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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-15 · Heft 3 (15.1.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 3 (15.1.1891)
Date
1891-01-15
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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und Brüdern der Schwesterlogen Mainz, Frankfurt, Köln, Straßburg, Cassel installirt worden. Gegen sechzig hiesige Israeliten traten der neu gegründeten Loge, die den Namen „Nassau-Loge" trägt, bei. An die in feierlicher Weise erfolgte Installation schloß sich ein opulentes Mahl, das durch ernste und heitere Toaste gewürzt ward. Wir heben aus der Äeihe der offizielles! Toaste den Trinkspruch auf den Kaiser, der durch den Vicepräsidenten Dr. Seligsohn, auf das Exekutiv-Komitee, der durch den Präsidenten Heimerdinger, und auf die ehrwürdige Großloge, der durch den Rabbiner Dr. Silberstein ausgebracht wurde, hervor. Herr Bezirksrabbiner Dr. Silberstein sprach auch das Tischgebet. T. Bus Westfalen, 5. Januar. Nach einem ergreifenden Gottesdienste am 18. v. M. Nachmittags' wurde die in der Synagoge zu Gütersloh aufgebahrte Leiche des Lehrers P. Rüben zum Friedhofe gebracht. Unmittelbar nahe Verwandte folgten dem Sarge nicht, wohl aber ein ungewöhnlich langer Zug wirklich Leidtragender: die ganze Gemeinde mit großer Betheiligung der übrigen Ortsangehörigen — ein starker Zuzug von Israeliten aus den Nachbargemeinden, und Lehrer aus denselben. — Rüben war einer der ältesten und gewiß auch einer der besten Schüler Haindorfs: „der Pioniere der Kultur der Gemeinden in den westlichen Provinzen", — deren ideales Streben im Interesse der jüdischen Gemeinden und Schulen in der Allg. Ztg. d. I. 1886 in einer Reihe von Artikeln zur bleibenden Erinnerung gekennzeichnet wurde. Der Herr Lehrer Oberschützky, Stellvertreter Rubens seit dessen Pensionirnng, sprach in ergreifender Rede über das Wirken des Entschlafenen als Lehrer der Jugend und Leiter der Gemeinde. Dann entwarf Herr Steinweg-Rheda tief ergriffen und ergreifend das Lebensbild des Heimgegangenen, welcher mit seltener Lehrgabe umfassendes Wissen, mit edler Bescheidenheit einen männlich festen Charakter, mit echter Frömmigkeit Toleranz gegen die Schattirungen der eigenen wie gegen Bekenner anderer Konfessionen verband. Darum fand der Verblichene anch die innige Zuneigung bei allen seinen Kollegen, bei allen Menschen, die mit ihm in Berührung gekommen waren. Philipp Rüben war 1813 zu Werne a. d. R. geboren. Sein Vater war im Besitze allgemeiner Bildung und umfassender Kenntnisse des hebräischen Schriftenthums; den Sohn mit hellem Geiste und warmem Herzen zierten diese Gaben in hohem Grade. Zu Anfang der dreißiger Jahre bereitete er sich im Seminare zu Münster auf das Lehramt vor, wirkte daun zu Lüdinghausen, Hersel a. Rh., Bocholt und seit 1855 zu Gütersloh. Mit zunehmendem Alter wurde er von schweren Augenleiden, in den letzten Jahren fast bis zur Erblindung heimgesucht. Als er dieserhalb sein Amt niederlegte, bestimmte die Gemeinde ihm aus freien Stücken ein Ruhegehalt, — ein schönes Ehrenzeichen für Geber und Empfänger zugleich. Nun ruht er aus, — der wackere Lehrer! Unter den Vielen, die sein Andenken treu bewahren, schaut ihm mit stummem Schmerze die treu ergebene Schwester nach, die, obgleich auch seit Jahren schwerleidend, mit klarem Verstände und reinem Gemüthe in Gemeinschaft mit dem Bruder ein rührendes Bild inniger Geschwisterliebe und patriarchalischen Zusammenlebens führte. — Friede seiner Asche! Oesterreich-Ungarn. w. Wien, 8. Januar. Habanus papam, der Vorstand der G em e i n d e, hat sich neu konstituirt. Herr Wilhelm Ritter v. Gu tman wurde zum Präses und Gemeinderath Gustav Simion zum Vizeprüses gewählt. Es ist jedoch jetzt blos eine Uebergangsepoche, da in einigen Monaten der Gesammtvorstand, infolge von Groß-Wien, neu gewühlt werden wird. * Wien, 9. Januar. Der neugewählte Vorsitzende unserer Knltusgemeinde, Herr Wilhelm von Gutmann, hat die auf ihn gefallene Wahl mit nachfolgenden Worten angenommen. die es wohl verdienen, in weiteren Kreisen bekannt zu werden: „Sie haben mir eine sehr große Ehre erwiesen, und ich fühle mich dadurch besonders geehrt. Vor mir wirkten an dieser Stelle Männer von hohen Verdiensten, deren vornehmste und höchste Sorge war, daß, ungleich den Vorgängen in den großen Gemeinden in dem benachbarten Ungarn und des Deutschen Reiches, innerhalb der Wiener israelitischen Kultusgemeinde die Eintracht und die Einheit gewahrt bleibe. Wir sind glücklich über dieses Resultat, weil die Uneinigkeit unter den eigenen Familienmitgliedern ein Anzeichen der Verkümmerung und des Niederganges bildet. Diese Eintracht legt uns Verpflichtungen auf, für die religiösen Bedürfnisse der verschiedenen Parteien mit gleicher