Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227881--47658-3270133- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Da der Ministerpräsident Manu im Hinweis auf die Dringlichkeit der Adreßdebatte die Erklärung abgab, daß er sich auf die Erörterung des von Schendrea berührten Gegenstandes nicht einlassen könne, so wird Letzterer seine diesbezüglichen Anfragen in Form einer Interpellation erneuern. Herr Schendrea scheint demnach von der Lage der israelitischen Bevölkerung Rumäniens eine sehr irrthümliche Meinung zu haben,' da es ihm sonst unmöglich einfallen könnte, den aus Rußland ausgewiesenen Inden die Absicht eines Nebertritts auf rumänisches Gebiet zuzumuthen. U Von Nah und Fern. ----- Im Alter von 91 Jahren ist in jüngster Woche der Geheime Sanitätsrath Dr. Wilhelm Friedberg gestorben und auf dem Friedhofe in der Schönhauser Allee bestattet worden. — Am 15. Januar findet im Hensel'schen Restaurant, Brnnnenstraße 129a die Generalversammlung des Re ligio n sv e re in s „B e th - Jako b" statt. Ans der Tagesordnung steht u. A. auch die Wahl eines „Vergnügungsausschusses".—Die großherzoglich hessische Kammersängerin, Fräulein Jettka Finkelstein, welche zur Theilnahme an der Lewandowski-Feier sich in Berlin aufhielt, ist in der Vorstellung des „Lohengrin" am jüngsten Sonntag für die plötzlich indisponirte Frau Staudigl als Ortrud eingesprungen. Se. Majestät der Kaiser wohnte der Vorstellung bei. — Ein neues Stück von Richard Jaffe, „Ohne Ideale", ist vom Lessing-Theater zur Aufführung angenommen worden. — Eine neue antisemitische Spielart wird angekündigt, sie soll sich dem Stöcker'schen „Volt" zufolge demnächst als „sozialdemokratischanti semitif che Partei" der Welt offenbaren. An ihrer Spitze steht ein gewisser Dr. Fennhagen, liub wie es heißt, soll ein Berliner Bankier eine bedeutende Summe zur Gründung eines Parteiorgans zugesichert haben. Die Zusammengehörigkeit von Antisemiten und Sozialdemokraten erscheint uns nicht weiter wunderbar. — Gegen Rektor Ahlwardt, den bekannten Heros der antisemitischen Partei und Verfasser mehrerer Schandschriften, hat, so schreibt die „Freis. Ztg.", die Staatsanwaltschaft, wie dieselbe der Schuldeputation in Berlin amtlich mitgetheilt hat, das Verfahren wegen Unterschlagung im Amte eingeleitet. — Bei der Stöcker- Feier im November wurde auch eine Mendelssohn'sche Motette zur Aufführung gebracht. Da aber der Name „Mendelssohn" zu Bedenken hätte Anlaß geben können, so bezeichnete das Programm den Komponisten als „F. M. Bartholdy". — In Ra witsch wurde der Königliche Kreis-Physikus, Sanitäts-Rath Dr. Adamkiewicz, welcher zugleich Anstaltsarzt an der dortigen königlichen Strafanstalt ist, am Neujahrstage zum Geheimen Sanitätsrath ernannt. — Der Jnstitutsvorsteher Arnstein in Kätscher beging am 1. Januar seinen 70. Geburtstag. Ein Komitee, an dessen Spitze der Bürgermeister steht, begründete eine „Arnstein-Stiftung". — Irl Hultschin verstarb plötzlich Herr Louis Lewin, seit 28 Jahren der erste Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde. Der katholische Amtsrichter S t r u z y n a widmet dem Verblichenen im „Oberschl. Anz." einen Nachruf, in dem es heißt: „Ausgezeichnet durch eine wahrhaft fromme Gesinnung war der Verstorbene von edlem, reinem Charakter. Vielen seiner Mitmenschen mochte sein Lebenswandel die Richtschnur ihres Handelns sein!" Die Beerdigung fand unter einer ungewöhnlich großen Betheiligung aller Bevölkerungsklassen am Montag statt. Herr Rabbiner Dr. Blumenthal aus Ratibor hielt im Aufträge der Gemeinde die eindrucksvolle Trauerrede. — In Hochstadt bei Hanau fand am 8. Januar eine B ö ck e l - V e r s a m m l u n g statt. Wie berichtet wird, beleuchteten die Antisemiten ihrem Häuptling nach dessen Vortrag mit Fackeln den Heimweg, nachdem ihm in der Versammlung selbst von den Frankfurter Demokraten bereits gründlich heimgeleuchtet worden war. — Herr Dr. Krön er, Seminar-Direktor aus Hannover, hielt in dem Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Frankfurt a. M. einen Vortrag über „die Judenverfolgungen im 16. Jahrhundert und ihre Folgen." — Bei dem aus Anlaß des 309. Stistungstages der Universität Würz bürg stattgehabten Festakte wurde der Preis der medizinischen Fakultät für richtige Lösung der von dieser gestellten Preisaufgäbe, dem cand. med. Iac Beuario aus Marktbreit verliehen. — In Stuttgart ist die „deutsch-soziale antisemitische Partei" ans Lampenlicht getreten. In einer von etwa 100 Jünglingen besuchten Versammlung sprachen einige der Hetzlehrlinge