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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-15 · Heft 3 (15.1.1891) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 3 (15.1.1891)
Date
1891-01-15
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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35 daß Jeder den kleinsten Schritt seines Nachbars überwache und Alle einander bis in die geheimsten und verborgensten Thaten aufspüren sollten, damit die Sünden der Serebrjansker offenbar würden. Damit aber alle Welt erkenne, wie groß die Fröminigkeit der guten Serebrjansker ist, und wie sehr sie alle Nenerungen der sogen. Aufgeklärten und Freidenker hassen und verabscheuen, will ich hier noch eine Begebenheit erzählen, die sich damals zugetragen hat. (Fortsetzung folgt.) d Erinnerungen an Salamon Küher. Von Ludwig August Frankl. Am 17. d. Mts. ist es ein Jahr, daß Salamon Sulzer zur Erde bestattet wurde. Er war eine Stimme seines Volkes, denn nicht in dem Tempel in Wien allein wurde sie über ein halbes Jahrhundert vernommen, seine „Zionsgesänge" ertönten in allen jüdischen Gotteshäusern der Erde, in denen sie nicht verhallen werden. Seine mächtige, durch Kunst vollendete Stimme erschütterte, erhob und entzückte aber auch nicht allein seine Glaubensgenossen. Der Erzbischof und Patriarch von Venedig, der auch als Dichter berühmte Ladislaus Pyrker, unterließ es nicht, wenn er nach Wien kam, Sulzer zu besuchen, um ihn Lieder singen zu hören, namentlich aber die Beethoven'sche „Allmacht", damit er, nach seiner Aeußerung, „zu tiefer Andacht gestimmt werde". Franz Schubert, der unsterbliche Liederkomponist, veranlaßte ihn, unter anderen Liedern auch den von ihm komponirten „Wanderer" vorzutragen, was Sulzer auf die Bitte Schubert's dreimal hintereinander wiederholen mußte. „Jetzt erst," sagte Schubert, „verstehe ich meine eigene Musik und was ich gefühlt habe, als ich die Worte: Ich wandre still, bin wenig froh, Und immer fragt der Seufzer wo? betont habe. Franz Liszt, nachdem er an einem Freitag Abend Sulzer iin Tempel gehört hatte, kam in seine Wohnung, um ihn zu bitten, ihm echt nationale altjüdische Weisen vorzusingen. „Man versinkt," äußerte Liszt, „in einen Abgrund von Melodien, wenn man diesen Sänger hört." Nikolaus Lenau, der Dichter, geniale Geiger und intensive Musikkenner, schrieb in einem mir vorliegenden, vom 14. März 1836 datirten Briefe wie folgt: „Mein Leben ist jetzt ganz kunstbewegt. Fast kein Tag vergeht, der mir nicht irgend einen herrlichen Genuß bringt. So hörte ich heute Abends den Vorsänger der hiesigen Synagoge, Sulzer, der sehr wahrscheinlich die schönste Stimme in Deutschland hat. Meine vom Stuttgarter Hofschauspieler Schmidt komponirten „Schilflieder" waren mir sehr willkommen für diesen herrlichen Sänger." Auch die berühmten Sänger der italienischeil Hofoper kainen um Sulzer zu hören. Sie suchten ihn in ihrer Bewunderung zu verlocken, sich der Bühne zll widmen. In der ihm eigenen schalkhaft humoristischen Weise erwiederte Sulzer: „Was möchte Gott dazu sagen?" Aber seine unvergleichlich schöne Stimme war es wohl nicht allein, was die italienischen Sänger bestimmte, ihn für die Bühne z>i gewinnen. Sein Vortrag war ein eminent dramatischer. Man verstand ihn, wenn ihn auch ein der Sprache Unkundiger hörte. Seine Phantasie war nicht ohne schauspielerische Begabung. Zorn und Demlith, Andacht uild Zerknirschung hallten nicht allein in seinem Gesänge wieder, sie spiegelten sich in seineil.Gesichtszügen und gaben sich in seiner ganzen Bewegung kund. Man glaubte ihm, daß er selbst immer wieder, wenn er oft Gesungenes wiederholte, in der innersten Seele erschüttert sei. Seine Brust war eine Harfe, durch