Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 2^ Rawitsch, 9. Januar. Einen schweren Verlust hat unsere Gemeinde durch den plötzlichen Heimgang der verw. Frau Pauline Cohn erlitten, denn mit dieser Frau ist eine TW# in des Wortes edelster Bedeutung von uns genommen worden. Weit und breit war ihr Haus als eine Stätte echter, wahrer Frömmigkeit nab stillen Wohlthuus bekannt, und die überaus große Betheiligung an der gestern erfolgten Bestattung lieferte das schönste Zeugniß für die große Liebe unb Hochachtnng, welche die leider so früh Verstorbene in allen Kreisen unserer Stadt sowie bei den Mitgliedern aller Konfessionen besaß. — Als Herr Rabbiner Dr. L öb von hier in seiner tief ergreifenden Grabrede von beit vielen Vorzügen und Tilgenden der Verblichenen und von ihrem frommen Wirkell sprach, als er mit wehmuthsvollen Worten auf das einst so glanzvolle unb nun so plötzlich verödete Haus hinwies, da blieb kein Auge thräuenleer, und Jeder aus dem Trauergefolge war sich bewußt, daß hier eine von den Frauen zu Grabe getragen wird, wie sie in Israel leider immer seltener werdell. Nach Herrn Dr. Löb gaben noch die Schwiegersöhne der Verstorbenen, die Herren Rabbiner Dr. Hoffman ll aus Neustettin und Rabbiner Dr. C ohn aus Basel, Beide in herzergreifenden Worten dem großen Schmerze Ausdruck über den schweren Verlllst, welchen die Familie burd) den Tod ihres Oberhauptes erlitten. 3KS- Ostrowo, 8. Januar. Ein seltenes Familienfest fand gestern iit unserer Stadt statt. Das seit seiner Geburt hier ansässige Moses Callomon'sche Ehepaar feierte an diesem Tage, welcher zugleich der Geburtstag des Jubelbräutigams war, das Fest seiner goldenen Hochzeit in geistiger und körperlicher Frische, umgeben von seinen Kindern, Kindeskindern und Schwiegerkindern. An demselben Tage fand die Verlobung seines jüngsten Sohnes mit der ältesten Enkelin statt und endlich traf aus Pittsburgh in Amerika die telegraphische Anzeige von der Geburt eines neuen Enkels ein. In welch außerordentlichem Maße das greise Jubelpaar sich der Achtung und Verehrung bei unseren Mitbürgern erfreut, bewiesen die demselben allerseits zu Theil gewordenen Sympathiebezeigungen und namentlich die Auszeichnungen, welche ihm von den städtischen Behörden, Korporationen und Vereinen entgegengebracht wurden. Die Seitens der verschiedenen Deputationen an das Jubelpaar grichteten warmen Worte lieferten einen erfreulichen Beweis für das friedliche Zusammenleben der einzelnen Konfessionen unserer Stadt. Das Jubelpaar wurde auch durch die Verleihung der Ehejubiläumsmedaille nebst einem huldvollen Glückwunschschreiben aus dem Civil-Kabiuet des Kaisers geehrt. zE Köthen in Anhalt, 9. Januar. Eine glänzende Festlichkeit hat gestern in. unserer Gemeinde stattgefunden. Es war die feierliche Einweihung unserer neu erbauten Synagoge. Was bei derselben uns mit so hoher Freude erfüllte unb auf's Neue den Beweis lieferte, daß die „Schmach des Jahrhunderts" in Anhalt keinen Boden findet, das war die zahlreiche Betheiligung nichtjüdischer Kreise bei der Feier. Fast das gesammte herzogliche Staatsministerium war erschienen, ferner die Honoratioren unserer Stadt. Von jüdischen Ehrengästen erwähnen wir die Rabbiner Dr. Weiße aus Dessau, Dr. Flaschner aus Bernburg, die Vorstände dieser sowie anderer Nachbargemeindeu. Um 41/s Uhr begann die Feier. Unter den Klängen des Ma town beschritt der Vorstand in Begleitung des Rabbiners Dr. Olitzki sowie der Repräsentanten die Synagoge und begab sich mit den Thorarollen an die heilige Lade, wo Kantor Senior das Schma jisroel anstimmte. Nach dem Einheben der Thorarollen ergriff der erste Vorsteher, Herr Kommissionsrath Emil Meyer, das Wort, um in trefflicher Ansprache die Synagoge ihrer Bestinlmung zu übergeben, und zündete zum Zeichen dessen die ewige Lampe an. Der Gesang der Grell'schen Motette „Herr, deine Güte" folgte, worauf Rabbiner Dr. Olitzki die Weihrede hielt, welche durch von Patriotismus getragenem Inhalt und edle Form mächtig auf alle Hörer wirkte. Beethovens „Ehre Gottes", vom Chor mit Orchesterbegleitung vorgetragen, schloß die Feier — An dem auf die Synagogenweihe folgenden Festmahl betheiligten sich gegen 150 Personen. Bei der Tafel brachte Herr Staatsminister von Krosigk das Hoch auf den Landesvater, Herr Rabbiner Dr. Olitzki das auf den Kaiser aus. Der Minister ließ es in seiner Rede an deutlichem Hinweis auf die. häßliche Bewegung der Neuzeit und auf die entschiedene Abweisung derselben seitens des Herzogs von Anhalt nicht fehlen. Als interessante Thatsache sei noch erwähnt, daß die sämmtlichen Speisen zu diesem Festmahl, rituell zubereitet, durch den Restaurateur Pellesohn aus Berlin, der zu diesem Zweck mit seinem gesammten Küchenapparat nach Köthen gekommen war, geliefert wurden, und daß auch die nichtjüdtschen Theilnehmer der