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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-15 · Heft 3 (15.1.1891) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 3 (15.1.1891)
Date
1891-01-15
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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bereinigten und bei deren Annahme der Zweck Maybaums erreicht wurde. In der Debatte wurde erwähnt, daß ein sehr einflußreiches und angesehenes Mitglied der Berliner Gemeindeverwaltung sich eine deutsche Hagada aus den Peßachpredigten von Michael Sachs zusammengestellt habe.’ Bamberger stellt den Antrag, eine Statistik über jüdische Volks¬ und Religionsschulen anzulegen und legt gut ansgearbeitete gedruckte Frageblätter hierüber vor. Dr. Feilchenfeld (Schwerin) beantragt Gründung einer Präparandie, für Religionslehrer und Unterstützung vorhandener Präparanden. Ans der Mitte der Versammlung wird das Zusammenarbeiten mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund für diesen Zweck empfohlen. Dr. Rülf (Braunschweig) plädirt für die Gründung von Vereinen zur Hebung des Handwerks unter den Juden. Dr. Silberstein aus Wiesbaden richtet eine Anfrage an den Centralausschuß, wie man Uebergriffe eines Rabbiners in das Amtsgebiet eines Andern abwehren könne. Im deutschen Süden und Westen existiren nämlich neben den Hauptgemeinden, zu denen auch der Umkreis gehört, orthodoxe Separatgemeinden; es ist natürlich, daß z. B. Trauungen von Mitgliedern der Separatgemeinden von deren Rabbinern vollzogen werden, aber die im Kreise wohnenden Juden gehören zur Kompetenz des Gemeinderabbiners; nun sollen, wie Dr. Selver (Darmstadt) erzählte, ganz merkwürdige Kunstgriffe angewendet werden, um die verlobten Paare aus der Umgegend für die orthodoxen Rabbiner gleichsam einznfangen. Eine Entscheidung, ob ein Unrecht vvrliegt, kann nur nach genauer Feststellung des Sachverhalts stattfinden. Stein (Worms) Ungerleider, Guttmann sollen sich im Aufträge des Centrnlausschusses dieser Aufgabe unterziehen. Zum Schluß erfolgen Wahlen — Ungerleider wird zum Vorsitzenden des Centralausschusses, Ungerl ei der, Bamberger, May bäum in den geschäftsführenden Ausschuß gewählt. Dieser tooptirt sich Rippn er und Vogelstein. Möge der Rabbinerverband unter der Leitung dieser ausgezeichneten Männer blühen und gedeihen und der Verwirklichung seiner großen Ziele, seiner erhabenen Aufgaben inimer näher gelangen. 8. ¥ Gin antisemitischer Dorfpfarrer.') Es ist wahrscheinlich, daß die Jesuiten, die beim Beginn des Kulturkampfes den deutschen Boden hatten verlassen müssen, demnächst wieder ihren Einzug in die deutschen Gauen halten werden. Es' darf daran erinnert werden, daß dazumal die Abgeordneten jüdischen Glaubens im Reichstag sich nicht den Feinden des Jesuitenordens angeschlossen haben, so wenig auch die Ideen der Jünger Loyola's ihnen sympathisch waren. Ein deutscher Jude kann niemals einem Gesetz beipflichten, das einem Deutschen sein Heimathsrecht verkürzt; darum empfinden wir eine Genugthuung bei der bevorstehenden Aufhebung des Jesuitengesetzes; wir haben selbst so hart die Wirkung von Ausnahmegesetzen erfahren, daß unser Rechtsgefühl sich aufbäumt gegen jede Störung der Rechtsgleichheit, und träfe der Schaden auch unsere schlimmsten Feinde. Wir verlangen Toleranz auch für die Intoleranten, für diejenigen, die wie der Orden Jesu, kein Hehl daraus machen, daß, wenn sie ') „Der Sozialdemokrat kommt!" Von einem alten Dorfpfarrer. Freiburg. Herder, 1890. zur Macht gelangten, auch die Mittel der Gewalt und Unterdrückung anwenden würden, um ihre kirchlichen Ziele zu erreichen. Aber so wenig gerade wir Inden helfen werden, um den Jesuiten