Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227881--47652-3270127- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
34 „Aber die vielen Leute, die aus Berlin schrieben, daß Du Deinen Glauben gewechselt habest? . . . Und die vielen Briefe, die wider Dich zeugen und die sogar darthnn, daß Du eine Fremde heirathen wollest?" „Alle diese Briefe müssen aus einer einzigen Lügenquelle stammen! Glaube doch nicht an solche Thorheiten, Du meine Einziggeliebte! Ich bin ein Jude, wie ich immer einer war, und bin auch noch heute bereit, mein Gut und mein Leben zu opfern für mein Volk und für den Glauben meiner Väter. Ich schwöre es Dir, daß ich noch keine Minute Moses und seiner heiligen Thora treulos geworden bin." „Also, Alles ist »llr Lüge!" rief Rahel, strahlend vor Freude; denn seine einfachen und innigen Worte waren ihr ins Herz gedrungen, lind ein gelvisses Etwas sagte ihr, daß er die Wahrheit spreche. „Ja wohl, unbekannte Feinde haben mich verleumdet. Mit teiiiem Gedanken habe ich jemals an so etwas gedacht." „Warum kehrtest Du aber so schnell wieder nach Serebrjansk zurück?" „Das geschah auf Veranlassung Deines eigenen Vaters. Er war sehr gütig gegen mich und versprach mir, unserer Liebe nicht länger im Wege zu sein; darum kam ich hierher." O Gott, mein Gott! also das!" rief Rahel, händeringend. „Jetzt fällt cs mir wie Schuppen von den Augen, und nun wird mir plötzlich klar, von ivem all das Unglück herrührt, das Dich betroffen. Run weiß ich, >ver diese falsche Kunde verbreitet hat, die Dich lind mich so unglücklich gemacht!" „Dli weißt, wer der Elende ist?" fragte Salomo erstaunt. „O sag' es mir, Geliebte, sag' es mir, damit ich ihn mit eigenen Händen tobte!" „Rein, mein Lieber, Du sollst ihm nichts Böses thnn; denn er ist — mein Vater." „Dein Vater? .... Was muß ich hören!" „Ja, Geliebter, nur er kann es sein. Er wollte unser» Herzensbund trennen und linsere Liebe vernichten. Er hat Ueblcs gethan. Dennoch hoffe ich, daß Du ihm seine große Sünde vergeben wirst; denn er ist ja doch schließlich der Vater Deiner Geliebten." Einige Minuten ging Salomo schweigend im Zimmer auf und ab. Dann sagte er: „Du wirst mir aber auch verzeihen, wenn ich ihm Gleiches mit Gleichem vergelte." „Rein, Geliebter, Du sollst meinem Vater kein Haar krümmen," flehte Rahel. „Es soll ihm ja auch nichts geschehen," antwortete Salomo. „Ich will ihm nur mit gleicher Münze heimzahlem Doch dringe jetzt nicht weiter in mich und frage mich nicht, was ich mit ihm vorhabc. Sei überzeugt, daß Jedermann meine That billigen wird. Du selbst Ivirst bei dieser Gelegenheit mein Weibchen, und am Schluß soll auch Dein Vater mit Allem zufrieden sein." Rahel blieb über eine Stunde bei Salomo, dann verabschiedete sie sich von ihm und ging fröhlich und mit leichtem Herzen nach Hause zurück. Leider aber sollte sie auf dem Heimweg noch eine unliebsame Erfahrung machen; beim verschiedene Leute, die das Hans, wo sich Salomo aufhielt, umlauerten, hatten sie bemerkt und folgten ihr nun mit Schimpfreden. Ja, Rahel war eben von derselben Sorte wie der aufgeklärte Salomo, und — Gleich und Gleich gesellt sich gern. V. Es ist eine wahre Geschichte. Sagt Judke Schmerkes: Ich weiß wohl, daß viele von den sogenannten Aufgeklärten darüber spotten und lachen, daß wir wahren und aufrichtigen Juden glauben, Gott habe uns ganz besonders auserlesen unter allen Menschen. Solche Aufgeklärte sollten nur einmal nach Serebrjansk kommen, da könnten sie sehen, daß wir uns dessen nicht umsonst rühmen. Ja, Viele sind schon gegen uns aufgestanden, Aufgeklärte