Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1891)
- Date
- 1891-01-15
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
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heitern, von „Last'" und „Juden" redet. Nach unserer Kenntniß der christlichen Lehre und der christlichen Liebe ist das nicht christlich. Warum die sozialdemokratischen Führer zu Gunsten der Juden zuweilen reden? Vielleicht weil zwei deutsche Juden, Marx und Lassalle, die Sozialdemokratie begründet haben, sodann weil die Juden unterdrückt sind, weil jeder Schlingel sich an ihnen die Zähne wetzt, weil sie aller Orten Zurücksetzung erfahren. Im Uebrigen glaubt es selbst der „alte Dorfpfarrer" nicht, daß die Herren Bebel, Liebknecht, Singer, wenn sie zur Macht kämen, das jüdische Geld schonen würden; ist denn der Dorfpfarrer auf seinem Dorfe ganz dumm geworden, daß er sich aufbinden läßt und dann Andern aufbindet, die Juden hätten das meiste Geld? Die meisten Juden seufzen in einer Armuth, von der sich ein westdeutscher Dorfpfarrer nach den Erwerbs- und Lebensverhältnissen seiner Hcimath kaum eine Vorstellung machen kann. Die Sozialdemokraten sind gegen die Kapitalisten unter den Juden so feindselig wie gegen jeden anderen Kapitalisten, aber daß sie wegen einiger reichen Juden sogleich gegen alle Juden toben sollten, das thun sie deswegen nicht, weil sie nicht so ordinär sind, wie die antisemitischen Raufbolde. Und wie überfein wird diese vermeintliche Freundschaft begründet! Weil der Jude immer mit der Gewalt geht und die Sozialdemokraten bald die Gewalt haben werden. Oft wird uns der Vorwurf gemacht, daß der Jude gern mit der Opposition geht, und der Vorwurf ist nicht einmal ganz unbegründet; warum ist denn im Jahre 1878 die Meute des Antisemitismus gegen uns losgelassen worden, als zur Strafe dafür, weil wir oppositionell waren; und hartnäckig, wie uns schon Moses genannt, ist wohl die Mehrzahl trotz dieser Strafe, selbst bei der Frage des Septennats, oppositionell geblieben. Andererseits ist der Jude nicht so unbesonnen, daß er aus purem Trotz sich zu den Gegnern der „Gewalt", der Regierung stellen sollte, denn wir sind loyale Bürger. Und nun sollen wir gar eine so feine Nase Haben, daß wir den baldigen Sieg der Sozialdcinokratie wittern! Der Dorfpfarrer taxirt die Juden für dümmer, als sie sind. Nein, dieser Sieg der Sozialdemokraten liegt für die Meisten unter uns außer dem Bereiche aller Wahrscheinlichkeit; wir halten den König von Preußen noch heute für den rocher de brouce, der Staat ist so festgefügt, daß er durch die Reden der Sozialisten kaum erschüttert werden wird, und im Uebrigen hoffen wir, daß das soziale Königthum, soviel es vermag, allen gerechten Beschwerden abhelfen wird. Der Herr Dorfpfarrer täuscht sich sehr über unsere Nasen. Er unterstützt seine Behauptung mit einem Märchen aus der Zeit der Pariser Kommune. Er wird für dies Märchen keine Gläubigen finden. Dagegen glauben wir ihm gern, daß der Jude zum Bauern kommt, nicht um diesen glücklich, sondern um sein Geschäft zu machen. Liegt denn darin etwas Böses, wenn das Geschäft ehrlich ist? Soll denn der Jude nurjtint Vergnügen des Bauern auf das Dorf hinauskommen? Gewiß kommt der Jude nur „wegen seinem Profit". Das weiß der Bauer ganz gut und wird auch auf seine» Profit achten; so können Beide, Jude und Bauer, sehr gut bestehen. Der Dorfpfarrer erhebt den Schreckensruf: der Sozialdemokrat kommt; aber ihm müssen wir entgegen rufen: der Antisemit kommt, und der Antisemit ist noch gottloser und sittenloser als der Sozialdemokrat. Merkwürdig ist es, daß die Vorgesetzten „des alten Dorfpfarrers" die Verbreitung