Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1891)
- Date
- 1891-01-22
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
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38 dem guten Glauben und der festen Zuversicht übernommen, daß der edle Kern der deutschen Volksseele eben nicht zu vergiften ist. Aber sie haben sich auch die Gefahr nicht verhehlt, welche daraus entsteht, wenn man gewerbsmäßige» Agitatoren, die den Antisemitisinus,;u ihrem Lebensberuf, ja zu ihrem Lebensgeschäfte gemacht haben, freiwillig den Boden überläßt, in einer Zeit so tiefgehender Erregungen auf politischen und wirthschnftlichem Gebiete, in einer Zeit, in der die große Suppenfrage der Menschheit wie ein ungelöstes Räthsel im Vordergründe steht, alle Geister beschäftigt, alle Herzen erfüllt. Schwer ist die Zeit und nicht leicht sind ihre Zeichen zu deuten! Aber eines ihrer wirksamsten Zeichen ist für uns dieser neue Verein, den edle und hervorragende deutsche Männer aus nichtjüdischen Kreisen zu begründen für nothwendig gefunden haben. Nun denn! An uns ist es, diesen Verein mit allen Kräften und Mitteln zu »nterstützen und zu fördern. Es ist eine Lüge, wenn inan behauptet, die Juden seien reich. Wohl giebt es einzelne Inden, welche große Reichthümer durch Geschick und Intelligenz zu erwerben, und was die Hauptsache ist, zu erhalten verstanden haben. Aber die Masse der Juden ist nicht begüterter, ja vielleicht äriner als ihre nichtjüdischen Mitbürger. Aber opferwillig sind die Juden, das ist währ, und vielleicht ist daraus die falsche Vorstellung von ihren Reichthümer» entstanden. Biogen sic diese Opferwilligkeit von Peuen in hellem Lichte zeigen! Vielleicht noch niemals ist eine würdigere Gelegenheit dazu geboten worden, als durch diesen Verein, den wir darum mit inniger Freude begrüßen, dessen Ziele wir mit Genugthuung als die unsrigen anerkennen, an dessen Arbeiten wir mit freudigem Bewußtsein theilnehmen wollen, dessen Begründer und Leiter wir mit inniger Sympathie und herzlichem Danke als Mitarbeiter an dem großen Werke der Befreiung und Erlösung begrüßen. Möge es ihnen gelingen, ihr Ziel zu erreichen und in unserem herrlichen deutschen Vaterlande Haß, Fanatismus und Vorurtheil überall, wo sie auftreten, durch die siegreiche Macht der Aufklärung und der Wahrheit zu entkräften! Und so sei es und bleibe cs: Mögen sie fluchen, wir aber wollen Segen verbreiten! 9 Nr. Anton Nee. Von Dr. S. Adler. Berlin, im Januar. Der Tod Anton Rees, des Direktors der Hamburger Stiftungsschule von 1815, der am 13. Januar Plötzlich am Herzschlag erfolgt ist, hat wohl Alle tief bewegt, denen es vergönnt war, in nähere Verbindung mit dein bedeutenden Manne zu treten, wenn sie auch nicht den Wegen, die er wandelte, immer hätten folgen mögen. Wurde doch Jeder gefesselt durch die bei aller Entschiedenheit liebenswürdige Form, durch die strenge Sachlichkeit, mit der er die Ideen, die er in seiner Jugend in sich ausgenommen hatte, und an denen er bis an sein Lebensende festhielt, verfocht, durch die rastlose Thätigkeit, mit der er bis in sein Alter für die Verbreitung seiner Ansichten' wirkte und stritt! Ree wurde in deni Stiftuugsjahre der Anstalt, an der er fast' 53 Jahre lang als Lehrer und Leiter gewirkt hat, geboren. Seine Jugend fiel in die Zeit, i» der die gewaltigen Bewegungen der Freiheitskriege noch in den Gemüthern aller Deutschen nachzitterte/ in die Jahre der Sehnsucht nach einem geeinten deutschen Vaterlande,' das stark nach außen, im Innern der freien Bewegung des Einzelnen den weitesten Spielraum gewähren sollte. Jeder Deutsche, welches Stammes, und Glaubens er auch sei, sollte in diesem Vaterlande theilnehmen können an dem Wohle des Landes, für dessen Befreiung von fremder Herrschaft Alle so große Opfer