Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1891)
- Date
- 1891-01-08
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 in der „Agrikulturäl Hall" abgehalten wurde. Diese Thatsache vorausgesetzt, wäre es wahrhaftig unwürdig, falls wir in unserer Verdammung der Unterdrückungen von Juden durch Christen, welches Landes auch immer, zögern würden. Madame Novikoff's Brief ist überreich an faktischen Jrlhümern. Ich berühre hier nur zwei derselben. Sie behauptet, daß die jüdische Religion ihre Bekenner lehrt, die Feinde zu hassen. Vor mir liegt ein jüdisches Gebetbuch für alltäglichen Gebrauch, in welchem ich finde, daß jeder Gottesdienst ein besonderes Gebet enthalt, in welchem die folgenden Worte Vorkommen: „Laß meine Seele denen gegenüber demüthig sein,, welche mir fluchen." Dieses Gebet ist in jedem jüdischen Ritual das gleiche. Madame Novikoff sagt mit Bezug auf Lord Beaconsfield, daß ein Mann von seiner Arbeitskraft sicherlich gute Gründe gehabt habe zum Aufgeben des Glaubens, in dem er geboren war. Das ist ein sonderbarer Jrrthum über eine Thatsache aus der zeitgenössischen Geschichte. Lord Beaconsfield ist niemals in dem Glauben großgezogen worden, in welchem er geboren worden, war; er wurde als Kind getauft. Wenn er nicht getauft worden wäre, so ist es zweifelhaft, wie Madame Novikoff bemerkt, ob er je Premierminister hätte werden können; aber das wäre einfach deshalb der Fall gewesen, weil der frühere Theil seiner Karriere in eine Zeit fiel, in welcher die ®teid)berect)tiöimg der Juden noch nicht Thatsache geworden war, und er hätte vor 1858 nicht in das Parlament eintreten können. Aber es ist ziemlich sicher, daß er zwischen dem Jahre 1858 und seinem Tode in jedem Falle auch als Jude hoher Staatsdiener hätte werden können. Einer der hervorragendsten englischen Richter dieses Jahrhunderts, der verstorbene „Nüster of the Rolls* Sir George Jessel, war im Stande, sein hohes Amt zu bekleiden, ohne sich von der jüdischen Gemeinde, in der er geboren war, zu trennen. . . .Madame Novikoff scheint Ihren Lesern mit der Meldung zu drohen, daß das Guildhall-Meeting wahrscheinlich eine neue Einwanderung jüdischer Armer aus Rußland zur Folge haben werde, unb sie erwähnt, daß am 24. November bereits die Ankunft von 300 heimathlosen Juden gemeldet wurde. Ich höre aus bestmöglichster Quelle, daß diese Mittheilung sehr ungenau war. daß die Anzahl dieser Einwanderer nicht mehr als 60 betrug und daß die meisten derselben mit Gepäck ankamen, unabhängig von der Unterstützung Anderer. Uebrigens blieben auch nicht alle Ankömmlinge in unserem Lande. Es ist, wenn man Madame Novikoff's Antecedenzen kennt und ihre Theilnahme an den verabscheuungswürdigsten Phasen von Unterdrückung in Betracht zieht, nicht überraschend, baß -ihr Brief auf irgend eine Entschuldigung — wie schwach auch immer — hinausläuft, daß sie die Unterzeichner der Adresse zur Abhaltung des Meetings so schimpflich beleidigt, und schließlich, daß keinerlei Andeutung oder Verdacht von Mitleid oder Theilnahme in demselben zu entdecken ist, für ein Volk, welches sich unter solchen Leiden windet, die laut zu Gott und dem Zar von Rußland um Abhilfe schreien." Palästina. * Jerusalem, 5. Dezember. Am vergangenen Mittwoch besuchte der neue Gouverneur unserer Stadt, Ibrahim Pascha, den Chacham Baschi, Oberrabbiner Raphael Maier Paruisel, und verweilte bei ihm eine volle Stunde. Ter Gouverneur gab dem Chacham Baschi und den bei ihm versammelten Vorstehern der Gemeinden zu verstehen, daß er mit den Israeliten gut meine und er sie mit der ihm vom Sultan übertragenen Macht in jeder Hinsicht beschützen und dafür Sorge tragen werde, daß sie gleich den übrigen Einwohnern behandelt und an den Wohlthaten der Gesetze Theil nehmen tonnen. 