Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
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36 Wenn du die „Allmacht" singst, betont vom unsterblichen Meister,') Welcher lange Jahre bei den Unsterblichen wohnt, Und wenn des Königs Psalmen von deinen Lippen erklangen, Schwangen die Herzen sich mit betend zum Himmel empor. Ruhen werden wir bald, die du begeistert, erhoben, Deines Namens Klang lebt dann als Echo noch fort. Mythisch wirst du sein, und uns beneidet die Nachwelt, Die den Wohlklang gehört, der in der Brust dir gewohnt. Es war ein kalter Wintermorgen am 17. Januar 1889. Die schmale Seitenstettengaffe, ehemals der Katzensteig genannt, in Wien, füllte sich mit zahllosen Menschen, die des Leichenbegängniffes Sulzers harrten und nur dann auseinander gedrängt werden konnten, wenn immer wieder Männer und Frauen mit kostbaren Kränzen kamen, um sie dem Todten auf den Sarg zu legen. Dieser aber war nicht in der Wohnung aufgebahrt und man sagte mir, daß er im Tempel selbst zur Einsegnung bereit liege. Ich begab mich dahin. Die Säulen und die Bundeslade waren schwarz verhängt. Auf der obersten Stufe zu derselben ruhte der von schwarzem Tuch umhüllte Sarg des Hingeschiedenen, über ihm brannte die ewige. Lampe. Niemand in dem weiten Raume: nur ich mit dem Todten allein. Mich ergriff eine tiefe Rührung, ihn jetzt so still, so verstummt für immer an der Stelle liegen zu sehen, wo er vor der Gemeinde die Thorarolle, diese pergamentene Siegesfahne Israels, ausbreitend hoch erhob und wie im Triumphe fang: „Das ist die Thora!" Das mächtige Bild stand plötzlich lebendig vor meiner Seele; es hieß mich die Kniee beugen vor dem Sarge, und zu Thränen erschüttert, drückte ich zum Abschiede meine Lippen auf denselben. * * * Bor wenigen Monaten hat der Sohn Sulzers, ein Birtuosen- Ecllist und Mitglied des kaiserlichen Operntheaters, den musikalischen Nachlaß seines Vaters veröffentlicht und dessen Biographie in Aussicht gestellt. Die Gemeinde hat ihrem Meistersänger ein weithin sichtbares Grabdenkmal errichten lassen, auf welchem wir nur die Anbringung einer griechischen Lyra für völlig ungeeignet halten, zumal die von einem Palmenzweig zu umwindende Davidsharfe das einzig richtige Symbol auf diesem Grabe gewesen wäre. U Frtterarrsche MrttheUrmgen. Offener Brief. Herr Redakteur! In Ihrer Festrede zur fünfzigjährigen Jubelfeier des Herrn Musikdirektors Lewandowski heißt es („Attg. Zkg. d. Jdth." 1891 Nr. 1 Seite 4 Spalte 2): „Aber der Werth und die Bedeutung der Musik war groß in Israel. Wir finden Geige und Cello, Pfeifen, Pauken rc." Gestatten Sie mir, daß ich gegen die Geige Einsprache erhebe. Ich bin zwar weder Musiker noch Archäologe vom Fach; ich hatte jedoch Gelegenheit, mich über diese Frage zu unterrichten. Vor einigen Jahren nämlich wurde ich von einem namhaften Dichter gefragt, ob es thunlich sei, vor König Salomo einen Geiger auftreten zu lassen. Ich glaubte die Frage verneinen zu sollen. Ich wurde jedoch aufmerksam gemacht, daß Luther Genesis 4, 21 übersetzt: „Und sein Bruder hieß Jubal, von dem sind hergekommen die Geiger und die Pfeifer," und Samuel I, 18. 6 übersetzt er: „mit Pauken, mit Freuden und mit Geigen". Wahrend in Genesis das hebräische Wort für Geiger Khinor ist, heißt es in Samuel: Ubaschalischim. Dieses Ubaschalischim wird gewöhnlich mit Triangel übersetzt. Kimchi jedoch hält es für ein dreisaitiges Instrument. Ich ging nun der Sache nach und nahm Abeles „Geschichte der Violine" zur Hand und wendete mich an einen Fachgelehrten, Herrn Prof. Eduard Hanslik hier. Dieser schrieb mir: „Die orientalischen Völker hatten Bogeninstrumente (Geigen) jedenfalls früher als die christlich abendländischen. Römer und Griechen hatten nur Saiteninstrumente, die mit einem Stäbchen (plectiurn) ge- \) Beethoven. schlagen oder die gezwickt wurdet: (Harfe, Lyra, Zither). Im Abendlande werden Bogeninstrumente vor dem Eindringen der Araber nicht angetroffen . . . Von den Instrumenten der Hebräer kennt man mit Sicherheit kaum mehr als die Namen. Sicher hatten sie außer Schlaginstrumenten (Pauken u. dergl.) Hörner, Trompeten und Flöten, zwei