Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-22 · Heft 4 (22.1.1891) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 4 (22.1.1891)
Date
1891-01-22
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227882--47662-3270138
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gegensatz zu der Standesschule, in der die Kinder der begüterten Klassen eine andere Bildung, als die der besitzlosen erhalten, die gemeinsame Erziehung der verschiedensten Volksklassen voraus. Sie sollte in ihren Zielen den Zöglingen eine abgeschlossene Bildung verschaffen, die es ihnen ermöglichte, sich dereinst in allen gewerblichen Zweigen als tüchtige, gut vorgebildete Menschen hervorzuthun; sie ging deshalb über den Rahmen der preußischen Volksschule hinaus, indem sie auch kaufmännisches Rechnen, Französisch und Englisch lehrte, und entsprach im Ganzen und Großen etwa unserer jetzigen höheren Bürger- resp. Mädchenschule. Jedem Bürger, auch dem wenig bemittelten, sollte nun Gelegenheit geboten werden, all' seinen Kindern ans die möglichst leichteste Weise diese Bildung zu verschaffen. Deshalb gab die allgemeine Volksschule den Standpunkt eines festen Schulgelds auf; vielmehr sollte sich dasselbe ganz und gar nach den Vermögensverhältnissen der Eltern und nach den örtlichen Preisen abstufen. Neben einer Anzahl von Freistellen kannte die Röe'sche Schule 4 Stufen von vierteljährlich 18, 24, 80 und 36 Mark Schulgeld; für jede dieser Stufen wurde möglichst ein bestimmter Prozentsatz festgehalten, der Mischung der Bevölkerung entsprechend. Die freie allgemeine Volksschule sollte ferner, um die Kinder zur Ordnungsliebe zu erziehen, diesen sämmtliche, nach genauer Prüfung als erforderlich erachteten Bücher, Hefte jc. liefern, wofür alle Schüler — auch mit geringer Ausnahme die von der Zahlung des Schulgeldes befreiten — nur drei Mark vierteljährlich an die Schulkasie zu entrichten hätten. Beim Austritt aus einer Klaffe oder der Schule sollten die Bücher zuriickgegeben werden, damit sie von einem zweiten Schüler benutzt werden könnten. Daß diese Grundsätze ausführbar seien, wies Rae in der Praxis seiner Schule nach, die er nach dieser äußeren Grundlage umgestaltete. Mit dem verhültnißmüßig geringen Stiftungsvermögen und einem gleichfalls nicht bedeutenden Zuschuß der jüdischen Gemeinde, der zudem 1869 ein Ende erreichte, war der Leiter im Stande, die Anstalt zu erhalten — freilich kamen ihm die besonders günstigen Verhältniffe seiner Vaterstadt, sowie eine Reihe von Vermächtniffen und Stiftungen zu statten, die sogar noch die Gründung einer vortrefflich ausgestatteten Pensiouskaffe ermöglichten. Die allgemeine freie Volksschule mußte ferner, da sie allen Kindern zugänglich sein sollte, einen simultanen Charakter erhalten; sie sollte aber als solche nicht nur die Gleichberechtigung beider christlichen Konfessionen darstellen (die Katholiken kamen ja in Hamburg bei der geringen Anzahl gar nicht in Betracht), sondern eine Vereinigung von Kindern verschiedener Religion herbeiführen. Ilm diese Gleichheit zum Ausdruck zu bringen, sollte der Lehrplan der Schule dahin gestaltet werden, daß der Sonnabend und Sonntag lediglich dem Religionsunterricht gewidmet seien; am Sonnabend sollte der christliche, am Sonntag der jüdische ertheilt werden; daß ferner der Unterricht an den hohen christlichen und jüdischen Feiertagen ausfalle, und weil dadurch die Zahl der Schultage verkürzt würde, sollten zu Psingsten und Michaelis die freien Tage auf einen einzigen reduzirt werden. Auch diese Ansicht brachte Röe in der Anstalt, der er Vorstand, zur Geltung. Bei dem großen Einfluß, den er durch die Macht seiner Persönlichkeit, durch den Glanz der Rede auf die Kuratoren der Anstalt besaß, veranlaßte er diese zu dem nicht einwandsfreien Schritte, die Bestimmung der Stifter dahin zu ändern, daß aus der „Israelitischen Freifchule", einer bei aller