Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1891)
- Date
- 1891-01-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Nr. 4. einerne Berlin, 22. Januar 1891. eitung des Zudenthums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner 51*- Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-DrpeLition: Gerlin, Jerufaiemerstr. 48/49 2llle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die »Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Ein neuer Verein. Von G. K. — Dr. Anton Ree. Von Dr. S. Adl er. — Die Chanuka-Bescheerung. Von Theodor Oschinskh^ — Briefe an einen jungen Theologen. Von Dr. G. Deutsch. — Die Extreme im Judenthum. Von N. I. Weinstein. — Wissenschaft und Litteratur: Zunz und Heine. Von Rabbiner Dr. Ziegler. — Fürstliche Opfer. Von Julius Hamburger. — Feuilleton: Rache ist süß. Von Dr. S. Mandelkern (Fortsetzung). — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Stettin, Colberg, Kempen. Posen, Darmstadt. Wien, Budapest. Preßburg. Prag. Stockholm, Jerusalem, Mogador, Washington. — Von Rah nnd Fern. — MiSeetten. - Geschäftliche Notizen. Gin neuer Verein. 0. X. Berlin, den 18. Januar. Der Niedergang des Antisemitismus ist in den letzten Monaten ein vielbeliebtes Thema gewesen. Verschiedene Symptome haben in ihrer Vereinigung allerdings den Beweis geliefert, daß der Antisemitismus sich nicht mehr auf seiner Höhe befinde, und so erwachte der in seinem Grundziele wahrhaft edle, darum aber nicht minder gefährliche jüdische Optimismus von Neuem wieder und trieb seine üppigsten Blüthen. Dieser Egoismus feiert allerdings in der Geschichte des jüdischen Stammes seine höchsten Triumphe; es wäre den Inden nicht möglich gewesen, jenes lange und schauerliche Drama ihrer Leidensgeschichte im Mittelalter bis zu Ende zu führen und aus diesem Drama siegreich als Helden hervorzugehen, wenn sie nicht jenem unverwüstlichen Optimismus gehuldigt hätten, der auch noch mit thränenumflortem Auge immer in eine bessere Zukunft hinanssah. Diesem Optimismus dürfen wir auch huldigen.- Er ist unser Schutz und unsere Waffe, und ans dieser optimistischen Stimmung heraus Höffen wir zuversichtlich, daß auf die wüste Epoche der Verhetzung eine neue Aera der Humanität und der Verbrüderung folgen wird. Aber dieser Optimismus, von unseren Propheten gepredigt, von unseren Dichtern genährt, von den edelsten Geistern gekräftigt, darf uns nicht hindern, die Erscheinungen der Gegenwart mit kritischem Auge zu prüfen. Und wenn wir dieses thun, so werden wir bekennen: der Antisemitismus hat noch nicht ansgespielt! Es beginnt vielmehr jetzt erst die zweite Hälfte jenes Trauerspiels; auf den lärmenden folgt der stille Antisemitismus, auf die wüste Hetze die systematische Agitation. Der Antisemitismus wird nunmehr von der Straße ins Haus verpflanzt, vom Parlament in das Dorf, von der Kanzel in das Wirthshaus, von den Studenten zu den Bauern, und es ist kein Zweifel, daß diese Entwickelung des Antisemitismus gefährlicher und verhängnißvoller ist, als die erste, deren Ende wir erlebt haben. Mit inniger Freude begrüßen wir daher die Gründung eines neuen Vereins, welcher sich die Bekämpfung des Antisemitismus in dieser Periode zu seiner Hauptaufgabe gemacht hat. Wenn cs eines Zeugnisses dafür bedürfte, wie gefährlich die Agitation gerade in diesem Moment ist und für die nächste Zukunft noch werden kann, so würde die Gründung dieses Vereins ein solches Zeugniß abgeben. Männer von erlauchten Namen in der Wissenschaft wie im öffentlichen Leben, hervorragende -Vertreter der Kirche und der Politik, des Handels und der Industrie, haben sich vereinigt, um den Antisemitismus mit wirksamen Waffen zu bekämpfen nnd ihm überall da entgegenzutreten, wo er seine Agitationen betreibt. Der neue Verein will auch seine Wanderprediger in die deutschen Dörfer senden, wo ein Böckel und ein Liebermann v. Sonnenberg die Geister verwirrt und die Gemüther vergiftet haben. Er wird auch seine Flugblätter überall da verbreiten, wo die antisemitische Agitation, aus geheimen, bis jetzt noch nicht entdeckten Ouellen gespeist, mit einer geradezu musterhaften Geschäftigkeit und Betriebsamkeit ihre Kalender und Broschüren, ihre Hetzartikel und Zeitungen zu verbreiten weiß. Mit einem Wort, er wird der antisemitischen Agitation überall da entgcgentreten, wo sie sich ein Terrain auf deutschem Boden zu erobern sticht. Freilich wird die Aufgabe des Vereins nicht leicht werden, da er einen Gegner vor sich hat, deffen Kampfmethode er nicht nachahmen nnd den er mit gleichen Waffen nicht befehden darf. Der antisemitische Agitator schreckt vor keiner Lüge zurück, der neue Verein wird nur im Zeichen der Wahrheit kämpfen dürfen; der antisemitische Agitator verschmäht kein Mittel der Verleumdung nnd der Verhetzung, der neue Verein wird nur unter dem Banner der Aufklärung und der allgemeinen Menschenliebe siegreich fortschreiten; der Antisemitismus arbeitet im Dienste der Mächte der Finsterniß, der neue Verein kämpft für Licht und Aufklärung. Wer dürfte noch zweifeln, auf wessen Seite der Sieg sein wird? Um aber diesen Sieg zu erreichen, müssen alle Kräfte thätig sein, müssen alle Geister zusammenwirken, müssen zunächst nnd vor Allem auch unsere Glaubensgenossen, ohne Unterschied der religiösen nnd politischen Parteistellung, Jeder nach seinen Kräften und Gaben, thätig und unermüdlich Mitwirken. Große Summen gehören dazu, um diese Aufgabe in würdiger Weise anszuführen; es ist nicht leicht, der Maulwurfsarbeit des Antisemitismus in alle ihre Schlupfwinkel zu folgeir. Unermüdliche Arbeit, große Opfer an Geld und Zeit, feste organisatorische Wirksamkeit sind nöthig, um dem Antisemitismus überall dort wirksam entgegenzutreten, wo er bemüht ist, die deutsche Volksseele zu vergiften. Es ist ein hohes und edles Werk, das die Männer unternommen haben, welche an der Spitze des Vereins stehen. Sic haben es in