einer solchen Schrift, die die Saat des Hasses ausstreut, ruhig dulden. R. U Nie Psalmen, ihre Verfasser und ihre Aufschriften. Von Dr. Io 6 l Müller. Der Psalter ist nicht nur durch den gedankenreichen Inhalt seiner Lieder, welche den Geist des Menschen den reinsten lind edelsten Gefühlen entgegenführen, nicht nur durch den Hauch der Begeisterung, welcher das Herz hoch über die Erdensorgc hinweg zu dem ewigen Geiste, zu Gott erhebt, eines der merkwürdigsten Bücher in der Weltliteratur; nicht nur die wunderbaren Klänge, welche aus dieser erhabenen Liedersammlung bald in tiefen, klagenden Lauten des Schmerzes, bald in jauchzendem Brausen des Siegesliedes, da in den Angstrufen des nach Hilfe ausblickenden Unglücklichen, dort in den muthvollen Vertrauensworten des Führers der Völker tönen, machen das Psalmbuch zu einein ewigen Heiligthum der Menschheit: auch die Geschichte der Psalinen ist eine ganz merkwürdige und eigenthümliche und schließt sich an die Geschichte und an das Geschick der Völker an. Jeder einzelire der 150 Psalmen, bei vielen derselben ihre einzelnen Verse, haben in dem Laufe des historischen Lebens sowohl des jüdischen Stammes als auch in dem der kulturtragcndcn Völker des Westens durch irgend ein Ereigniß, durch irgend eine Anwendung, durch einen Vortrag in Rede und Gesang Bedeutung und Wichtigkeit erlangt. Es könnte von Geschichtsforschern festgestellt werden, welche Psalmen in den Gotteshäusern der gebildeten Welt fast seit einem und einem halben Jahrtausend bei freudigen Anlässen, gelegentlich der Siege der Könige lind Fürsten von lauten Chören gesungen wurden, welche bei Andachtsübungen in Zeiten der Roth und der Krankheit die frommen Beter mit Hoffnung erfüllten, ° welche Verse bei einzelnen, besonderen Fällen eine ganz cigenthümliche Auffassung, eine diesen Ereignissen angepaßte Beziehung erlangten und weckten. Nicht anders verhält es sich mit den Aussprüchen und Texten, welche die Redner und Lehrer der Glaubensbekenntnisse ihren Ansprachen und Ausführungen zu Grunde legten. Prüft man die Gesänge und die Gebete der gebildeten Welt, so erkennt man bald, daß ein großer Theil derselben, wenn sie nicht eine Umarbeitung einzelner Psalmen sind, doch dem Gedankenzuge, der Geinüthsinnigkeit und dem Schwünge des Geistes, welche den Liedern Davids das Gepräge geben, Raum gewähren und diesen nachgebildet sind. Und wie ist erst die Geschichte Israels mit diesen alten Gesängen so innig verknüpft. Durch so viele Jahrhunderte werden die einzelnen Lieder in allen jüdischen Gotteshäusern an Werktagen und in festlichen Zeiten in der Folge und Reihenordnung gelesen, in welcher sie, nach einer alten Nachricht,') einst im Tempel zu Jerusalem von den Chören der Leviten vorgetragen wurden. Allwöchentlich wird der Sabbath mit dem Liede cingeleitet, welches noch die alte Aufschrift trägt: „Sangeslied für den Sabbathtag." Fast durch zwei Jahrtausende schöpfte der sich vor Gott beugende Jude an jedem Morgen aus den Hallelujaliedern Muth-und Frische, um sich in Gottesfreudigkeit für die Sorge und Mühe des Tages zu stärken. In den Worten der Psalmen weinten sie ihren Kummer aus in den Tagen der Gefahr und der Noth des Einzelnen, in den Zeiten, da Drangsal und Betrübniß die Gemeinden bedrohte. Und wie pochte das Herz voll Hoffnung beim Siegesliede Davids, da der Ruhetag sich neigte! Und wie zogen beglückende Engel ein und reihten sich der Tafelrunde an, die freudig bewegt am Passahabende das alte Halle! sang! — Viele einzelne Psalmen und Verse fanden ihre eigenartige Anwendung in dem Stammesleben Israels. Wer kennt nicht die Geschichte der - Rosch-hascliana 31a,