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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-08 · Heft 2 (8.1.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 2 (8.1.1891)
Date
1891-01-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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V 3 reich" von G. Wolf. Der Artikel ist historisch und ist es nicht meine Absicht, über denselben zu referiren. Ich möchte jedoch die Aufmerksamkeit der Leser und speziell jener in Oesterreich auf den Schluß desselben aufmerksam machen. In Folge eines Vortrages des damaligen Ministers für Kultus uud Unterricht v. Siremayr beschloß der Kaiser am 38. August 1870, daß eine öffentliche israelitische theologische Lehranstalt errichtet werde, unb wurde zur Besoldung der Professoren ec. eine angemessene Subvention ans Staatsmitteln zngestanden. Tatsächlich wurden hierauf zu diesem Zwecke 4000 fl. ins Budget eingestellt. Als das Gesetz bezüglich der Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft berathen wurde, hielt man. wie ich aus guter Quelle weiß, im Ministerium an der Ansicht fest, daß der Staat zu einer derartigen Anstalt auf Grund der kaiserlichen Entschließung vom 18. August 1870 Beiträge leisten werde. — Wie nun Wolf in dem genannten Artikel mittheilt, -ist man von diesem Vorhaben abgekommen. Wenn ich auch Vermnthungen habe, so ist doch nichts Bestimmtes darüber befcnuit, was den Gesinnungswechsel herbeigeführt hat, und wollte ich zunächst darauf aufmeilfcim machen. *■ Wien, 4. Januar. Das Komitee der von Dr. Jakob appapvrt zum Andenken au seinen Vater Dr. M or i z R ap p a p 0r t errichteten Stiftung veröffentlicht neuerlich folgende Preisfrage aur Losung: „Geschichte der Juden in Rom feit ihrer ersten Niederlassung in der Hauptstadt des römischen Reiches bis zum Verschwinden des römischen Ghetto unter der Regierung des Königs Jpumbert I." Es ist einer der interessantesten und merkwürdigsten Theile der Geschichte der Inden, der hier zur Bearbeitung vorgelegt wird. Er umfaßt die Epochen der römischen Republik, der Herrschaft der römischen Kaiser, der geistlichen Macht des Papstthums imb der Proklamirnug Roms als der Hauptstadt des geeinigten Italiens. Innerhalb dieses zweitausendjährigen Zeitabschnittes sind die Juden in Rmn politisch hervorgetreten, haben zahlreiche, sie betreffende Gesetze veranlaßt, viel Herbes und Bitteres erfahren, eine reiche Thätigkeit auf dem Gebiete der Wissenschaften, sowohl durch Originalwerke als durch Uebersetzungeu philosophischer und medizinischer Schriften, entfaltet und an dem Weltverkehr in kommerzieller Beziehung sich fördernd beiheiligt. Die Bearbeitung der hier gestellten Preisfragen soll alle diese Momente berücksichtigen, das politische, soziale, politische mtb geistige Leben der römischen gilben ausführlich schildern und sich nicht blos mit der Benützung vorhandener Vorarbeiten begnügen, sondern auch Quellenforschungen anstellen uud womöglich wichtige, nod) unbekannte geschichtliche Dokumente beibringen. Wüuschenswerth ist and), daß die Bearbeitung Proben von den Dichtungen jüdisch-römischer Dichter in llebersetzungeu mittheile. Die Arbeiten können in deutscher, französischer oder italienischer Sprache abgefaßt werden. Als Preissumme für die beste Schrift wurden zwei tau f e n b Gn l den österreichischer Währung bestimmt, diejenigen Herren, welche um diesen Preis zu konkürriren beabsichtigen, werden ersucht, die Preisschrift bis längstens 31. Dezember 1892, Mittags 12 Uhr, ins Sekretariat der israelitischen Kultnsgemeinde in Wien, 17 Seitenstetteugasse 4, ohne Namenssertigung, mit einem Motto versehen, einznsenden unb in einem Eoucert, welches dasselbe Motto trägt, versiegelt. Name und Adresse anzngeben, wobei bemerkt tnirb, daß stiftbriefgemäß dem Autor das Reä)t des Eigenthums bleibt, daß jedoch die Publizirnng der Preissä)rift, falls dieselbe vom Autor nicht veranlaßt wird, von dem Vorstande der Wiener israelitischen Kultusgemeinde über Vorschlag des Unterzeichneten Komitees vorgenommen werden kann. Das Komitee der Dr. Moriz Rappaportscheu Stiftung." + Karlsbad, 4. Januar. Das furchtbare Unglück der Uebers chwemmung, das unfern Ort am 24.Movember dieses Jahres in Folge einer Unachtsamkeit der Geistlichkeit im Tepler-Stifte betroffen hat, war für unsere gesellschaftlichen Verhältnisse von reinigender Wirkung. Gleich wie verschieden geartete Menschen, die unter einem Dache gegen ein schauriges Gewitter Schutz suchen, ihre Sonderstellung vergessend im gemüthlichen Verkehre das Ende des Sturmes abwarten, so war es auch hier. Nur mit einem Unterschied. Jene trennen sich, ohne vielleicht jemals sich wieder zu sehen. Hier aber treffen wir uns täglich, man kann über die Thatsache nicht einfach hinweggehen, daß man Hand in Hand gejammert, geklagt, gerettet und geholfen hat. Daß der Judenhaß bei Einzelnen auch in imserer Mitte Eingang gefunden hat, das ist