Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1891)
- Date
- 1891-01-22
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
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neben einander, bald aber zerschlugen sie sich uüd jede suchte auf eigenem Wege das Judcnthum zu beglücken und zu befreien. Zu dieser innern Aktion gesellte sich der Einfluß von außen: die französische Revolution feierte ihre Triumphe und Orgien. Das republikanische Parlament hatte die Freiheit und Gleichheit aller Bürger ausgesprochen. Sollten die deutschen Juden nicht dasselbe erreichen tönrten? oder hätten sie die Gleichstellung noch nicht verdient? Müßte sie erst errungen und erworben werden? So wurde von christlicher mtö jüdischer Seite hin unb her debattirt, für und dagegen unendlich viel geschrieben und gesprochen; die Emanzipation der Juden war das wissenschaftliche und agitatorische Tagesgespräch. Die Juden ließen diese Debatten nicht wie sonst unthätig über sich ergehen, sondern trugen ihr Scherflein zur Sichtung dieser Fragen bei. Aber fragt mich nur nicht wie. Denken sie sich, geehrte Versammlung, drei Vertreter der von Mendelssohn ausgegangenen drei Richtungen im Selbstgespräche über die politische Gleichheit. Der Gebildete, in der deutschen Litteratur wohl Bewanderte, der aber der jüdischen Wissenschaft ganz den Rücken kehrte, fühlt nur den Schmerz, ohne Trost finden zu können. Wie liebt er diese Sprache, dieses Land, seine Dichter! und doch stößt man ihn zurück! — warum? weil er ein Jude! Sein Glauben hält ihn allein von Denen zurück, die er in sein Herz geschlossen! Und er geht zum Philosophen, daß dieser seinen verwirrten imb verirrten Gedanken die rettende Erlösung biete. Auch dieser hat sich schon dieselbe Frage vorgelegt. Nun berathschlagen sie Beide und kounnen zu folgenden!, ihrer Zeit und ihren Gedanken entsprechendem Resultat: Was ist denn eigentlich Religion? — Doch nur Glauben, eine Idee, ein Gedanke! Sollte nun eine Idee einer anderen nicht näher rücken können, könnte das Judenthum nicht christlich zugeschnitten werden? Eine solche Zurechtlegung der Emanzipationsfrage führte natürlich zum Bruche mit der ganzen Tradition; die bewußt Indifferenten wollten eben ihre Vergangenheit über Bord werfen, mu nur den Bruderkuß zu erlangen; die sich aber doch noch ein wenig schämten, suchten einen Modus der Vereinigung zu finden. Warum denn nicht? Sind doch Christenthum und Judenthum reine Ideen! eine große Nachgiebigkeit von jüdischer, eine kleine von christlicher Seite, und es ist geschehen. Doch die Vertreter der dritten Richtung? die hebräisch-wissenschaftlichen? Sie schwiegen und dachten sich: wir wollen weder die alte Liebe vergessen, noch aber die neue verwerfen, wir dulden und warten; unser Recht wird schon kommen. In dieser Zeit der gewaltigen, inneren Spaltungen des deutschen Judenthums erblickten Zunz und Heine das Licht der Welt. Heine's Familie gehörte zu jener, für deutsche Litteratur und Philosophie gleich schwärmenden Partei, deren einziges Bestreben war: Gleichstellung um jeden Preis. „Sein Vater war ein Liebhaber von Hunden und Pferden, seine Mutter eine Schülerin Rousseau's, eine begeisterte Anhüngerin Schillert und Goethe's." Der Eltern Bestreben war, ihre Kinder ganz der neuen Richtung gemäß erziehen zu lassen, ihr Heinrich sollte ein bedeutender Mann werden, das Judenthum wurde bei Seite geschoben. Wie anders war die Erziehung Zunz'. Sein Vater gehörte der bescheidenen dritten Partei an, welche die Prinzipien der Neuzeit wohl anerkannte, ihre Anhänglichkeit an dem Alten bewahrend; als Lehrer besaß er jüdische Wissenschaft und impfte schon sriih seinem begabten Kinde die Liebe und Hingebung für dieselbe ein. Acht Jahre war Zunz alt, als er seinen Vater verlor, nachdem sich schon einige Jahre vorher das Grab über seiner Mutter geschlossen hatte. Zu seinem Wähle und zum Heile der jüdischen Wissenschaft ward er in der Samsonschen Waisenschule zu Wolsenbüttel ausgenommen, die denselben