freiheitlichen Entwicklung immerhin konfessionellen Anstalt, eine paritätische, „die Stiftungsschule von 1815" geschaffen wurde, die nunmehr auch christliche Schüler aufnahm, ja dieselben bald in bedeutend größerer Anzahl aufwies (nach dem letzten Jahresbericht zählte die Schule 472 Christen, 242 Juden, 18 „Neutrale" (sie!). In dem Bestreben, durch die Schule jeden konfessionellen Gegensatz zu verwischen, wurde aber der Leiter bald zu Maßregeln geführt, die dem christlichen, freilich doppelt so starken Theil der Schüler, einen gewissen Vorzug gegenüber den jüdischen Schülern, für welche nach der Stiftung doch die Schule bestimmt war, unverkennbar einräumten. Wir erkennen die edle Absicht an, die Roe bei dem Tode seines einzigen Kindes veranlaßte, seinen Schwiegersohn zu einer Stiftung für arme christliche und konfessionslose Kinder zu ermuthigen, der bald andere Stiftungen zu gleichem Zweck folgten; war doch für die armen jüdischen Kinder durch das Stiftungsvcrmögen der Anstalt gesorgt; dagegen müssen wir eine einseitige Bevorzugung der christlichen Schüler in einer Einrichtung erblicken, die seit 1870 an der Stiftungsschule besteht. Als nämlich die Anstalt als eine der ersten die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen für den einjährig-freiwilligen Militärdienst erhielt, wurde fortan am Sonnabend in den beiden oberen Klassen wie au den andern Tagen Unterricht ertheilt, während der Sonntag nach wie vor dem jüdischen Religionsunterricht überlassen blieb. Aus diese Weise behielten wohl die christlichen Schüler ihren Ruhetag; dagegen mußten die jüdischen fortan alltäglich die Schule besuchen! Nach vieljährigen Kümpfen mit dem Vorstand der jüdischen Gemeinde, die sogar zu gerichtlichen Entscheidungen führten, erreichte Ree im Jahre 1880 die Loslösung von der Oberaufsicht des Gemeindevorstands, und jetzt erst sah er sein Ideal in seiner Anstalt, von der er bescheiden als einer „kleinen pädagogischen Versuchsstation" sprach, erfüllt. Die große unterrichtliche Gewandtheit, die Frische und Lebendigkeit seines ganzen Wesens, die er bis in sein hohes Alter behielt, übte auf Lehrer und Schüler einen nachhaltigen Eindruck aus, und so wurde bald seine Schule eine Musteranstalt; mit berechtigtem Stolz erzählte er von den zahlreichen Schulmännern, die ihn bei der Durchreise durch Hamburg anfsuchten, um die Anstalt und ihre Einrichtungen kennen zu lernen, von dem großen Zudrang zu seiner Schule, denen bei den beschränkten Räumlichkeiten nur schwer Genüge geleistet werden konnte, und der den Schulvorstand zu einem Neubau veranlaßt habe. An Anerkennungen der Vaterstadt, an der er mit warmer Liebe hing, fehlte es ihm nicht. Er hatte die Freude, durch das Vertrauen seiner Mitbürger in das Oberschulkollegium, bald auch als Vertreter Hamburgs in den deutschen Reichstag gewählt zu werden; freilich fand er hier für seine Ideen keinen rechten Boden, und er fühlte kein Bedauern, als die Septennatswahlen seinen nationalliberalen Gegner, dem er übrigens trotz der Verschiedenheit der politischen Ansichten in achtungsvoller Freundschaft zugethan war, das Mandat zuwandten. Die körperlichen Beschwerden des Alters, die sich allmählich einstellten, ertrug er mit bewundernswertstem Gleichmut!); sein Geist blieb frisch und rege wie der eines Jünglings, und nun ist ihm der Wunsch erfüllt worden, den er dem Verfasser dieser Zeilen gegenüber aussprach, der oft und gern an die schönen Stunden, die der Dahingeschiedene ihm widmete, denkt: mitten in seinem Schaffen durch einen plötzlichen Tod hinweggenommen zu werden. Mag er in seinem Streben auch nicht immer das Richtige getroffen haben, die Anerkennung kann ihm nicht versagt werden, daß er der Pflege des Idealen sein ganzes Leben geweiht hat, daß er, frei von jeder Selbstsucht, seinen Mitmenschen das möglichst Beste geben wollte! U

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.