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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-15 · Heft 3 (15.1.1891) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 3 (15.1.1891)
Date
1891-01-15
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
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33 kreise, die sie auf kraus verschlungenen Pfaden erreichen, und mit diesen Ideen und Erinnerungen vergeistigen sie den Lebensinhalt, den sie später in eigenen Erfahrungen, Beobachtungen und geläutertem Denken gewonnen haben. Und wie ein Heller Schein leuchtet es auf aus den Blättern dieses Buches, wie das heilige Licht, das die Kerzen der Sabbath- und Festabende und die Lichter, entzündet zum Gedenken der heldenmüthigen Makkabäer, ausstrahlen — es ist jener Helle Schein, ben die Söhne unseres Volkes als Männer der Wissenschaft und Litteratur verbreiten, im innigen, seelischen Zusammenhang mit dem, -was ihnen überkommen aus der Vorzeit grauen Tagen. Wer diese Erinnerungen hochhält, wie Karl Emil Franzos, um sie die edlen Blüthen der Poesie schlingt, mit dem holden Schimmer der Phantasie dies wehmuthsvoll-stolze Gedenken verklärt, der hat ein Channkalicht entflammt den modernen Makkabäern, die in schweren Zeiten, wie jetzt, kämpfen für die Ideen ihres Glaubens — und darum nenne ich dieses Buch: interessant und lebensvoll für Alle, für Israel aber ein gesegnetes Buch! FEUILLETON Nach« ist fült. Humor eske nach den, Hebräischen bearbeitet von Dr. S. Mandelkern. (Fortsetzung.) IV. Gleich und Gleich gesellt sich gern. Salomo der Weise spricht: „Alle, die zum Bösen eingcheu, kommen nicht wieder." Unsere Weisen aber sagen, daß dieser Spruch auch voin Epikuräerthum und von der Aufklärung gelte. Und sie haben vollständig recht. Wie oft sehen wir, daß der Mensch, der von den Früchten des Baumes der Erkenntniß gekostet — bekanntlich nennen ja diese /Aufgeklärten" ihre Aufklärung auch die „Erkenntniß" — nicht mehr zurückkehren will zum Baume des Lebens, das heißt zur Thora; denn wie man weiß, ist die Thora das Leben genannt. Das können wir auch bei der ungehorsamen Rahel sehen. Obgleich sie fest davon überzeugt war, daß sich Salomo hatte taufen lassen, brannte hr Herz dennoch darnach, den Geliebten einmal zu sehen und mit ihm zu sprechen. Noch hing sie mit ganzer Seele an ihm, und das Feuer ihrer Liebe war noch nicht ausgelöscht in ihrein Herzen Sobald sie hörte, daß ihr Freund nach Serebrjansk zurückgekommeu sei, und erfuhr, wie ihn seine Mutter urrd alle seine Mitbürger behandelt hatten, da fühlte sie inniges Mitleid mit ihm und scheute sich nicht, ihn unter eigener Lebensgefahr im Hause des Christen zu besuchen. Da sie jedoch fürchtete, dies bei Tag zll thun, so ging sie bei Nacht dahin. Ich war zwar nicht dabei, als die Rahel den Salomo besuchte; dennoch aber weiß ich Alles, was zwischen Beiden damals vorging und gesprochen wurde. Wenn mich aber Einer fragen wollte, woher ich das Alles wisse, so kann ich ihm darauf nur antworten: Ich habe es eben gehört. Wollte mich aber ein Anderer noch weiter ausforschen und fragen: Woher denn die Leute die Geschichte wissen, von. denen ich sie gehört habe/ so müßte ich ihn an die Worte des Predigers erinnern: „Die Vögel des Himmels erzählen es einander, und die Fittige haben, sagen es nach." Darum will ich euch also nur erzählen, was ich gehört habe und was die Spatzen von den Dächern pfeifen. Den ganzen Tag lang war Salomo wie vom Donner gerührt; sein Kopf schien ihm so schwer wie der Berg Karmel, und er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. „Wer bat mir das gethan?" fragte er sich tausend und abertausendmal. Aber er fand keine Antwort auf diese Frage. Den ganzen geschlagenen Tag lief er in seinem Zimmer hin und her wie ein Wahnsinniger. Da seht ihr nun: dieser Berlintschik wußte nun trotz seiner Aufklärung doch keinen Ausweg aus seiner verzweifelten Lage. Ströme von Thränen vergoß er, wenn er seiner Mutter gedachte, die er so aufrichtig liebte, und die nun über seine vermeintliche Sünde so unglücklich geworden. Eine furchtbare Angst aber ergriff ihn bei dem Gedanken, daß auch Rahel all diesen verleumderischen Gerüchten Glauben schenken und an ihm irre werden mußte. Er wußte zwar, daß zuletzt dieses Lügengetvebe zerrissen und die Wahrheit an den Tag kommen mußte; inzwischen aber mußte er Schimpf und Schande ertragen, und seine Mutter konnte der Last der furchtbaren Gedanken erliegen, ihr einziger Sohn sei vom Glauben seiner Väter abgefallen. Und Rahel — ach, sie würde wohl fortan ihn verachten und einem Anderen die Hand reichen. Ja, der Zustand dieses Epikuräers, dieses „Aufgeklärten", war keineswegs beneidenswert!). Endlich war der Tag vorüber und die Nacht trat ein. Die Finsterniß bedeckte die Erde, wie die Sorgen herab gesunken waren über Salomos Herz. Schon blitzten die Lichter auf in allen Fenstern der lunliegenden Häuser, nur das Zimmer Salomos blieb noch dunkel; denn der junge Mann war so sehr in seinen traurigen Gedanken vertieft, daß er gar nicht bemerkt hatte, wie es allmälig Nacht geworden war. Da weckte ihn ein Pochen an der Thür seines Zimmers aus seiner Träumerei. Er sprang auf und gewahrte erst jetzt, daß er im Finstern saß. Nach langem, mühevollem Umhertappen fand er Streichhölzer, zündete Licht an und fragte dann mit müder Stimme: „Wer pocht an meine Thür?" „Oeffne nur, Salomo! Ich bin es!" antwortete es von draußen. „Rahel! Rahel!" rief Salomo, die Stimme seiner Geliebten erkennend. „Täuschen mich meine Sinne? Hat mich ein Zauber berückt? Oder hat mich wirklich das Glück noch nicht ganz verlassen." Eilig schloß er die Thür auf und Rahel trat zu ihm ei». „Rahel, Du, meine Geliebte! . . ." Mit diesen Worten siel Salomo der ungehorsamen Tochter Naphtalis um den Hals. Aber Rahel suchte sich aus seiner Umarmung loszumachen und antwortete zorpig: „Hinweg von mir, Du Unreiner! Nicht um Deine Liebkosungen zu erdulden, bin ich gekommen, sondern um Dich zu strafen für Deinen Abfall. O Du Abtrünniger, der Du vergessen hast den Bund Deines Volkes, der Du untreu geworden dein Gott Deiner Väter!" „O wehe mir! Auch Du, Rahel, glaubst diesem uusiuuigen Gerede!" rief Salomo in höchsten, Schmerz. „Also auch Du hältst mich für einen Renegaten, Du, die Du mein Herz und meinen Charakter besser kennen solltest?" Salomos aufrichtige Verzweiflung stimmten die schöne Rahel mitleidig. Kleinlaut und mit schwacher Stimme sagte sie zu ihm: „Wie sollte ich nicht glauben, was Alle sagen? und besonders jetzt, da Deine eigene Mutter, die Dich ja noch viel besser kennen muß als ich, Dich von sich gestoßen, weil Du Deinen Glauben abgeschmoren." „Rahel!" flehte Salomo, „Gptt hat Dir ja ein reines und verständiges Herz gegeben. Schämst Du Dich nicht und erröthest Du nicht, an solche Lügen zu glauben? Kaum ist ja ein Monat verfloffen, seit ich Serebrjansk verließ. Kann denn ein Mensch in so kurzer Zeit seinen Glauben ändern?"

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