Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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55. Jahrgang. Ar. 3. Wertcrge 'ßtV «trlln, 15. 3amm 1891, zur „Atkgemernen Zeitung öes ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsch! and. □ Berlin, 13. Januar. Am Freitag, den 9. d. Mts., versammelten sich kurz vor Beginn des Abendgottesdjenstes Vertreter des Gemein de- Vorstandes, der Repräsentanten - Versammlung und der Synagogen- Vorstände, um den zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählten Herrn Dr. Stier zu begrüßen und feierlich in sein Amt einzusühren. Der Vorsitzende des Gemeinde-Vorstandes, Herr Justizrath Meyer, richtete an das neue Mitglied des Rabbinats eine zündende Ansprache, worin er auf die Pflichten des Rabbiners im Allgemeinen und ans die eines geistigen Führers der hiesigen Gemeinde insbesondere hillwies, die hervorragenden Verdienste des verewigten Herrn Dr. Frankl betonte und den Wunsch aussprach, daß das neue Mitglied des Rabbinats, wie es der Zeit nach der Nachfolger des Dr. Frankl sei, auch in seinem Wirken ihm folgen und sich in gleichem Maße, wie dieser, die Liebe der Gemeinde erwerben möge. Herr Dr. Stier dankte in bewegten Worten für das ihm durch die Vertretung der Gemeinde einmüthig bewährte Vertrauen. Geführt von seinen Amtsgenossen betrat er nunmehr die Synagoge bei den Klängen der Orgel. In der am folgenden Tage in der neuen Synagoge gehaltenen Antrittspredigt besprach Herr Dr. Stier, was wohl Moses ulld nach ihm hervorragende Propheten bewogen haben könne, zu zaudern, als der Ruf Gottes au sie erging, zum Volke zu sprechen, und weshalb Moses sprach: Bitte, Herr, sende doch den Du sollst sendell magst". Und an die Worte: „Und Gott redete zu Moses und sprach zu ihm: „Ich bin Adonaj" schloß er die Betrachtullg darüber all, was dem Volke zu lehren sei; nicht die Allmacht allein, nicht den strafenden und rächenden Gott hätterl wir zu verehren, sondern vor Allem den Gott der Gnade und Barmherzigkeit. Zum Schluß sprach der Redner über sein eigenes Verhältniß zur Gemeinde, das, um heilbringend zu sein, gegenseitiges Vertrauen erfordere. Diese Predigt wirkte auf alle Hörer wohlthuend; sie kam aus dem Herzen und ging zum Herzen. 8 Berlin, 12. Januar. In der letzten Sitzung des Gemeinde- Vorstands wurde die Frage erörtert, ob die im Bau begriffene Synagoge (Lindenstraße) elektrisch oder mit Gas zu beleuchten sei. Die Bau-Kommission hat sich für das letztere entschieden, weil die jährlichen Mehrkosten der elektrischen Beleuchtung erheblich seien und man der Besorglliß Raum geben müsse, daß die Betriebsstörungell häufiger vorkäuien, als bei der Gasbeleuchtung. Der Vorstand hat sich dieser Ansicht nicht angeschlossen. Er war der Ansicht, daß bei dem heutigen Stande der elektrischen Belellchtuug in Berlin ein gänzliches Erlöschen aller Flammen nicht zu befürchtell sei, daß zweifellos die elektrische Gesellschaft eine bedeutende Ermäßigung der Gruudtaxe eintreten lassen werde. Zweifellos sei aber auch danll die elektrische Beleuchtung theurer, als die Gasbeleuchtung; es sei aber in Betracht zu ziehen, daß wenll die Gemeinde nach länger als 20 Jahren ein Gotteshaus erbaue, das den Ansprüchen der Gegenwart entspreche, es angemessen erscheine, auch bezüglich der Beleuchtung nicht zurückzubleibenvor Allem kam es aber in Betracht, daß die durch die Gasbeleuchtung entstehende, oft so lästige und ungesunde Hitze beseitigt und eine Belellchtuug hergestellt werde, welche in allen Theilen der Synagoge das Sehen erleichtere. Die definitive Beschlußfassung ist bis zur Einreichung der Spezialanschläge ausgesetzt. X Berlin, 12. Januar. In der gestrigen Sitzullg der Repräselltaute,! wurde zuuächst das Bureau der Versammlung einstimmig wiedergewählt. Sodann wurden gemischte Kommissionen zur Regelung der Frage der Subventionen an Religionsgesellschaften, sowie des Verhältnisses der Gemeinde zur „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" eingesetzt. O Berlin, 13. Januar. In der hiesigen „Humboldt-Akademie" — einer Bildungsanstalt volksthümlicher und zugleich gediegener Art, an deren Spitze der Abgeordnete Rickert als Präses und der Abgeordnete Dr. Max Hirsch als Generalsekretär stehen — hält Oberlehrer Dr. Zelle in gegenwärtigem Quartal