Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1891)
- Date
- 1891-01-22
- Page
- Seite 45 (sequence 9)
- Language
- German
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45 es selbst nicht thun? Von befreundeter Seite wurde an mich einst die Anfrage gestellt, ob jene judenfeindlichen Bücher eines Rohling und ihre Anklagen auf Wahrheit beruhen? Solche Fragen sind doch nur möglich, wenn der Jude baar alles jüdischen Wissens ist; und hat sie auch der Eine freimüthig mir selbst gestellt, hundert Anderen, die solche Schmähschriften erblicken und durchblättern, drängen sie sich unbewußt auf, und da man den Beweis der Lüge nicht erbringen kann, wird halb geglaubt. So führt der Jndifferentismus gegenüber der Wissenschaft des Judenthnms zum Zweifel, hierauf zum Glauben der boshaftesten Erdichtungen, sodann zur Verachtung des Eigenen und schließlich — zum Abfall. Einst war es anders. Da war jüdisches Wissen kein exklusives Eigenthum der Rabbiner. Die Bibel besaß und studirte selbst der Aermste und Ungebildete, bei den Besseren fehlte der Talnnid nicht, auch jüdischphilosophische Werke wurden fleißig gelesen. Diese gemeinschaftliche Litteratur, die ein Gemeingut der Juden aller Länder wurde, kräftigte die Zusammengehörigkeit, die Liebe hob den Stolz, den Eifer und die Hingebrmg. Die gemeinsame hebräische Sprache war das feste Band. Doch der Fortschritt der Zeit, die gesetzliche Gleichstellung erweiterte unfern Gesichtskreis; aus dem engen Rahmen des Ghetto trat man hinaus ins freie Leben, und die Folgen davon waren unausbleiblich: die Bande lockerten sich, man wohnte nicht mehr in einer Gasse, nicht die Synagoge, sondern Staat und Gesellschaft ward der Mittelpunkt, mit neuen Gedanken; mit freier Bewegung fallen die alten lieben Vorstellungen und Ideen. Die Kenntniß des Hebräischen zog sich auf einen immer engem Kreis zurück, bis sie in den westlichen Staaten Europas ausstarb. Aber neue Bestrebungen tauchten auf. Die Geschichte der Juden schien ein Ende nehmen zu wollen, es ward daher mit der Geschichte dieser Geschichte begonnen, und zwar in moderner Sprache. Es entstanden nun glänzende Werke über die politische Geschichte der Juden; die Philosophie, die Dichtkunst, die Sittenlehre, die Kultur, die Sprache des Judenthums und der Juden im Alterthum und Mittelalter fanden tüchtige Bearbeiter, und so entstand eine neue jüdische Litteratur, streng den Anforderungen der Neuzeit sich anbequemend, in modernen Sprachen geschrieben zur Hebung der Kenntniß, der Liebe, der Hingebung und der Anerkennung. Aber noch nieinals ist tüchtige Arbeit mit größerer Undankbarkeit belohnt worden, als die Bemühungen dieser uneigennützigen Männer, und noch niemals ist eine Litteratur so unbeachtet geblieben vom eigenen Volke, als die moderne jüdische. Die Bücher, die bestimmt sein sollten, uns wieder uns selbst zurückzugeben, vermoderten aus dem Pulte der Buchhändler. Die jüdischen Gelehrten machten ihre Rechnung ohne den Wirth. In jüngster Zeit hat Professor H. Grätz eine volksthüinliche Geschichte der Juden herausgegeben. Wie Viele mögen wohl daran gedacht haben, dies Buch für sich zur Erbauung ihrer Kinder zu kaufen! Weiß man doch nichts darüber, und die Wenigsten kennen diesen Forscher auch nur dem Namen nach. Es soll jedoch nicht geklagt, sondern an der Besserung gearbeitet werden. Man weine auf Trümmern, die nimmer anfgerichtet werden könne», das moderne Judenthum ist trotz aller seiner Mängel und Fehler kraftstrotzend und lebensfähig, bedarf nur der Aufmunterung und Aufrüttelung. Der Jndifferentismus ist noch bei den Meisten ein unbewußter, er muß bekämpft, nicht bejammert werden. Wird nicht gelesen, so soll doch wenigstens vorgelesen werden. In dieser meiner Vorlesung möchte ich, den geschichtlichen Beweis der gefährlichen, ja tödtlichen Folgen des bewußten Jndifferentismus bringen, doch auch des Segens der Kenntniß unserer jüdischen Wissenschaft und Geschichte. Es soll bewiesen werden, wie die Entfernung von dem eigenen Boden zur völligen Entfremdung führt, Verachtung jüdischer Litteratur Verachtung des Judenthums hervorbringt, wie aber die liebevolle Pflege unseres Schriftthums, vereint mit der großen, europäischen Kultur und Bildung, die Erstarkung des Judenthums zur Folge hat. Ein Abschnitt der Geschichte der deutschen Juden im ersten Drittel unseres Jahrhunderts, mit ihren zwei größten Gestalten, mit Zunz und Heine, sei der Rahmen des Bildes, das wir heute zeichnen wolle». II. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zeigt uns eine gewaltige, unhemmbare Gährung der Geister: es war überall ein Streben nach Neuem, nach Besserem. Mit tosender Gewalt brach sich Bahn die Revolution der, Jahrhunderte hindurch, in Fesseln geschmiedeten Herzen und Geister. Von Frankreich ging sie aus und zeigte sich auch dort in ihrer erhabeudsten zugleich auch rohesten Macht. Nicht minder beherrschte sie in Deutschland die Gemüther, jedoch nur litterarisch;! zum politischen Ansbruch kam sie dazumal noch nicht, nur langsam,! träge schritt sie ihrem Ziel entgegen. Lessing war der Held der! deutschen Geistesrevolution; befreien wollte er die deutsche Litteratur von der französischen Knechtschaft, die deutsche Dichtkunst von ihrer! Nachahmungssucht, die deutsche Wissenschaft von ihren Vorurtheilen.! Auch gegen die engen, abgesonderten, abgesperrten Straßen des! Judenviertels sandte diese Geistesrevolution ihre Vorposten und! Streiter. Der erste Kämpfer in unserm Lager war Lessings treuester! Freund, Moses Mendelssohn. Bis zu seiner Zeit schrieb und lehrte j man entweder Hebräisch oder Jüdisch-deutsch; die Tradition hat das j Erstere geheiligt, barbarischer Druck lieh dem Zweiten die Macht der Gewohnheit. Dies wäre aber noch immer nicht so schädlich gewesen, wenn der Stoff, die Gegenstände, über die man schrieb, zur Läuterung der Gedanken und Ideen beigetrageu hätten; man vertiefte sich aber j in allerlei Aberglauben; Mystik, Kabbala trieben ihr Spiel, das Talmudj studium artete in Spitzfindigkeiten und Silbenstecherei aus und eine ganze Unmasse von Sammlungen der verschiedensten religiösen Gesetze überschwemmten den ärmlichen Büchermarkt. Wie ein Blitzstrahl fuhr der stille Mendelssohn in diese alten, morschen Rüstkammern jüdischen Geistes, erleuchtend, aber auch erschreckend: er übersetzte das heiligste Buch der Juden ins Deutsche, ins Reindeutsche; bekämpfte den alten Aberglauben, die Kabbala, und statt dürrer Gesetzessammlungen brachte er die Gedanken der deutschen Philosophen seinen erstarrten Glaubensbrüdern mild lächelnd entgegen. Mendelssohn entfachte unabsichtlich einen Brand, der Alles ergriff. Wie natürlich! An der Revolution der christlichen Geister arbeiteten Jahrhunderte unentwegt, unermüdlich, ununterbrochen fortschreitend; das Judenthum ward! aber durch dieses Ereigniß plötzlich getroffen, und Mendelssohn hatte j anfangs mehr Feinde, als Freunde und Mitarbeiter. Aber der Wall! war durchbrochen, unaufhörlich drang die Fluth weiter und weiter; i es frommte nichts das Wehgeklage der Traditionshüter und.eigen-! nützigen Zionswächter, die Wogen stürzten sich zornig aufschäumend i auf die trostlosen Hütten und sie verschwanden. Drei Wege bahnte! Mendelssohn dem neu entfalteten jüdischen Geiste: mit der deutschen! Sprache den Weg zur deutschen Litteratur; mit seinen hebräischen! Werken führte er die wissenschaftliche Bearbeitung der hebräischen Grammatik und der jüdischen Geschichte herbei und als siegreicher Rivale Kant's die Philosophie. In ihm vereinigten sich alle drei j Bestrebungen zu einem harinonischeu Ganzen; da sie ihn verließen und auf seine Schüler übergehen sollten, theilten sie sich in drei verschiedene Richtungen: in die deutsch-litterarische, in die philosophische und die hebräisch-wissenschaftliche. Kurze Zeit hindurch gingen die Träger dieser verschiedenen Richtungen friedlich und freundschaftlich