Weihe entzogen eine Jugendandacht am Sonntag wird die jüdischen Schüler unwillkürlich dahin führen, den schulfreien Sonntag als einen gottesgeheiligten Tag zu betrachten und in den: Sabbath einen gewöhnlichen Werktag zu sehen. Ein wesentlicher Zweck des Jugendgottesdienstes ist ja auch der, die Schüler mit dem Gebetritus vertraut zu machen, ihnen eine Kenntniß der Liturgie beim Aus- und Einheben der Thora zu verschaffen, die Knaben zur Thora aufzurufen u. dgl. Wird aber der Sonntag ausgewählt — und da kann es wegen des fast überall am Vormittag stattfindenden Religionsunterrichtes doch nur die Mittagsstunde sein — so wird die Erreichung dieses Zweckes unmöglich. Wenn daher nicht unüberwindliche Schwierigkeiten sich der Festsetzung einer Sabbathstunde entgegenstellen, so ist von dem Sonntag abzusehen. Keinesfalls darf aber die Einrichtung des Jugendgottesdienstes unterbleiben, wenn sie sich am Sabbath nicht durchführen läßt; denn das Bedürfniß der Schüler nach religiöser Erbauung, das sonst mehrere Monate hindurch gänzlich unbefriedigt bleiben würde, muß jedes entgegenstehende Bedenken zum Schweigen bringen. Der Freitag-Abend erscheint ebenfalls für den Jugendgottesdienst wenig geeignet. Abgesehen davon, daß es im Sommer überhalipt nicht rathsam ist, zu so später Abendstunde nach Schluß des allgemeinen Gottesdienstes eine Andacht abzuhalten, würden auch im Winter viele Eltern Anstand nehmen, ihre Töchter und ihre noch im zarten Kindesalter stehenden Söhne Abends in das Gotteshaus zu schicken, und wäre daher nur eine Betheiligung von Seiten der größeren Knaben zu erwarten. Der Sonnabend-Mittag bietet da, wo der Unterricht nicht über 12 Uhr hinaus dauert, mancherlei Vortheile, und die Wahl dieses Zeitpunktes hat namentlich für die Schüler in großen Städten, die oftmals weit entfernt vom Mittelpunkt der Stadt wohnen, den Vorzug, daß sie nicht gezwungen sind, nochmals den langen Weg zum Gotteshause zurückzulegen, sondern sich direkt von der Schule dorthin begeben können. Es darf aber auch die Kehrseite nicht übersehen werden. Nach vierstündigem Unterrichte sind die Schüler, besonders die jüngeren, geistig abgespannt und körperlich ermüdet und bringen in Folge dessen einer religiösen Feier nicht mehr das volle Interesse entgegen. Auch wird die Feierlichkeit des Gottesdienstes durch das Mitbringen von Büchern und Büchertaschen, die auf die Sitzplätze gelegt werden müssen, nicht unwesentlich beein-

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