Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Judith Truchtenderg. Erzählung von Karl Emil Franzos?) Besprochen von Ulrich Frank. Als ob man nach langer Wanderung durch fremde, ferne Lande den heimathlichen Boden wieder beträte, so muthet Karl Emil Franzos' neuestes Dichtwerk den Leser an, der mit kundigem Blicke, mit nachfühlender Seele dieses Buch durchlieft. Während es in der litterarischen Bedeutung seines Autors würdig ist, der durch feingeistige, von echter Poesie getränkte Romane und Erzählungen, durch scharf beobachtete und glänzend ausgeführte Kulturbilder aus dem fernen Osten, durch seine Verlebendigung einer Welt, die umgeben ist von cinenr Wall von Vorurtheilen, erstarrten, nicht verstandenen, verachteten Formen und fossilen Begriffen, sich einen ersten Platz unter den zeitgenössischen Erzählern längst erobert hat, gewinnt diese Erzählung einen besonderen Werth, einen schwermüthig - intimen Reiz für diejenigen, die vom Stamme Jener sind, welche litten, weil sie glaubten. Judith und Rafael Trachtenberg, die Kinder des begüterten, strenggläubigen Nataniel Trachtenberg, die zu Grunde gehen ani Glauben ihrer Väter; sie, weil sie ihn verleugnete, und er, weil er mit fanatischem Hochmuth festhielt an dieser geistig starren Welt der Ueberlieferung, der Gebräuche und Sitten des Ghettos, sind recht eigentlich Typen, in denen sich das ganze Ach und Weh des Judenleides verkörpert, wie es war und ist — danials und heute. Zu viel Demuth, blinde Hingebung, kritiklose Bewunderung und unterwürfiges Anempfinden fremder Lebenshaltung, heimliches, neidliches Sichhinzudrängen zu Kreisen, denen man fern steht, Beschönigen und Bemänteln der erkannten Fehler Anderer in falscher Herabwürdigung des eigenen Stolzes, der eigenen Würde — das ist Judith Trachtenberg. — Allzu große Strenge, blinder Fanatismus, hochmüthiges Beiseitstehen, übertriebene Verbitterung und kleinliche Empfindelei, ängstliches Zusammenschauern bei jeder Berührung mit einer Welt, die außerhalb der Synagoge, den althergebrachten Anschauungen und einem einseitigen Ceremoniendienst steht, dabei ein Mangel an Selbstgefühl, das sich stets verletzt, verhetzt, zurückgestoßen dünkt — das ist Rafael! Und wenn das tieftraurige Schicksal dieser beiden begabten, im traulichen Glück geborenen Menschen uns auch sehr zu Herzen geht, so dürfen wir doch nicht behaupten, es sei unverdient. Aus angeborenen und anerzogenen Schwächen und Jrrthümern entwickelt sich die Geschichte ihres Leids und wächst empor zu tragischer Höhe. Das Milien der Judengaffe, in dem diese Geschwister leben, in besseren und glücklicheren Verhältnissen als ihre Glaubensgenosien, aber nur äußerlich, innerlich wurzelnd in demselben Grrmde, bedingt den Konflikt, der sich entwickelt, sobald sie in eine andere Lebenssphüre kommen. Die weichere, empfängliche, wohl auch eitlere Seele des Mädchens erschließt sich diesen veränderten DaseinSbedingungcn; der herbe, strenge, verschloffene Sinn des Knaben wendet sich von ihnen ab — der Zwiespalt tritt damit zwischen Bruder und Schwester, die sich zärtlich lieben. Und nun kommen jene tausend Kleinigkeiten, unscheinbar an sich und doch bedeutungsvoll in ihrem inner» Zusammenhang, und vergrößern die Gegensätze; die Entfremdung wächst, die Katastrophe tritt ein, und die einst in Liebe verbunden, stehen sich feindselig gegenüber — wild und starr ragt der Haß empor! In dieser Entwicklung und Darstellung der Verhältnisse der Geschwister, dem Mittelpunkt des Buches, wird der Dichter zum ') Verlag von Eduard Trewendt, Breslau 1890. Seher, zum Propheten! So war es damals, so ist es heut! Die Extreme, die schroffen, unversöhnlichen Gegensätze innerhalb des Judenthums schaffen die Konflikte, die tiefe Zerklüftung, das völlige Fremdsein, die Feindseligkeit Derer, die doch im Grunde eines Glaubens sind. Judith und Rafael Trachtenberg sind in diesen« Sinne symbolisch! Und laut mahnt und ruft des Dichters Werk zur Milde, zur Duldung, zur Versöhnung! Das ist die hohe ethische und religiöse Bedeutung des Buches für Diejenigen, die jenes Volk, dem die Gestalten des Romans entstammen, lieben und ihm anhangen. Daß Franzos in der Entwicklung seines Romanstoffes mit der Meisterschaft des gewandten, phantasievollen Erzählers verfährt, gilt bei ihm als selbstverständlich. In lebensvollen, ergreifenden und auch humorvollen Bildern ziehen die Ereigniffe in deni kleinen galizischen Städtchen an uns vorüber. In großer Lebenswahrheit treten die Gestalten vor uns hin, die Heldin und ihr Held und alle jene Personen, die theils in ihr Schicksal mitverflochten sind, theils als Zuschauer daffelbe schaudernd miterlebten. Klar und in scharfen Zügen ist der Vater Judiths gezeichnet. Der kluge, scharfsinnige, kühl berechnende und weit ausschauende Mann, der für seine Kinder sorgt und erwirbt, es zu Reichthum und Ansehen bringt und doch nicht vermag, das Unheil von seinem Hause abzuwenden. Dies beginnt mit der Konnivenz, die Nataniel selbst gegen diejenigen übt, die er als elend, schlecht, verderbt kennt, nur weil sie Rang und Stand einnehmen, wie der Kreiskommiffair Wroblewski, ein Schurke, der in seinem Hause wohnt und bei dem sein reines, weltfremdes Kind, seine Judith, verkehrt. Dieser Verkehr gilt als Ehre und Vorzug, die sie über die andern Mädchen der Gasse erheben. In dem Hause des Kommissairs lernt sie auch den jungen Grafen Baranowski kennen, der sie später entführt und verführt und mit einer Scheintaufe und Scheintrauung in den Glauben versetzt, daß sie seine rechtmäßige Gattin sei. Im Auslande, in dem sie wie Verfehmte umherwandern, glücklos und ruhelos, erfährt Judith den wahren Sachverhalt und erhebt sich zur Buße und Sühne. Die Handlung an sich ist einfach, aber die Kulturschilderungen des Gemeindelebens, die Verhältnisse der Beamten- und Adelskreise, die ergreifende Darstellung des düstern Ceremoniendienstes mit seiner geheimnißvollen Symbolik und schaurigen Leidstimmung bei der Todtenfeier greifen beweglich und intensiv in die Handlung ein und erhöhen die Spannung und das Interesse. Wahrhaft stimmungsvoll sind die Schilderungen der Natur, welche den Hintergrund des Gemäldes bilden. Die trostlose, einsame, galizische Ebene und die südliche Landschaft der italienischen Seen, in die der Graf seine Geliebte führt — leidvoll hier und dort! Einzelne Figuren, wie die alte Mirjam Gold, das Ehepaar Wroblewski, der Kutscher Fedko, sind in ihrer mit wenigen Strichen gewonnenen Schürfe und Plastik Kabinetsstücke der Charakterisirungskunst. In den Tagen des Chanukafestes las ich das Brich. Heimathlich wehte es mich aus seinen Blättern an, obwohl es in weitabliegende Lande, in ferne Zeit uns führt — denn überall, wo Juden kämpfen und leiden, ist unsere Heimath. Vor meinem Auge erstand die Gestalt des Vaters, mildlächelnden, wohlwollenden Antlitzes, selig im Glauben, klar im Denken — der Mutter würdevolle Miene, in begreiflichem Stolze auf die lange Reihe frommer, berühmter Ahnen — ich sah im Geiste die Lichter des Chanukaleuchters aufstrahlen, ich hörte die frommen Weisen des Festliedes — des Elternhauses rührende Weihe zog durch meine Seele.... Aus solchen Häusern gehen diejenigen hervor, welche die Geschichte der Judith und des Rafael Trachtenberg verstehen und in innerster Seele nachfühlen. Wohin ihr Weg sie auch führt in die Welt, diese Erinnerungen nehmen sie mit von der Heimathserde in jene veränderten Lebens-