ja nur natürlich; wurde doch die Zwietracht zwischen den Bürgern mit solchem Raffinement geschürt, daß nur geistig bedeutende Naturen ihrem Einflüsse sich entziehen können. Wenn verbreitet wird, der Jude sei ein Feigling, oder der grausamste Egoist, wie leicht ist das zu glauben! Nun ist es aber gründlichst widerlegt! Juden haben mit größter Lebensgefahr einzelne Personen gerettet, und die Spenderliste glänzt bind) die Abwesenheit der großen nichtjüdischen Besucher Karlbads. die zum Mindesten ebenso reick) sind, wie die meisten unserer Finanzmünner. Dieser Umstand wird allgemein besprochen, und überall begegnet das jüdisck)e Herz vollster Anerkennung und Bewunderung. Am schönsten zeigt sich der neue Geist in den Sitzungen des engeren Hilfs-Komitees, dessen Leiter der nengewühlte Bürgermeister Herr Zörkendörfer, Stadtrath Schäffler, Herr Julius Pupp und der Vorsteher unserer Gemeinde Herr Ludwig Ntoser sind. Die Humanität und der liberale Sinn, die hier ohne den leisesten Schatten verkündet und geübt werden, gereichen uns zum größten Stolze und bieten uns reiäiste Genugthuung. Das ist der herrlichste Segen jener furchtbaren Katastrophe, daß sie uns geeinigt hat, daß sie den in unserer Stadtgemeinde waltenden Geist der Gleichheit uns offenbart hat. Die jüdischen Kurgäste Karlsbads können nufere Gott gesegneten Heilquellen mit der Befriedigung im Herzen besuchen, daß hier nicht allein ihr Geld, sondern auch sie selbst geaä)tet und geschätzt werden. Unser .Wunsch ist nur, daß dieser frisck)e Geist nicht getrübt werde, seine Herrsä)aft über alle Gemüther fick) ausbreite und in geselliger Einigkeit unb Freundschaft seinen endlichen Sieg feiern möge. * Prag, 28. Dezember. Gestern sprach Herr Dozent Dr. Joel Müller aus Berlin im Verein Afike Jehucla über „König Saul in Sage und Dichtung". Der überaus fesselnde Vortrag behandelte die poetischen Werke, welche den jüdischen König zum Inhalte haben, und wies nach, daß diese Diästungen eine gemeinsame Tendenz mit den alten Sagen haben. Ein bisher unbekanntes, dem Redner von Ludwig August Frankel Ritter von Hod)warth zugesandtes Gedicht „Saul" wurde verlesen. Nack)dem die dramatisck)en Dichtungen in den Literaturen der verschiedenen Sprachen Europas behandelt waren, wies Redner mit Nachdruck auf das hebräische Drama Meluchat Schaul hin. ivelches ein Sck)lesier. Joseph Troplowitz, der am Ende des vorigen Jahrhunderts in Prag lebte, geschrieben hat. Den Redner lohnte verdienter Beifall. — Der nächste Vortrag wird von Herrn Rabbiner Dr. Gelbhaus über „Jüdisck)e und deutsche Volkspoesie" gehalten werden. Großbritannien. London, 8. Januar. Die Resolution der Guildhall- Versammlung, betreffend die Aufhebung der Ausnahmegesetze gegen die russischen Inden, ist in Folge der Vorstellungen, welche seitens der russischen Behörden gegen die ursprünglich beabsichtigte persönliche Ueberreichung durä) eine Deputation geltend gemacht worden sind, vom Lord Major durch die Post nach Petersburg geschickt worden. Ob dieselbe dem Zaren nunmehr überhaupt zu Gesicht kommen wird, ist eine berechtigte Frage. Jnzwisck)en sck)eint den armen Bedrückten eine neue mächtige Helferin erstanden zu sein. Der „Court Circular" theilt mit, daß die Königin in Betreff der russiscki-jndischen Verfolgungen ein eigenhändiges Schreiben an den Zargerichtet habe. Von anderer Seite wieder wird mitgetheilt, daß die Prinzessin von Wales ihren Einfluß auf die Zarin, ihre Schwester, geltend machen wolle, um eine Milderung der Ausnahmebestimmungen zu erreichen. * London, 3. Januar. Madame Novikoff, eine Schriftstellerin, welche sich darin gefällt, den russischen Behörden litterarische Handlangerdienste in englischen Zeitungen zu leisten, hatte in den „Times" einige Briefe veröffentlicht, durch welche sie das Guildhall- Meeting als eine unberechtigte Demonstration zu vereiteln versuchte. Hierauf erwiederte der Herzog von Westminster, indem er einige Tage bevor das Meeting standfand, den nachfolgenden Brief an die „Times" schickte: „Madame Novikofffs Brief in der „Times" ist augenscheinlich in der Absick)t geschrieben, den Einfluß der englischck)ristlid)en öffentlichen Meinung zu diskreditiren. Es ist sonderbar, daß Madame Novikoff die Wirksamkeit öffentlicher englischer Versammlungen in Sachen religiöser Verfolgungen lächerlich zu machen sucht, da es mir nicht bekannt ist, daß sie Einwendungen zu machen hatte gegen die Abhaltung eines Meetings, bei welchem ich in der St. James' Hall am 8. Dezember 1876 präsidirte, und zwar im Interesse unterdrückter Christen in Bulgarien. Bei jener Gelegenheit wurden wir in unserer Stellungnahme als Vertheidiger unterdrückter Christen von einem jüdischen Herrn, dem damaligen Parlamentsmitglied für Dewsbnry Sir John Simon, unterstützt. Derselbe Herr präsidirte später bei einem der größten Meetings in London, welches zu demselben Zweck

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