die Rückkehr zu wehren, so können wir uns der Wahrnehmung nicht verschließen, daß mit ihnen die Judenfeinde eine beträchtliche Verstärkung erfahren werden. Die Jesuiten waren überall unsere Gegner, sie haben .in allen Landen, in welcher sie zur Herrschaft gelangt sind, unfern Vorfahren das Leben schwer gemacht, und die Größe dieses Ordens besteht in der Strenge, in der Unwandelbarkeit seiner Grundsätze; die Windthvrst, die Reichensperger, alle die Klerikalen, welche die Gleichberechtigung der Juden für vereinbar halten mit der ultramontanen Doktrin und für die Rechte der Juden vier Jahrzehnte hindurch in deutschen Parlamenten ihre Stinnne erhoben haben, werden auf diesem Gebiete in den Jesuiten, je nachdem es die politische Lage gestattet, versteckte oder offene Gegner finden. Obwohl hervorragende Kirchenfürsten ihren Abscheu gegen die Antisemiten deutlich ausgesprochen haben, hat dieser jesuitische Geist des Judenhasses unter der katholischen deutschen Geistlichkeit seinen Anhang, rind jüngst ist von einem Dorfpfarrer eine Voltsschrift: „Der Sozialdemokrat ko mint", veröffentlicht worden, die von der Rückkehr der Jesuiten nahezu die Lösung der sozialen Frage erwartet und gegen die Juden in der lieblosesten Weise hetzt. Ganz gewaltsam zerrt er die Juden herbei, die gar nicht in seine Betrachtungen über die Gefahren der Sozialdemokratie hineingehören, um dann folgende Sätze zu leisten: „Da ich gerade das Wort „Jude" geschrieben habe, so will ich zwischenhinein doch auch sagen, daß die Sozialdemokraten einen Haß gegen alle Kapitalisten, nur nicht gegen die Juden haben, und. die haben doch das meiste Geld. Ist das nicht merkwürdig? Die Sozialdemokraten nehmen iiberall im Reichstag und in ihren Blättern die Juden ganz auffallend in Schutz. Die Juden allein von denen, die etwas haben, sind lieb Kind bei den Sozialen. Wie ist das zu erklären? Du weißt, lieber Leser, daß der Jude immer mit der „Gewalt" geht; er ist immer bei denen, die Meister sind, die das Heft in Händen haben, damit sie ihn in Ruhe lassen, während er landauf, landab — die Bauern — glücklich macht. In letzter Zeit merkt nun der Jude — denn er hat eine feine Nase — daß die Gewalt des modernen liberalen Staates wackelt, und es könnten am Ende doch die Sozialdemokraten an's Ruder kommen. Flugs hat er von seine „Last" bei der Gesellschaft. Unter den Generälen der Sozialdemokraten sitzen nicht wenige echte und rechte. „Juden", und auch an jüdischem Gelde fehlt es den Sozialdemokraten nicht. Als Anno 1871 die Sozialdemokraten in Paris hausten, waren sie auch „gut Freund" mit den Juden. Diese gaben ihnen Geld, so viel sie wollten, und hetzten sie auf die Christen. Du merkst also was, lieber Bauersmann, und es wird Dir ein Licht aufgehen über die Lieb und Freundschaft zwischen Juden und Sozialdemokraten in Deutschland. Beide aber kommen auch zu Dir, um ihr Geschäftchen zu machen. Was der Jude für ein guter Freund der Bauern ist, weist Du schon längst." Es wird schwer, gegenüber solchen Sätzen der Angabe auf dem Titelblatte Glauben zu schenken, daß ein alter Dorfpfarrer die Schrift verfaßt habe. Wenn es den Antisemiten an Gründen fehlt, fangen sie an zu mauscheln, um ein wohlfeiles Lachen ihrer nicht verwöhnten Zuhörer zu erzielen; aber unter verständigen Leuten zeigt ein Mensch durch so rohe Späße nur seine geistige Ohnmacht; Herrn v. Hammerstein von der Kreuzzeitung haben es selbst seine Freunde nicht vergessen, baß er durch seine Mauschelrede, durch sein „Woßu" einmal das preußische Parlament herabgewnrdigt hat. Und solche Wege schlägt der alte Dvrfpfarrer ein, wenn er, um seine Bauern zu er-

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