und entwickelten ihr „Programm". Was die „Deutsch-soziale antisemitische Partei" anstrebt, ist laut den von ihr ausgegebenen „Grundsätzen" nichts Anderes als die „Aufhebung der Gleichberechtigung und die Stellung der Juden unter Fremdenrecht in Deutschland." — Die Brüder Wilhelm und David von Gutmann haben 200,000 fl. für Die Errichtung eines Rabbinerseminars in Wien gestiftet. Dasselbe wird sofort in Angriff genommen und an Stelle des ehemaligen Mädchenwaisenhauses errichtet. — Am Sonntag ist in Wien der Senior der Marienbader Badeärzte, Herr Dr. Samuel Lucca, im Alter von achtundachzig Jahren gestorben. Dr. Lucca, Onkel der berühmten Sängerin Pauline Lucca, war ein vielbekannler Arzt, welcher zum Aufschwünge Marienbads erheblich beigetragen hat. Er sollte in diesem Sommer feilt fünfzigjähriges Jubiläum als Badearzt des Kurortes feiern. Dr. Lucca war vielfach belletristisch, auch in jüdischen Novellen und fachwissenschaftlich als Schriftsteller thätig, sein Buch über Marienbad hat bereits die fünfzehnte Auflage erlebt. Er starb als Jude. — Herr Negierungsrath Prof. Dr. Kämpf in Prag arbeitet seit einigen Jahren all einer Uebersetzung und 'wissenschaftlichen Erklärung der Psalmen. Die Arbeit ist nahezu vollendet und durfte bald erscheinen. Bei der hervorragenden Gelehrsamkeit des Prof. Kämpf als Sprachforscher ltnb Bibelerklärer darf man mit Spannullg dem Erscheinen seiner Erläuterung und Uebersetzung der Psalmen entgegensehen. In - Königswarth wurde eine antisemitische Versammlung zur Organisation der Partei in Böhmen, bei welcher auch Schönerer und Türk erscheinen sollten, ails Gründen der öffentlichen Ruhe und Ordnung von der Bezirkshauptmannschaft verboten. — Herr Dr. Klotz, Zögling der Berliner „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthmns", welcher unter allgemeinem Beifall eine Probe-Predigt in Raudnitz gehalten hak, wurde von der Generalversammlung einstimmig zum Rabbiner gewählt. — Die strengen Maßregeln gegen die Juden in Rußland beginnen schon jetzt durch Sperrung von Handlungen und Ausweisungen aus den Dörfern in Vollzug zu kommen, weshalb im Frühjahr einer abermaligen ausgedehnten Auswanderung der Judell aus Rußlalld entgegengesehen werden muß. — Ein ungarischer Jude, Namens Ignatz Reich, der 1884 in Paris gestorben ist, bat ein Vermögen voll 38,000 Gulden hinterlassen. Nicht weniger als 95 Erbberechtigte haben sich gemeldet, deren Ansprüche indeß sämmtlich zurückgewiesen werden mußten. — Die Schulverwaltung zu Leeuwarden (Holland) hat das einzige jüdische Mitglied dieser Körperschaft Herrn A. Duparc, der auch Mitglied des Stadtrathes ist, zu ihrem Präsidenten wiedergewählt. — Der rumänische Staat hat die Jndigenatsbewerbung des um die rumänische Sprachwissenschaft hochverdienten Bukarester Universitätsprofessors Scheineanu mit allen gegen nur zwei Stimmen blos deshalb zurückgewiesen, weil der Bewerber ein Jude ist! Es ist doch widersinnig, bemerkt hierzu die „Fr. Ztg." eineni Manne durch die Verleihung - einer Universitätsprofessur einen wesentlichen Einfluß aus die Heranbildung der nationalen Jugend zu übertragen und ihm doch nicht zu gestatten, Bürger dieses Staats zu werden. — Die Großloge des Unabhängigen Ordens „Treue Schwestern" in New-Uork hielt am Donnerstag, beit 4. Dezember unter dem Vorsitz der Großpräsidentin Bianka B. Robitschor die halbjährige Terminssitzung ab. 50 Expräsidentinnen der 12 Logen des nahe an 1500 Mitglieder zählenden Ordens hatten sich zur Sitzung eingefunden. Der Jahresbericht der Präsidentin und der verschiedenen Komitees wurde verlesen und mit Beifall angenommen. Das Vermögell des'Ordens beträgt über 60,000 Doll. 56,000 Doll, wurden seit Gründung des Wittwen-Unterstützungsfonds an Wittwen ausgezahlt. — In Providence wurde am ersten Tag Chanuka die neuerbaute Synagoge der Gemeinde „Kinder Israels und Davids" eingeweiht. Es ist dies das zweite jüdische Gotteshaus iu Rhode Island. — In Beyrut ist unter dem Namen Ar se-Le warum (Zedern des Libanon) eine Loge des B'nei-Brith - Ordens errichtet worden. — Dr. d'Arbella, der bekannte Förderer der Kolonisation Palästinas, Chefarzt des Rothschild-Hospitals in Jerusalem, ist zum holländischen Konsul ernannt worden. — Herr Robert Blum, ein amerikanischer Maler, hält sich in Japall auf, um Skizzen zu zeichnen. Herr Blum wurde kürzlich zum Juror der Gemälde- und Kunstaus.stellung in Tokio ernannt. Diese Auszeichnung wird selten einem Fremden verliehen. Druck und Verlag von Rudolf Moste in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.