Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1891)
- Date
- 1891-01-22
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227882--47671-3270147- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Rabbi. Darum drängte sie ihren Mann, dem Gebot Folge zu leisten, und dieser lies; sich denn auch, um des lieben Friedens willen, dazu bewegen. Aber kaum war er aus seinem Hause getreten, uin sich zrlnr Oberrabbiner zu begeben, da innzingelten ihn schon Männer und Weiber von allen Seiten, und Alt und Jung beschimpfte ihn und bewarf ihn mit Steinen, weil er den Fischhändler zu Grunde gerichtet habe. Nur mit Mühe konnte er sich vor dem wüthenden Pöbel in das Haus des Rabbi retten. „Schandkerl! Blutsauger! Mörder!" so schrie ihm der heilige Rabbi an. „Wie konntest Dli es wagen, mit Deinem Munde zu bezeugen, daß die Fische dieses Mannes verdorben seien?" „Aber Rabbi!" antwortete Jacob zitternd, „ich habe dadurch Hunderte von Menschen vor der Cholera bewahrt. Ich schwöre es bei meinem Leben, die Fische waren verdorben, und ihr Genus; wäre sehr gefahrbringend gewesen." „Du bist ja ein sauberer Retter des Volkes!" meinte der Rabbi spöttisch. „Wer hat von Dir überhaupt diese Vorsorglichkeit verlangt, Du Niederträchtiger?" „Ich habe damit nur eine heilige Pflcht erfüllt, die jedem ehrlichen Manne obliegt. Ich wollte die Leute vor Krankheit und Tod bewahren." Der Rabbi aber stampfte mit dem Fus;e und rief: „Schweig' Tu Schurke! Tausend Silberrnbel sollst Tu diesem redliche» Kaufmann bezahlen. Hörst Du wohl? Tausend Silberrubel, als Ersatz für seinen Schaden." „Nicht eine Kopeke soll dieser gewissenlose Mensch von mir erhalten, dieser Abscheuliche, dem cs nicht darauf ankommt, um elenden Geldes willen Tausende von unschuldigen Menschen zu verderben." Damit drehte der störrische Jacob den; Rabbi den Rücken und ging hinaus. Am Abend nach dem Sabbath berief der Oberrabiner alle angesehenen Bürger wiederum zu sich, um mit ihnen zu berathen, was mit dem unverschämten Fischer Jacob zu beginnen sei. Nach längerer Debatte wurde dann beschlossen, man möge in das Gcmeindebuch schreibe», wenn im Hause Jacobs ein Todesfall eintrete, so solle der Verstorbene nicht eher begraben werden, bis Jacob fünfhundert Rubel erlegt haben würde. Und der allmächtige Tod bewies, daß er mit dem Richterspruch des heiligen Rabbi vollständig einverstanden war; denn ein paar Wochen später starb ein Kind Jacobs des Fischers. Nun ließ die fromme Brüderschaft das Kind nicht begraben, bis der böse Fischer die fünfhundert Rubel nusgezahlt hatte. Später hat es sich zwar herausgestellt, das; jener Fischhändler ein Betrüger und ein Falscher war, der wegen mancherlei unsauberer Geschichten schon jahrelang im Gefängnis; gesessen hatte; aber dadurch wurde der fromme Rabbi nicht milder gestimmt gegen ben armen Jacob. Er wartete nur aus den nächsten Todesfall in seinem Hause, um weitere fünfhundert Rubel vou seinem Opfer zu erpressen. Ich hoffe, daß jeder fromme Leser über diese Episode sehr erbaut sein wird, besonders da jeder Serebrjansker bestätigen kann, daß Alles wahr und buchstäblich so passirt ist. Aber nun zurück zu unserer Geschichte! Ich habe euch schon erzählt, daß den Serebrjanskern endlich die 'Augen aufgegangeu waren, und daß sie eingesehen hatten, nur um ihrer Sünde willen sei die Cholera ins Land gekommen. Darum paßte Jeder auf den Andern auf. Die Leser werden daher leicht ermeffen, wie sehr die Serebrjansker ergrimmen mußten, als sie von dem nächtlichen Besuch Rahels bei dem getauften