deren Saiten ein Sturm der Begeisterung brauste. — Auch die regierende Kaiserin Carolina August« wünschte ihn zu hören und forderte ihn auf, in einem zum Besten der grauen Spitalschwestern von ihr patronisirteu Konzerte mitzuwirkeil. Als Sulzer erklärte, es hänge dies voll der Erlaubniß seines Synagogen-Vorstandes ab, ließ die Kaiserin an diesen ihren Wunsch aussprechen. Der unvergeffene Gründer des ersten Tempel-Gottesdienstes in Oesterreich, der kaiserliche HofjlNvclier M. L. Biedermann, hatte den Muth, den Wunsch der Kaiserin mit der in tiefster Ehrfurcht ausgesprochenen Motivirung abzulehnen, daß es einem im Dienste Gottes stehenden Sänger nicht zieme, auf dem Theater z» erscheinen, doch lege er, um den inöglich sich ergebenden Verlnst einigermaßen zu ersetzen, 100 Dukaten in Gold für das katholisch geleitete Spital bei. Das war ein Präsident der Gemeinde in Wien vor 80 Jahren, als die Juden in Oesterreich noch unter mittelalterlichem Drucke lebten. Die Wirkung der prächtigen volltönenden Bariton - Stimme Salamon Sulzer's war aber nicht allein eine phonetische, sie lvnrdc durch seine persönliche Erscheinung sympathisch unterstützt. Mittelgroßer und schlanker Gestalt, war sein ausdrucksvoller Kopf von schwarzen Haaren, die auf die Schultern fielen, umwallt, und seine unruhigen dunklen Augen leuchteten. Wenn er am Versöhnungstage mit weißem Gewände angethan, sang, mahnte er an den Hohenpriester im Tempel zu Jerusalem, und wieder, wenn er am Erinnerungstage des Falles der heiligen Stadt Jehovas auf den Stufen vor der Bundeslade sitzend die Trauerlieder gesenkten Hauptes klagend vortrug, schien er selbst der Prophet zu sein, der auf den Ruine» trauerte. Am inüchtigsten aber war sein Gesang, wenn er an offenen Gräbern sang. Er zerschmetterte die Seelen der Trauernden; dabei erhob er bebend die Hände und blickte, wie den Himmel anklagend, einpor. Sein Beten war ein Weinen, ein herzzerreißender Jammer, der künstlerisch mächtig, aber nicht Trost und Versöhnung bringend war. Es kam vor, daß anwesende um den Tobten Trauernde ohnmächtig zusammenstürzten. Es lebte etwas vom Schauspieler in ihm. Im gesellschaftlichen Lebe«« war er stets zu heiterein Gespräch aufgelegt, selbst voll Humor, seine Witze wurden fliegende Worte. Er liebte im außerdienstlichen Leben keine ceremonialen Gebräuche. Der Kaiser von Oesterreich und der Sultan von Konstantinopel schmückten ihn mit ihren Orden. Seine noch im hohen Greisenalter lebhafte Erwartung, zuin Ritter geschlagen zu werden, ging nicht in Erfüllung. Vielleicht war die zu lebhafte Betheiligung Sulzers an der Revolution des Jahres 1848 schuld daran. * , * * Bon meiner behufs der Gründling einer Schule unternommenen Reise nach Jerusalem im Jahre 1856 zurückgekehrt, brachte ich dem von mir stets bewunderten, verehrten Freunde und langjährigen Hausgenossen, weil er den Wunsch darnach geäußert hatte, Erde aus dem Thale Josafat mit. „Sie wird mir," sagte er lächelnd, „unter meinen Kopf gelegt, das Auferstehen leichter machen." Zugleich mit der Erde brachte ich ihm einen Kranz von getrockneten Blumen mit, die auf den Gräber» der Könige und Dichter geblüht haben, und begleitete sie mit folgenden Distichen: Aus dem Land, wo Zions heilige Sänger gesungen, Von meiner Pilgerfahrt bring' ich dir Blumen ins Haus; Eiugerahmt vom Aste des Oelbaums sind sie verwelkt schon, Trauernd, weil dem Kranz fehlte das würdige Haupt. Dir, dem modernen Zionssänger, sei er gewidmet, Und es blühet vielleicht «nieder der welkende auf. Noch einmal, an seinem 82. Geburtstage, richtete ich einige Verse an ihn, welche, wie die voranstehenden, bisher ungedruckt geblieben sind.

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