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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-15 · Heft 3 (15.1.1891) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 3 (15.1.1891)
Date
1891-01-15
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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30 schlaflosen Nacht jenes Königs von Portugal! Der Fürst sah das Bcrbrechen begehen, dessen man die Juden bezichtigen wollte. Er umdeutete den Psalmvers: „Er schläft nnd er schlummert nicht, der Hüter Israels."') Und jener Vers des 68. Psalmes: „Der Herr sprach: Von Baschan führe ich sie zurück, führe sie herauf aus den Tiefen des Meeres", hat nicht nur einmal den Seelen der edlen Märtyrer Muth eingeflößt, wenn sie den Untergang in den Westen des Meeres und in den Tiefen der Ströme der Schande oder der Verleugnung ihres Gottes vorzogen.') Die Anwendung, welche die Synagoge und die Kirchen von den Psalmen im Allgemeinen, sowie von den einzelnen Liedern machten, theils um die Lehren der Glaubensbekenntnisse zu erhärten, theils um den Gottesdienst »ach Form und Inhalt zu gestalten und ausznbilden, ließe sich, wie die historische Anwendung der Psalmen sicherstellen, und wäre die Behandlung dieses Stoffes der würdige Vorwurf einer ernsten Forschung. — Nicht so klar liegt die erste, früheste Geschichte der Psalmen, die Sicherstellung der Verfasser der einzelnen Lieder, die Erklärung der Aufschriften, welche die einzelnen Psalmen tragen. Da ist man doch zum größten Theile auf Vermnthungen, geistreiche Kombinationen und Lehrineinungen, welche mehr oder weniger schwanken, hingewiesen. Die kritische Schule der Neuzeit hat die Psalmen nach ihrer Entstehungszeit eingetheilt, gesichtet und erklärt. Für diese Entstehnngszeit selbst suchte sie Gründe aus dem Inhalt der Gesänge zu erbringen. Sie hat Ersprießliches geleistet, wenn sie auch nicht immer vermochte, die Lieder mit Bestimmtheit diesem oder jenem Zeitalter, dem einen oder dem andern Dichter zuzuweisen. Weniger glücklich war sie in Bezug auf die Aufschriften, welche im Urtext an der Spitze der einzelnen Gesänge zu lesen sind. Es ist kaum möglich, mit einiger Sicherheitdie Zeit zu bestimmen, in welcher die Aufschriften angesetzt wurden, dem Zuge der Ueberlieferung zu folgen, welche den Sammler der Lieder veranlaßte, den Namen Davids, der berühmten levitischen Familien nnd anderer Dichter anznführe». Was die Bezeichnung der Dichtungen nach.der Schattirung und Färbung ihres Inhalts, was die Namen der Sangesweisen und der Melodien und der diese begleitenden Instrumente betrifft, hat die Forschung der neueren Schule keine bedeutenden Fortschritte zu verzeichnen. Sie ist in diese» Fragen nicht viel weiter als die alten Schristerklärer gekommen. Auf diesem Gebiete bleibt noch Vieles zu erwünschen nnd zn hoffen. Es ist ein Verdienst des Herrn Ad. Neubauer,") der seit vielen Jahren seine ergiebige Thätigkeit der Erforschung der Bodleiyana widmet, daß er die Ansichten und Meinungen der alten jüdischen Schrifterklärer über die Verfasser und die Aufschriften der Psalmen in einer umfassenden, auf die Quelle eingehenden Schrift behandelt und so diese Seite der Psalmenerklärnng als ein Ganzes abschließt, sie durch Anführung wichtiger Kommentare, die wir nur in Handschriften besitzen, bereichert und die historisch fortschreitende Forschung über die Titelüberschriften der heiligen Lieder in einem klaren Bilde darstelkt. Alif die Angaben, welche sich über die Verfasier der Psalmen, über die Gattung der in diesen zur Erscheinung kommenden Poesie nnd über die Instrumente, unter deren Begleitung die Gedichte zur Aufführung kamen, in den rabbinischen Quellen vorfinden, verweist Herr Neubauer kurz, hebt jedoch die bedeutenden Momente dieser ') Ps. 121. 4 Virga, Schebet Jehnda. S. Mendelssohn, Rettung der Juden, Abschn. I. 2) ©ittin 57b. Abr. b. David, Sefer hakabala. 