Lehren huldigte, denen Zunz' Vater zugethan war. So wuchsen die beiden Knaben zu Jünglingen heran auf so grundverschiedenen und zu ganz entgegengesetzten Resultaten führendem Wege. Indessen drang das Streben nach Verbrüderung und Gleichheit in immer weitere Kreise, die Juden vergaßen immer mehr ihre Traditionen, ihren Glauben, auch die Christen singen an nachzugeben, verschanzten sich nur noch hinter einzelne schwache Ausflüchte, die hintereinander zu Nichte wurden. An einer Anklage aber scheinen alle Bemühungen der deutschen Juden scheitern zu wollen. Es ward gegen sie der Vorwurf erhoben, keine Vaterlandsliebe zu kennen, sie seien Fremde im Lande. Ein Widerspruch nützte nichts, man konnte doch das Gegentheil nicht beweisen. Plötzlich bot sich die Gelegenheit dazu. Napoleons Macht sollte gebrochen werden. Ein Aufruf erging an das ganze Volk, wie ein Mann unter Waffen zu treten. Mit Feuereifer schaarten sich die Juden um die Fahne des von ihnen innig geliebten, sie selbst aber verstoßenden Vaterlandes. Sie kämpften wacker, bluteten freudig, und als sie jauchzend nach errungenem Siege nach der Heimath zurückkehrten, da pochte ihr Herz in Erwartung der erträumten Bruderliebe. Aber es erging den deutschen Juden nach 1814, wie nach 1870. Furchtbar belohnte sie das Vaterland für ihre glühende Hingebung, für ihr vergossenes Blut, jäh wurden sie von ihren Trüuulereien emporgeschreckt,'all' ihre Hoffnungen wurden zerrissen. Denn ein Stolz, ein Dünkel, der nur unverdient mächtig gewordenen Schwachen eigen ist, bemächtigte sich der Deutschen in der Politik, wie in der Litteratur. „Unverfälscht deutsch" ward das Losungswort. Alles Fremde sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, jede Erinnerung an Napoleon und das Franzosenthum soll vernichtet werden. Napoleon gab seinen Völkern die Freiheit, Preußen die Knute; von Frankreich ging die Gleichheit der Juden aus, Preußen gab ihnen die Knechtschaft wieder. Zurück ins Ghetto! So schuf wahnwitzige Selbüberhebung, Neid und falscher Religionseifer das denkwürdige Jahr 1819. In Frankfurt. Würzburg und anderen Städten wurden die Juden wieder verfolgt, wohl nicht so hart wie im Nüttelalter, aber diese kleine Verfolglmg wirkte erniedrigender, als die Metzeleien der Kreuzzüge; einst waren sie wohl bedrückt, dafür hatten sie aber ihr eigenes inneres Leben. Die Hintansetzung hatte bei all ihrer Trauer etwas so unendlich Schwermüthig-süßes an sich. Die Leidenden waren ja Märtyrer, sie starben für Gott, der einst die Erlösung diesen: Duldervolke bringen werde. In: Jahre 1819 aber, ftir wen und für was sollten sie Märtyrer sein? Glauben hatten sie keinen, wozu Qualen erdulden? War doch das ganze Judenthum ihnen nur eine Idee geworden, und diese Idee, konnten sie dieselbe im Christenthum nicht weiter festhalten? Und es begann eine nahezu beispiellose Fahnenflucht, die das deutsche Judenthum seiner besten Geister beraubte. Wie treffend schildert Heine selbst diesen Zustand in einem an seinen Freund Jmanuel Wohlwill gerichteten Brief (I, 75): „Möge bald die Verblendung aufhören, daß das Herrlichste in der Ohnmacht, in der Entäußerung aller Kraft, in der einseitigen Negation, im idealischen Auerbachthum bestehe. Wir haben nicht mehr die Kraft? einen Bart zu tragen, zu fasten, zu hassen und aus Haß zu dulden: das ist das Motiv unserer Reformation. Die Einen, die durch Komödianten ihre Bildung und Aufklärung empfangen, wollen dem Judenthum neue Dekorationen und Coulissen geben — Andere wollen ein evangelisches Christenthümchen unter jüdischer Firma." Und wer waren diese Fahnenflüchtigen? Die beiden Parteien, die jüdische Wissenschaft, jüdische Geschichte verachtungsvoll von sich wiesen und sich einzig der Litteratur und der Philosophie in die Arme warfen. Die dritte Partei aber, die alle Richtungen vereinigen wollte, sie verlor keinen einzigen Mann, blieb standhaft auf ihrem Posten geduldig harrend und hoffend, dem guten Genius der Menschheit vertrauend. (Schluß folgt.) U