jüdischen Küche alle mögliche Ehre anthaten und in ihrem Lobe einig waren. K. M. Ans Nheinhesserr, 2. Januar. Vor einigen Tagen fand die jährliche Sitzung des Vorstandes der „Achawa", Verein zur Unterstützung israelitischer Lehrer, Lehrer-Wittwen und -Waisen Deutschlands, in Frankfurt a. M. statt. Leider vermißten wir diesmal den Gründer und seit dem Bestehen Vorstandsmitglied des Vereins/Herrn Lehrer Klingenstein aus Ober-Ingelheim, der kürzlich das Zeitliche gesegnet. Sein Hinscheiden wird eine um so größere Lücke im Verein hinterlassen, als er nicht nur der Schöpfer genannten Vereins, der heute als einer der segenbringendsten in ganz Deutschland bezeichnet werden darf, gewesen. sondern auch durch sein unermüdliches und opferwilliges Wirken dem Verein stets neue Einnahmequellen zu erschließen wußte. Sein Andenken wird unter den Mitgliedern ein gesegnetes sein und bleiben! Den Stand des Vereins betreffend kann dieser als ein sehr befriedigender bezeichnet werden: die Zahl der aktiven Mitglieder beträgt 321, die der Ehrenmitglieder 830. An Geschenken gingen im Lauf des Jahres ein 9271 Mk. und an Zinsen 6882 Mk. 'Es konnten 11,160 Mk. zu 80 Theilen an 61 Pensionäre abgegeben werden. Das Vermögen wird über 175,000 Mk. betragen, und wird der bald erscheinende Rechenschaftsbericht Näheres bringen. — Ich kann es mir nicht versagen, dem Mitgetheilten einige Worte zuzufügen: Obschon gar oft und nach den verschiedensten Richtungen hin Bitten und Mahnungen ergingen, um die israelitischen Lehrer Deutschlands, Rabbiner, Gemeinden und Einzelne, zum Eintritt in die Achawa zu bewegen, so sind diese doch gar häufig, ja zum größten Theil, ohne die erhoffte Wirkung geblieben. In erster Linie müßten doch die Lehrer die Gelegenheit mit Freuden ergreifen, durch den geringen Beitrag, den die Achawa beansprucht, sich und ihren Angehörigen die Wohlthaten derselben zuzuführen; denn es ist in ganz Deutschland kein derartiger Verein, der den Leistungen der Achawa gleichkommt. Und doch erleben wir es, daß selbst in neuester Zeit in kleinen Kreisen Vereine zu gleichem Zweck sich bilden, so z. B. in Nassau, woselbst im vergangenen Jahre ein solcher Verein entstanden sein sott. Will man denn nicht einsehen, daß bei den größten Opfern, die da gebracht werden, fast nichts geleistet werden kann; das einfachste Rechenexempel müßte dies doch lehren! Auch in Baden, Württemberg rc. bestehen solche Vereine, was leisten sie? Darum, Ihr israelitischen Lehrer Deutschlands, kommt endlich zum Bruderverein Achawa, der Euch so Vieles bietet und so Weniges fordert, und der Euch mancher Sorgen für die Zukunft enthebt!— Ich will nur beiläufig ansühren, daß dieses Jahr manche Pensionäre 280, 350 und 385 Mk. erhielten. Welcher Verein kann dies für 6 Mk. Beitrag bieten? — Diese Leistungen sind aber nur möglich, wenn recht viele Ehrenmitglieder beitreten, Geschenke und Legate uns zugewiesen werden. Damit sieht es aber leider nicht überall so aus, wie es zu wünschen wäre. Nur Frankfurt a. M. macht eine rühmliche Ausnahme. Im Rechenschaftsbericht von 1889 finden sich j aus Berlin 11, aus Darmstadt 14, aus Mannheim 24, während aus Frankfurt über 400 Ehrenmitglieder verzeichnet sind. Woher diese Erscheinung? Der Wohlthätigkeitssinn ist in der erstgenannten, wie in vielen anderen Städten, sicherlich nicht minder stark vorhanden, und es bedürfte nur der Anregung, um das gute jüdische Herz, von dem in einer der letzten Nummern dieses Blattes die Rede war, zu bewegen, der Achawa Ehrenmitglieder und Spenden zuzuführen. — Ich möchte darum die Herren Rabbiner, Lehrer und alle einflußreichen Personen in großen Städten ersuchen, für unser schönes Werk mitzuarbeiten. Es wäre sicherlich eine leichte Aufgabe, Ehrenmitglieder in großer Zahl zu gewinnen. — In Nr. 1 dieser Zeitung finde ich einen Artikel aus Berlin, nach welchen! zum Besten der Hilfskasse für israelitische Knltusbeamte, deren Wittwen und Waisen in Deutschland ein Konzert veranstaltet werden soll, um dieser Kasse, „an welche immer höhere Anforderungen gestellt werden", neue Hilfsmittel zuzuführen. Könnte da nicht durch die Achawa geholfen werden? Nur durch gemeinsames Wirken wird Großes geleistet; nur in der Vereinigung liegt das Heil des Einzelnen. Die Achawa ist eine Anstalt für alle israelitischen Lehrer Deutschlands; sie ist jetzt so erstarkt und leistungsfähig, daß sie recht wohl den Mittelpunkt bilden könnte, dem sich die Lehrer, sowie Alle, die es mit dem Lehrerstande wohlmeinen, anschließen müßten. O Wiesbaden, im Januar. Die Bnei-Brith-Logen mehren sich in unserem deutschen Vaterlande. So ist in den letzten Tagen des alten Jahres auch hier eine neue Loge — die achtundzwanzigste in Deutschland — durch den Vicepräsidenten der Großloge Deutschland, Herrn Simmel, unter ungewöhnlich großer Betheiligung von Deputirten