einen Cyklus von Vorträgen über die „Geschichte des jüdischen Volkes". Der erste Vortrag fand am 5. Januar vor einer zahlreichen Hörerschaft statt und behandelte die Bedeutung der jüdischen Geschichte innerhalb der gesammten Menschheitsgeschichte, sowie die verschiedenen Quellen für die Geschichte der jüdischen Nation in höchst interessanter und lehrreicher Weise. Diesen Gegenstand einmal in einem zusammenhängenden und Jedermann zugänglichen Kursus, zumal von einem christlichen Gelehrten, behandelt zu sehen, ist eine besonders erfreuliche Erscheinung. Wir möchten unsere Leser auf diese gute (zugleich pekuniär überaus wohlfeiles Gelegenheit, eine genauere Kenntniß der eigenen Volksgeschichte zu gewinnen, aufmerksam machen. Die Prospekte der Humboldt-Akademie sind in den größeren Buchhandlungen, auch im „Jnvalidendank", Markgrafenstraße, unentgeltlich zu haben. Berlin, 13. Januar. Die Kommission des Abgeordnetenhause zur Berathung des Volksschulgesetzes nahm gestern ihre Verhandlungen bei § 16 des qu. Gesetzes wieder auf. Derselbe lautet: Der Religionsunterricht wird nach der Lehre derjenigen Religionsgesellschaft ertheilt, welcher die Schüler angehören, die ihn empfangen, lieber den Paragraphen entwickelt sich eine längere Debatte, an welcher der mit mehreren Kommissaren erschienene Minister wiederholt theilnimmt. Der Paragraph wird schließlich nach der Vorlage angenommen, es wird ihm aber auf Antrag Windihorst folgender Zusatz beigefngt: Kein Lehrer darf einen anderen Religionsunterricht ertheilen, als nach der Lehre der Religionsgesellschaft, welcher er selbst angehört. — Zu 8 17: Den Religionsunterricht in der Volksschule leiten die betreffenden Religionsgesellschaften rc., liegt eine ganze Reihe von Anträgen vor. Die Konservativen beantragen, daß von den Religionsgesellschaften hierzu beauftragte Personen das Recht haben sollen, dem Religionsunterricht beizuwohnen, durch Fragen sich von der fachgemäßen Ertheilung sowie von den Fortschritten der Kinder zu überzeugen, den Lehrer zu berichtigen und ihm Weisungen wegen des Unterrichts zu ertheilen. Bei der Schulentlassung der Kinder haben diese Personen an der Feststellung der Zeugnisse in Religion mitzuwirken. Zur regelmäßigen Uebernahme des Religionsunterrichts durch dieselben ist die Genehmigung der Bezirks« regierung erforderlich. — Der deutschfreisinnige Abgeordnete Knörcke verlangt, daß hinter überzeugen eingefügt werde: und Ausstellungen an dem Religionsunterricht bei der Schul-Aufsichtsbehörde anznbringen, während die Freikonservativen eine mehr formelle Aenderung beantragen. Ueber diese Anträge wie über den Paragraphen selbst entsteht eine längere Debatte, die sich hauptsächlich um den Begriff Leitung des Religionsunterrichts durch die betreffende Religionsgesellschaft dreht. Nach langer Berathung werden die Spezialbestimmungen durch das Wort „insbesondere" eingeleitet. Als erste Spezialabstimmung beantragte Abgeordneter Dr. Windthorst: Die Ertheilung des Religionsunterrichts darf nur solchen Personen übertragen werden, welche das geistliche Organ der Religionsgesellschaft dazu für befähigt erklärt hat. Diese Spezialbestimmung wurde abgelehnt. * Berlin, 12. Januar. Anläßlich des Todestages von Dr. Edu ard Lasker war am 4. d. M. das Grab des unvergessenen Mannes von Freunden und Verwandten mit reichem Blumenschmuck versehen worden. ** Berlin, 13. Januar. Von der „Zeitschrift des König!. Preußischen Statistischen Bureaus" ist soeben das dritte Vierteljahrsheft des 30. Jahrgangs (1890) erschienen. Dasselbe enthält einen interessanten Beitrag über die Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle im preußischen Staat während des Jahres 1889. Aus der Eheschließnngsstatistik scheinen uns die aus das jüdische Religionsbekenntniß sich beziehenden Ziffern besonders interessant. Es verheiratheten sich: Evangelische Männer mit jüdischen Frauen 101; katholische Männer mit jüdischen Frauen 45; sonst christliche Männer (zu einer der verschiedenen Sekten gehörig) mit jüdischen Frauen 4; jüdische Männer mit evangelischen Frauen 131, mit katholischen Frauen 24, mit sonst christlichen Frauen 2, mit jüdischen Frauen 2503; überhaupt: evangelische Frauen 158,009, katholische Frauen 79,895, sonst christlich 439, jüdische Frauen 2653.