hatten bringen müssen. Besonders mächtig war diese freiheitliche Bewegung unter den Juden, denen eine weise Gesetzgebung in Preußen (und diesemLande folgten bald die meisten andern deutschen Staaten) in der Zeit der tiefsten Erniedrigung als Lohn für ihre Opserwilligleit und vaterländische Begeisterung die Grundrechte der Staatskörper verliehen hatte, und unter ihnen wieder wurden von diesem Hauch namentlich die Männer ergriffen, die, an der Spitze großer kaufmännischer Unternehmungen stehend sich einen weiten Blick verschafft hatten, hinweg über Vorurtheile und alte, oft widersinnige Gewohnheiten. Als endlich, endlich die lästigen Fesseln, die d^n deutschen Juden bisher in politischer Beziehung angelegt waren, sich gelöst hatten, hielten jene Männer es nunmehr für ihre Ausgabe, darauf Bedacht zu haben, daß alle Eigenthümlichkeiten in Sitten, Sprache und äußerem Verhalten der neuen Staatsbürger, die infolge der Sonderstellung, infolge des jahrhundertelangen Druckes sich gebildet hatten, verschwinden. Vor Allem sollte in die jüdische Jugend ein neues Leben eingepflanzt werden, und um dies zu erreichen, gründeten sieben Hamburger Kaufherren 1815 eine Erziehungsanstalt, welche indes; in den ersten Jahren in dem Bestreben, die Zöglinge in sozialer und nationaler Beziehung mit ihrer Umgebung zu verschmelze», über das Ziel hinausschoß und eine Verschmelzung auch in religiöser Beziehung anbahnte, die nicht blos die Lehrer (wie Hanno, später Professor in Heidelberg, O. L. B. Wolfs, später Professor der Littcraturgeschichte in Jena u. a.), sondern auch einen Theil der Schüler zum Christenthlim führte. Erst Kley und Wohlwill zeigten sich der schwierigen Aufgabe, die neben einem allseitigen gründlichen Wissen einen gefestigten Standpunkt erforderte, gewachsen und suchten sie zu lösen, indein sie zur nationalen Förderung u. A. einen Gottesdienst mit Predigt und deutschen Gesängen einführten, in sozialer Hinsicht die Jugend auf einen bisher wenig betriebenen Erwerbszweig, das Handwerk, wiesen. Als freilich in den Zeiten der Reaktion, schon im Jahre 1819, die Zünfte in Hamburg sich weigerten, Juden als Lehrlinge aufzunehmen, mußte die „Israelitische Freischule", so hieß sie bis 1852, ihre Thätigkeit in dieser Richtung aufgeben; sie reformirte sich zu einer Anstalt, die den Zöglingen eine bessere Vorbildung für das praktische Leben gab, als es den übrigen Privatschulen möglich war, und die dieselben mit nationalem, freiheitlichem Sinn erfüllte. Nach dem Tode Wohlwill's übernahm der in diesem Geiste, ausgewachsene Ree die Leitung der Anstalt. Er hatte die berühmte Gelehrtenschule des Johanneums seiner Vaterstadt besucht und sich dann an der Universität Kiel dem Studium der Philosophie gewidmet. Mit herzlicher Verehrung hing er namentlich an Heinrich Ritter, der ihn in das Studium der Ethik einführte; als Frucht dieser Beschäftigung entstanden die beiden Schriften: „Wanderungen eines Zeitgenossen auf dem Gebiet der Ethik" und „Ueber die Pflicht". Als Doktor der Philosophie kehrte Ree dann in seine Vaterstadt zurück und widmete unter Wohlwill seine Thätigkeit fortan der Freischule. Zehn Jahre war er bereits Lehrer an der Anstalt, als er im Frühjahr 1848 zur Leitung derselben ausersehen wurde. Das Stürmen und Wogen, das in dieser Zeit das gesammte deutsche Volk ergriff und in den Revolutionen Ausdruck fand, übte auch auf das politische Leben der alten Hansastadt eine mächtige Wirkung und führte alle freiheitlich gesinnten Männer ohne Rücksicht auf Stellung, Bildung, Glauben zu gemeinsamem Wirken zusammen. Ein Führer in dieser Bewegung war Anton Ree, und diese seine Rolle brachte ihn zum Gedanken der freien allgem einen Volksschnle, welche fortan sein Ideal blieb. Die freie allgemeine Volksschule setzte im