3) The Autorship and the titles of the Psalms according to early Jexvisli autliorities, by Ad. Neubauer. Studis biblios II. Oxford 1890. p. 58. agadischen Mittheilungen hervor und sagt uns, daß alle diese in einem handschriftlichen Midrasch des Machir b. Abba Mari weitläufig ausgeführt und zusammengestellt erscheinen. Ausführlich bespricht Herr Neubauer die alten Uebersetzungen und weist nach, daß die syrische Uebertragung der Psalmen, sonst für die kritische Forschung wichtig, in Bezug auf die Psalmtitel wenig mehr als die andern Versionen biete. Die Zeit von der aramäischen Uebertragung der heiligen Lieder im 4. bis Saadia im 10. Jahrhundert hinterließ nichts zur weiteren Erklärung über Autoren und Instrumente, welche das Psalmbuch nennt. Saadia wetteifert jedoch erfolgreich mit seinen karäischen Zeitgenossen, nnd bewahrt uns eine Handschrift der Münchener Bibliothek die seiner arabischen Psalmenübersetznng vorausgehende Einleitung/) Saadia beginnt dieselbe mit der Bemerkung, daß die fünf Formen der Rede, welche Gott den Menschen gewährte, in den Psalmen ihren klaren Ausdruck finden: der Vergleich, die Frage, die Erzählung, der Befehl und das Verbot, das Gebet und die inbrünstige Bitte. Er sieht, wie die Rabbine», in diesen Liedern eine Eingebung Gottes und meint: Wie die Wanderung der Israeliten durch die Wüste nach asten ihren Wechselfällen in den mosaischen Bücher» genau beschrieben wird, damit man erfahre und wisse, wie Gott in dem einen Falle Hilfe gewähret und in dem andern Strafe verhängt, so liest man auch alle Wandlungen und aste Seiten des veränderlichen Geschickes der Menschen in dem Psalmbuche, damit sie immer und überall zum Nutzen des Menschengeschlechtes gekannt werden. In Bezug auf die Autoren erwähnt Saadia die Meinung, daß außer David auch andere Sänger, die uns die Psalmenaufschriften nennen, Offenbarungen erhalten Hütten, pflichtet ihr jedoch nicht bei und will vielmehr aus den doppelten Autornamen, welche einzelnen Liedern vorausgehen, schließen, daß David, welcher Alles für den Dienst des Tempels, den er im Geiste von seinem Söhne erbaut sah, vorbereitete, die ihm gewordene Offenbarung oft einem andern Sänger mittheilte, welcher dem Liede seine letzte Form gab. So sagt auch die Aufschrift des 90. Psalms nicht, daß das Gebet von Mose herrühre, sondern daß die gesangliche Aufführung desselben den Nachkommen Mose's, welche am königlichen Hofe lebten, anvertraut wurde. Denn, meint Saadia, jeder Psalm wurde von einer bestimmten Abtheilung von Leviten gesungen, die klebrigen konnten solche nur lesen. So wurden die Lieder auch in der eigenthümlichen Melodie vorgetragen, welche uns die Psalmenaufschriften bewahren. Es ist möglich, daß für den Vortrag anderer Pfalmen, welche solcher Angaben ermangeln, andere Gesangesweisen beliebt und zur Begleitung andere musikalische Instrumente im Gebrauch waren. Gelegenheit und Zeit des Vortrages der einzelnen Lieder läßt sich leicht aus dem Inhalt derselben erkennen, selbst da, wo die diesbezügliche Aufschrift in dem Texte fehlt. Die eigenthümliche Zufammenstellung der Lieder, bei welcher die Folge der Gesänge nicht der geschichtlichen Ordnung der Ereignisse angepaßt ist, führt Saadia auf den Umstand zurück, daß die Psalmen an verschiedenen Tagen, bei verschiedenen Verhältnissen, und in verschiedenen Theilen des Tempels gesungen wurden. Die nach diesen Ordnungen zusammengestellten Gesänge wurden als großes Psalmbuch zusammengeschrieben. Die Einleitung Saadias giebt Herr Neubauer auch im arabischen Texte, ebenso die Ausführungen seines Zeitgenoffen, des Karäers Salomon b. Jerncham, welche auch einer Handschrift entnommen sind. Wenn Saadia meinte, die Psalmen wären als Gebetstücke nur im Tempel, nicht aber außerhalb Jerusalems im Gebrauch gewesen, so widerspricht Salomon b. Jerucham dieser Ansicht. „Habe ja", sagt er, 9 Bob. Katalog vom Jahre 1886, Nr. 167.

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