Salomo hörten. Das gab ein ungeheures Geschrei, und Alle riefen einstimmig, wenn die Bürger dazu schwiegen und sich nicht bemühten, die Sünde ausznrotten, so würden sie Alle sterben müssen. Am lautesten aber zeterte die rothe Hannah, die behauptete, ihre verstorbene Tochter finde um der Sünde der Serebrjansker willen im Grabe keine Ruhe und müsse umgeben. VI. Das Gespenst. Wer von euch, liebe Leser, hat nicht schon von Todten erzählen hören, die aus ihren Grüften steigen und einherwandeln unter dcu Lebendigen? Fraget nur die alten Leute; die werden euch wunderbare Geschichten zu berichten wissen, vou sündigen Menschen, welche die Erde nach dem Tode wieder ausgespien hat, und die jahrelang umgehen mußten und ruhelos spukten, bis sie endlich einen Geist gefunden hatten, der sie erlösen und zur Ruhe bringen konnte. Erst dann durften solche armen Seelen wieder in den Schoos; der Erde zurückkehren. j Eine ähnliche Geschichte habe ich in jener Zeit zu Serebrjaust selber erlebt und irnt meinen eigenen Augen gesehen. Eine junge Frau war an der Cholera gestorben. Ich selber hatte ihrem Begräbniß beigewohnt. Allein ein paar Tage darnach ging sie bei Nacht und Nebel um in den Straßen der Stadt. Ich muß zwar gestehen, daß ich das Gespenst eigentlich selber nie gesehen habe, aber höchst glaubwürdige Leute, welche die Todte bald auf der Schtvelle der Synagoge, bald auf dem Dache des Hauses des Rabbi, bald beim Badehaus und eigenen Augen gesehen haben, die haben mir die Sache genau berichtet. Gnendel Dresi, die Taucherin, erzählte, daß die arme todte Frau allnächtlich an ihr Fenster klopfe und sie flehentlich bitte, sie doch ins Badehaus und ins Tauchbecken einzulassen; denn die Engel der Berderbniß hätten sie aus ihren; Grabe gejagt, weil sie nicht alte Gesetze der Abwaschungen und des Tauchens gründlich befolgt habe. Der Synagogendiener schwor bei seinem Vater und seiner Mutter, er habe sie, als er eines Morgens in das Bethaus trat, auf dem Almenwr sitzen sehen mit zerzausten Haaren, und ihre 'Nase sei so lang gewesen, daß sie von der Ostwand bis zur Westwand gereicht habe. Aber kaum habe sie ihn erblickt, so sei sie auch sogleich verschwunden, (Fortsetzung folgt.) 9 Litterarifche Mittheilungen. Dr. S. Gelbhaus: Rede an der Bahre des verewigten Kreisrabbiners Jakob Haller, gehalten am 5. November 1890 im Tempel zn Lieden (Prag 1891). Eine vortreffliche Denkrede, warm und innig gehalten, würdig und ohne die übliche Blechmusik der deutschen Sprache das Leben des Verstorbenen, eines wacker» Vertreters des böhmischen Rabbinerstandes, im Zusammenhänge mit den allgemeinen, Verhältnissen darstellend, mit geistreichen Schrift- und Talmudauslegungen kurz und knapp in der Fori», dem Inhalte nach wohl aber das Muster einer Denkrede, das wir als solches namentlich jüngeren Predigern nur warm empfehlen können. . s. ¥ Lazarus Goldschmidt: Lacrima Sionis (Berlin 1891). Gedichte eines warm empündenden, pvesieerfüllteu jungen Dichterherzens, Lieder der Klage und der Sehnsucht um Zion, um des Tempels Herrlichkeit und die Pracht der Gottesstabt sind es, die in diesem kleinen Hefte mit hebräischem und lateinischem Doppeltitel an uns vorüberziehen. Eine dichterische Kraft, eine seltene Beherrschung der hebräischen Sprache in Form und Gehalt, ein warmes religiöses Empfinden spricht ans diesen Gedichten und wird denselben sicher in den Kreisen, welche dieses ' Empfinden theilen, Interesse und Sympathie zuwenden. s. Truck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin-