Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
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81 „auch David einzelne seiner Gesänge fern von der Hauptstadt, außerhalb des gelobten Landes gesungen." Jener Vers, der uns die Worte der unglücklichen Gefangenen bewahrt: „Wie sollten wir das Lied Gottes auf fremdem Boden singen,"') gibt nur dem Gedanken Ausdruck, die alten Lieder nicht unter Harfenbegleitung ln der Weise vortragen zu dürfen, in welcher der Freudensang ehemals in Zion erklang. Der Ausdruck „Tehillim", mit welchen schon in alten Zeiten das Psalmbuch bezeichnet wurde, findet nach Salomon b. Jerucham in dem Stamme „Tel": „Höhe, Gipfel", seine Erklärung. Die Psalmen geben eben den höchsten und erhabensten Gedanken des Gesetzes den formvollendeten Ausdruck. — In ähnlichem Gedankenzuge bewegt sich ein zweiter Karaite, Jephet bei! Ali, der am Ende des 10. Jahrhunderts lebte. In seiner Einleitung zu den Psalmen') theilt er die heiligen Lieder ihrer Komposition nach in solche ein, die einer Person, einer Familie angehören oder einer Andeutung über den Verfasser ermangeln. Im Hinblick auf ihren Inhalt hat er zwölf Arten der Gesänge festgestellt. Sie behandeln die Schöpfungswerke Gottes, dessen Wohlthaten gegen Israel und andere Völker, die Wunder in Aegypten und in der Wüste und im heiligen Lande, die Empörungen des alten Israel gegen Gott und die von seiner Hand verhängten Strafen. Diesen reihen sich Gesänge an, welche von der Rückkehr ans dem Exil der Pfadfindung im Leben nach dem leitenden Gottesgesetze künden oder der Bitte um die Befreiung ans der Hand des Feindes, um die Erfüllung der göttlichen Verheißungen, um die Herbeiführung des allgemeinen Friedens Ausdruck geben und de» Wunsch enthalten, daß alle Menschen die wahre Religio» anerkennen und Israel und dem Gesalbten Gottes Treue und Glauben bewahren mögen. Im Geiste dieser Eintheilung erklärt S. b. Jerucham die Namen, welche den einzelnen Poesien in den Psalmüberschristen beigelegt werden. Nachdem Herr Neubauer noch den Kommentar Jona-ibn Ganach's und Joseph-ibn Satanas kurz erwähnt und die Einleitung Abrahamibn Esra's zu s. Psalmenerklärung ausführlich charakterisirt, behandelt er die auf A. ibn Esra folgenden rabbinischen und karäischen Kommentatoren, bespricht ihre Auffassung der Psalmenüberschriften und beschließt die lange Reihe der von ihm genannten Psalmencrklärungen mit der des Menachein Mein aus Perpignan (13. Jahrh.), aus dessen handschriftlichen Psalmenkommentaren er eine wichtige Stelle anführt: Men. Melri sagt: „Die alten Rabbinen meinten, einen Theil der Psalmen haben berühmte Männer der Vorzeit gedichtet." Das ist eine sagenhafte Ausführung. Man kann, eine einfache Auffassung festhaltend, vermuthen, daß David vielleicht Lieder früherer Zeiten vorfand und diese seinem Liederbuche einfügte. Von den übrigen jedoch darf man glauben, daß sie David schrieb und den Leviten, welche er „Söhne Kora's" nennt, zur öffentlichen Aufführung übergab. Man kannte verschiedene Grade der Leviten. Vielleicht ist unter „Moses, dem Manne Gottes", im 90. Ps. auch ein bestimmter Levite zu verstehen, der damals gelebt haben mag. Die alten Rabbinen beurtheilen ferner die Verschiedenheit der Poesie in den heiligen Liedern. In den Aufschriften finden sie für diese zehn verschiedene Ausdrücke. Ich glaube, daß sich alle sehr nahe stehen. Die Anführung der Instrumente für die musikalische Begleitung ist nicht umfassend. Viele Namen von musikalischen Geräthen, welche sonst in der Bibel und in den Psalmen Vorkommen, fehlen in den Psalmüberschriften gänzlich. Herr Neubauer nimmt nach dieser ausführlichen allgemeinen Behandlung des Stoffes die einzelnen Psalmen vor. 33 Psalmen, deren jeder eine besondere Aufschrift trägt, werden nach der Eigenart derselben besprochen und die Meinungen der verschiedenen alten Versionen und Kommentare wörtlich oder inhaltlich angeführt. 27 Uebersetzungen und Kommentare, wovon ein Theil der Letzten nur handschriftlich erhalten ist, werden mit einander verglichen und sehr oft, im echt wissenschaftlichen Geiste, wörtlich mitgetheilt. Belehrende Erklärungen weiß Herr Neubauer überall, wenn auch nur in kurzen Worten, anzufügen und weist dabei auf die Quellen hin, in welchen die Ergänzung zu finden ist. Wir beschränken uns darauf, ein Beispiel anzusetzen. Die aramäische Version hat für die Aufschrift „Stufenlied" die Bezeichnung „Gesang, gesprochen, als die Gewässer der Ilrtiefe sich heben sollten". Herr Neubauer führt zur Erklärung die erste Lesart einer talmudischen Sage an. st Der rabbinischen Verhandlung ist folgende Lesart genehm: „Als David die Tiefquellen für die Opferflüssigkeiten an der Stelle graben ließ, die er den: später» Tempelbau zugewiesen hatte, kam die Urfluth und bedrohte emporsteigend die Erde mit Ueberschwemmung. Der Name Gottes wurde in einer Pergamentschrift als Amulet an die schäumende Fluth gelegt. Diese sank 16 Grade tief. Die Erde, deren Gewäffer mit der Urfluth in den Tiefen in Verbindung stehen, hatte zu wenig Wasser. Da sprach David die 15 Psalmen des Aufstiegs, und die Fluth hob sich um 15 Grade, und die Ströme der Erde sogen die Feuchtigkeit und lebenerhaltendes Wasser." Daß man die Vorbereitungen zum Tempelbau von großen Naturereignissen begleiten ließ, liegt im Geiste der altjüdischen Sage, und das aramäische Targum hat diese in der Uebersetzung aufbewahrt. — Es ist aber auch ein sittlicher Kern in dieser alten Legende. Die Tiefe des Gemüthslebens, dessen Ausdruck Gebet und Hinfließen in seelischen Gefühlen ist, bedroht das weltliche Streben und das muthvolle, freithätige Schaffen des Menschen. Der Name „Gott" aber beschwichtigt die aufgeregte Seele, bietet sichernde Stütze und läßt die Fluthen des überschäumenden Gefühls zurücktreten. Läßt aber die klare, gedankliche Erkenntniß Gottes in ihrer logischen und philosophischen Reinheit nicht wieder einen kalten Hauch der Nüchternheit über das Herz und über das Leben hinwehen, der Sinn und Gemüth beugt und tief herabdrückt?.. Aber der Dichter der Psalmen ist gedankenreich und herzvoll, sinnend erkennt er seinen Gott und betet ihn an im glühenden Gefühl der Andacht. Und mit dieser Sage, und in diesem Bilde sind die Psalmen gekennzeichnet und ihr Charakter dargestellt. Reichthum der Gedanken eint sich in denselben mit den innigsten, tiefsten Regungen des Herzens, Klarheit der Erkenntniß verbindet sich mit dem wärmsten Ausdrucke, mit den heiligsten Rufen der Anbetung. Der Sturm der Empfindungen tobt in dem Geiste, die Seele hält sich fest an Gott, und wie sie ihn besingt in wundervollen Tönen, zieht Freude und Leid milder, sanfter und ruhiger dahin, das Dasein wird verklärt, ist ein edler Gottesdienst. Wenn Herrn Neubauers Schrift auch nur eine gelehrte Behandlung älterer Ansichten über die Abfassung der Psalmen ist, so wird sie doch in England auch außerhalb der gelehrten Kreise nicht ohne Beachtung bleiben. Das Psalmbuch ist ein Buch der Menschheit. In jenem Lande betet Alles Psalmen. Es dürfte dort nicht leicht in gebildetem Hause eine Dame zu finden sein, welche nicht die besten Psalmen Davids auswendig weiß und ihr Herz kräftiget an den alten Worten des Gottesmuthes. Mögen auch in unserem deutschen Lande Israels Söhne und Töchter aus diesem Born des Glaubens und des Gottesmuthes schöpfen, in den herrlichen Liedern und Klängen sich kräftigen für alle Wandlungen des Lebens! ') Pf. 137. 4. 9 Specimen R, Japhet. p. Barges, Paris 1868. 9 Seite 56. Note. S. David Kimchi's Psalmenkommentar Ps. 120.1.