Saiteninstrumente, eine Harfe von 16—12 Sailen und eine Zither von 8—10 Saiten. Abbildungen aus der Zeit des babylonischen Exils — das beste Beweismittel — fehlen meines Wissens." . . . Mit Berufung auf Ambros „Geschichte der Musik" I. S. 207, 208 schließt Hanslik: „Ich denke, daß diese Auseinandersetzung zur Genüge beweist, daß in der Bibel von einer Geige nicht die Rede sein kann." Es ist aber noch ein Moment zu berücksichtigen. Bekanntlich sind in der stanra della signatura die vier berühmten Fresken Raffaels, darunter der Parnaß. Auf demselben befindet sich Apollo mit einer Violine nnt kühn geschwungenem Bogen. Auch von Albrecht Dürer ist ein geigender Apollo vorhanden, und im Jahre 1876 fand man unter dem Gerümpelwerk der alten Universität in Wien einen geigenden Apollo (vergl. Aschbach, Geschichte der Wiener Universität II 445 Anmerkung). Ohne mich aus sonstige Kommentatoren Raffaels zu berufen, die Apollo mit der Geige als licentia poetica auffasfen, glaube ich eine Ansicht meines Freundes, des Professors Lampel, der die Götter und Heroengestalten veröffentlichte, hier wiedergeben zu sollen. Er meint, die Künstler haben es vorgezogen, Apollo rc. eine Geige in die Hand, statt eine Trompete rc. in den Mund zu geben, weil durch letztere das Gesicht nicht den natürlichen Ausdruck hat und verzerrt wird. Wien, 8. Januar 1891. G. Wolf. Geehrter Herr Professor! Auch ich bin weder Musiker noch Archäologe. Meine Weisheit über die Geigen des alten Israel habe ich aus den Musikgeschichten von Fetis ilnd Ambros mir geholt, welch' letzterer aus Athanasius Kirchers „Musurgie" interessante Auszüge bringt. Nach diesen soll Minim (Ps. 150. 4) eine kleine mit dem Bogen gespielte Geige bedeuten. Nach Schilte Hagiborim ist es ein schmaler, länglicher, mit Stahlsaiten bezogener Kasten, dessen Saiten an eisernen Wirbeln gestimmt und durch Tasten, an welchen Gänsefedern befestigt waren, gespielt wurden. Auch Machol erklärt Bartoloeci für Geige. Im Mittelalter war, wie Sie wissen, die Geige das beliebteste Instrument der polnischen Klesmorim und wandernden Musikanten. — Hatt’fillah w’haemiinab. Gebet und Glaube. Ein Beitrag zur Erklärung und Erläuterung des Gottesdienstes und seiner Gebräuche, von M. A. Goldstein, autor. Rabbinatsverweser in Fiume. Budapest, Ed. Neumaher. Das Werkchen giebt eine eingehende Belehrung über die Gebräuche und den Inhalt des jüdischen Gottesdienstes, besonders über die Einrichtung unseres Gebetbuches. Fleißige Quellenstudien sind hier verwendet und in populärer Weise auch dem Laien zugänglich gemacht. Die Darstellung ist knapp, präzise und zu Herzen sprechend. Manches, besonderssolche Erklärungen, die auf Zahlenwerth der Buchstaben basiren, könnte besser fortgelassen fein. Der größte Vorzug des Buches besteht darin, daß der Versuch, den theoretischen Religionsunterricht im Anschlüsse an das Gebetbuch zu geben, mit gutem Erfolge durchgeführt ist. Bei der geringfügigen Stundenzahl, welche in den meisten unserer Schulen den religionswissenschaftlichen Disziplinen zu Gebote steht, wird die eingehende Durcharbeitung des Lehrstoffes, den uns das Gebetbuch liefert, neben den: biblischen Geschichtsunterricht immer das Wichtigste bleiben. Verlassen ja selbst bei den bestenwickelten Schulorganismen die meisten Kinder die Religionsschule knapp nach Absolvirung der Mittelstufe, also noch ehe der systematische Religionsunterricht begonnen hat. In kleineren Schulsystemen ist die Zersplitterung der dem Religionsunterrichte knapp zugemessenen Zeit für fünf bis sechs Unterrichtsgegenstände nur vom Uebel. Eine Konzentration könnte hier sehr förderlich wirken, und hierzu giebt uns besprochenes Werkchen eine willkommene Anleitung. Einige Fehler wären zu berichtigen: Das Lied „l’choh daudi“ ist nicht, wie angegeben, von Salomo Gabirol, sondern von Salomo Alkabez; ob das Wort „T'fillin" bei den Rabbineu die Bedeutung von Amulett hat, ist wohl noch sehr fraglich. Solche kleine Fehler thun aber dem Werthe des Merkchens keiner: wesentlichen Abbruch. L. Druck und Verlag von Rudolf Mofje iu Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max. Bauchwitz in Berlin,