und Leugner kamen von allen Seiten und schrieen über unsere Gesetze und Gebräuche, wie Regenvögel, die immer dasselbe Lied pfeifen. Wir aber halten fest an unseren Gesetzen und Gebräuchen, die >vir geerbt haben von unseren Rabbinen, und von ihren Schülern und den Schülern ihrer Schüler, und wir üben sie in Einfalt. Die Stadt Serebrjansk ist noch keinen Schritt abgewichen von der wahren Gottesfurcht. Einmüthig stehen Rabbinen und Bürger zusammen, wenn cs gilt, einen solchen Feind zu schlagen und die Pläne der Gottlosen zunichte zu machen. Wenn eine Seuche ausbricht in unserer Stadt, wie z. B. die Cholera, dann beeilen sich alle unsere Chassidim zuerst, die Sünder unter sich ganz >md gar auszurotten. Denn wir geben nichts auf das dumme Geschwätz der Neuerer, die da behaupten, die Cholera werde aus fernen Ländern zu uns eingeschleppt. Wir wissen wohl und sehen es augenscheinlich, daß wir nur infolge unserer Sünden damit heimgesucht werden. Und der Beweis davon liegt ja auf der Hand. Kaum tritt die Cholera bei uns auf, so werden auch sogleich eine Menge Sünder entdeckt, die den Zorn Gottes erweckt und durch ihre Uebelthaten die Pest ins Land gelockt haben. In der Zeit, von der ich erzählte, war auch die Cholera wieder aufgetreten in Serebrjansk. Natürlich beeilten sich Alle, die der Thora kundig waren, der Seuche Einhalt zu thun, aber nicht etwa mit Medikamenten nach Vorschrift der Aerzte — denn das wissen wir ja Alle, seit das Buch der Heilmittel von Salomo verloren ging, ist cs mit der ganzen medizinischen Wissenschaft nichts mehr — sondern mit verschiedenen prächtigen und sehr wirksamen Sympathiemitteln. Der Kabbalist Rabbi David-Aaron verbreitete seine um den Hals zu tragenden Amulette in ganz Serebrjansk. Er wußte auch ein ganz unfehlbares Mittel: inan brauche nnr, meinte er, das Wunderkraut „Rute" aufzufinden, dieses mit einer goldenen Münze zu zerschneiden und davon einen Talisman auf der Brust zu tragen, dann werde Einem die Krankheit nichts anhaben können. Er behauptete auch, daß er den bösen Geist, den man Cholera nenne, besprechen und von dein Kranken verscheuchen könne; da er sich aber den Kranken nicht zu nahen ivagte — eben aus Furcht vor jenem bösen Geist — so konnte er leider auch seine heilsame Beschwörung niemals anwenden. Zum Unglück aber kehrte sich die Cholera gar nicht an seine Amulette und Talismane, sondern fuhr fort, aus allen Schichten der Bevölkerung ihre Opfer zu fordern. Da befahl der Oberrabbi, daß man auf dem Gottesacker eine Hochzeit feiere; denn dies ist ein altbekanntes und ungemein wirksanies Mittel gegen verheerende Seuchen. Dieser Befehl wurde mit großer Freude aufgenoinmen. Unter lautem Jubel und lärmendem Gesang wurde das liebliche Pärchen, eine lahme Braut und ein schiefgewachsener Bräutigam, in feierlicher Prozession auf den Friedhof geleitet. Dabei machten die Musikanten mit ihren Instrumenten eiuen wahren Höllenspektakel. Der Oberrabbiner vollzog die Trauung selber, und alles Volk jubelte und freute sich, wie beim Erntefest. Ader selbst dieser wunderthätigen Hochzeitsfeier wollte die Cholera nicht weichen. Da wurde es nun allen Frommen klar, daß ein paar ganz große und ruchlose Sünder in der Gemeinde stecken müßten. Sie baten daher den Oberrabbi, daß er die Strafe Gottes über diese ruchlosen Sünder verhänge, obgleich Niemand wußte, wer denn diese entsetzlichen Sünder eigentlich seien. Der fromme Rabbi gab denn auch dem Drängen der Gemeinde nach und gebot, daß man auf den Lebenswandel von Männlein und Weiblein ein scharfes Auge habe,