Sorgsamkeit Rechnung zu tragen." Der Redner betont, daß der Ban eines neuen Gotteshauses ein uuabweisliches Bedürfuiß geworden. Ob dieser neue Tempel auf Kosten der Gemeinde oder mit Hilfe der Munifizenz wohlthätiger Privatpersonen errichtet werden soll, das ist eine Frage, über welche in gemeinsamer Berathung Beschlüsse gefaßt werden sollen. Der Redner bespricht sodann ausführlich die Modalitäten, die Einkünfte der Gemeinde zu erhöhen, damit sie den vielen neuen Pflichten und Aufgaben, die ihrer harren, gewachsen sein soll. Nach dem Gottesdienst ist das Thorastndium die vornehmste Aufgabe einer jüdischen Knltusgemeinde, das Thorastudium ist die Basis des Judenthums. Redner erinnert sich mit Stolz der Zeit, da er dem Studium der Thora seine Muße widmete. Es genügt nicht, daß der Kultusvorstand in einem oder zwei Bezirken eine Bibelschule unterhält; derartige Schulen für den freiwilligen Besuch der jüdischen Jugend müssen in allen Bezirken errichtet werden, damit diejenigen Eltern, welche es als heilige Gewissenssache ansehen, ihren Kindern einen gründlichen hebräischen und Religionsunterricht ettheilen zu lassen, dazu Mittel und Gelegenheit haben. Es gilt auch, eine Pflanzstätte für die jüdische Wissenschaft in Wien zu schaffen; der vor Jahren mit dem Bethamidrasch unternommene Versuch entspricht nicht den hohen Aufgaben, welche die Wiener Cultusgemeinde im Interesse des österreichischen Judenthums zu erfüllen hat. Ein großes Institut zur Pflege der jüdischen Wissenschaft muß in Wien erstehen, und wenn man mit Eifer und Energie an die Aufgabe schreitet, so wird es auch an den Mitteln nicht fehlen. Redner bespricht ausführlich die Aufgaben des Kultnsvorstandes nach außen, die Verteidigung des Judenthums gegen alle feindlichen Angriffe, und schließt mit den Worten des großen deutschen Dichters: „Die Liebe ist Gott auf Erden." Mit der Liebe zum Judenthum und zur Wiener israelitischen Knltusgemeinde, und mit dem Enthusiasmus, welcher ein Kind der Liebe ist, wollen wir uns den großen Aufgaben widmen. Er rechnet auf das Entgegenkommen und die Kollegialität der Vorstandsmitglieder und hofft auf das Gelingen des Werkes, denn: „Wie man sich vornimmt, so hilft Gott." gg Budapest, 10. Januar. Ein bedeutsamer Schritt ist dieser Tage zur Konsolidirung der Rechtsverhältnisse der ungarischen Judenheit und zur Ausgleichung der zwischen den Neologen und Orthodoxen herrschenden Gegensätze geschehen. Die neologe sogenannte israelitische Landes-Kanzlei richtete an den geistigen Führer der Orthodoxen, Rabbiner L. Schreiber in Preßburg, ein Schreiben, in welchen! sie ihn ausfordert, an dem Beheben der Uebelstünde in den Rechtsverhältnissen der Juden mit ihr gemeinsan! wirken zu wollen, damit die allgemein ersehnte „Rezipiruug" der jüdischen Konfession eruröglicht werde. Es wäre dies der Schlußstein im Baue der Gleichberechtigung der Inden, und würde z. B. dadurch auch jenem beschämenden Zustande ein Ende gemacht, wonach man wohl von der jüdischen zu einer christlichen, aber nicht umgekehrt übertreten kann. Die Landeskanzlei erklärt sich auch bereit, zur Berathung dieser Angelegenheit zu jeder Zeit und wo immer zu erscheinen, wenn ihr vom Rabbiner Schreiner eine diesbezügliche Einladung zukvmmen sollte. Diesem Schreiben wird allgemein große Wichtigkeit beigelegt, indem man von der Näherung der Parteiführer auch eine Aussöhnung der Parteien erhofft. — Die Pester Knltusgemeinde veröffentlicht ihr Budget pro 1891. Wir entnehmen dem Berichte, daß das Präliminare rund 280,000 fl. beträgt, um 17,000 fl. mehr als im vorigen Jahre. Unter den Ausgaben figuriren als wichtigste Rubriken: Rabbinat und Kultus mit 65,000 fl., Schulen und Religions-Unterricht mit 63,000 fl. und Wohlthätigkeit mit 79,000 fl. — Die bisher unter der tüchtigen Redaktion des Dr. W. Bacher und Dr. I. BäncOczy stehende jüdisch - wissenschaftliche und soziale Monatsschrift „Magyar Zsidö Szemle“ ist mit dem 1. Januar in die bewährten Hände des Dr. L. Blau und Dr. F. Mezey übergegangen. — Vorige Woche erlitt unsere Landes- Rabbinerschule in dem Hinscheiden eines ihrer tüchtigen Hörer, Leo Friedlander, einen bedauerlichen Verlust. Nurrmnieu. * Bukarest, 2. Januar. Der Bukarester jüdische Wohlthätigkeitsverein „Zion" errichtete aus eigenen Mitteln eine Mädchenschule, deren Einweihung sich vergangenen Sonntag mit solenner Feier vollzog. — In der jüngsten Senatssitznng hat das nationalliberale Senatsmitglied Schendrea die Frage der r us sis chen Judenausweisungen zur Sprache gebracht, indem er gleichzeitig an das Ministerium des Innern die Aufforderung richtete, durch die Anordnung von Ansnahmsmaßregeln längs der Grenze die Ueberschwemmung Rumäniens mit aus Rußland vertriebenen Israeliten zu verhindern.

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