9 Von Nah und Fern. ~ In eineur Kom peten zskr eite zwischen dem Vorstande und der Repräsentantenversammlung einer Synagogengemeinde hat die Regierung zu Bromberg die Entscheidung abgegeben, „daß der'Beschluß der Repräsentanten auch für den Vorstand jederzeit bindend sei." — Ter Po sen er S ynagogen g em ei nde ist zur Annahme der von Herrn Kaufmann Moritz Rohr in Breslau zur. Errichtung eines jüdischen Kranken- und Siechenhauses gespendeten 200,000 Mark die landesherrliche Genehmigung ertheilt worden. — In Breslau fand am letzten Chanukatage die Einweihung des Be th amidrasch statt., welches die Herren Brüder Marcus und Isidor Fuchs auf eigene Kosten in ihrem Hanse Sonnenstraße 25 für den Talmud-Lehrverein hergestellt habett. Dasselbe besteht aus zwei Räumlichkeiten, dem Betsaal und dem Unterrickitslokal, wo jetzt 60 Schüler unentgeltlichen Unterricht in allen hebräischen Disziplinen von drei Lehrern erhalten, welche durch die Beiträge der ca. 200 Vereinsmitglieder, von denen ein Theil auswärtige sind, honorirt wurden. — Herr Privatdozent Dr. Benno Klein ist zum anßerordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät ernannt worden. — In Wiesbaden ist am 20. Dezember eine Zweigloge des Bne-B'rith Ordens installirt worden. Zum Präsidenten der neuen Vereinigung, welche den Namen Nassau-Loge führt, wurde Herr Hofjuwelier Moritz Heimerdinger gewählt. — Der „Israelitischen Religionss ch u l e" zu Frankfurt am Main, „welche unter der Leitung des Herrn Dr. Horovitz steht, sind die Rechte einer juristischen Persönlichkeit verliehen worden. — Zum Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Trier ist Herr Dr. Baßsreund, bisher in Tarnowitz, gewählt worden. — Zumnächstjährigen Versammlungsort des Vereins israelit i sch er Kultus - beamten Südwestdeutschlands wurd'e Saargemünd event. St. Johann-Saarbrücken bestimmt. Wir würden es als einen schönen Erfolg des Vereins begrüßen, wenn es ihm gelänge, die Konferenz im ersteren Orte abzuhalten, nachdem eine andere reichsländische Gemeinde, welche als Konferenzort in Aussicht genommen war, nicht das nöthige Entgegenkommen gezeigt hat. — Im niederösterreichischen Landtage beantragten die Antisemiten statistische Erhebungen, um festzustellen, welchen Glaubensbekenntnissen und Rassen die Grundbesitzer in Riede r-Oester rei ch angehören. — Der Budapester „Israelitische Frauenverein" hat während der Monate September, Oktober und November an' Unterstützungen den Betrag von 10,416 Gulden verausgabt. In der Volks-Küche des Vereins haben während dieses Quartals 33,599 Personen gespeist, davon 6410 Personen gratis. Seit dem 1. Dezember erhalten täglich 250 arme, hungernde Schulkinder aus der Volksküche ihr Mittagessen. — Dr. Aron Bärwald, Rabbiner in Saaz in Böhmen, ist nach neunjähriger Amtswirksamkeit am 3. Jan. im 38. Lebensjahre verschieden. Der Verstorbene, zu Nakel geboren, war ein Schüler des Räbbinerseminars zu Breslau und mit einer Tochter des verstorbenen Direktors dieser Anstalt, Dr. Lazarus, vermählt. Seine Gemeinde betrauert in ihm einen geliebten Seelsorger, seine Familie einen liebevollen Gatten und Vater. — In der römischen Deputirtenkammer sitzen neun Abgeordnete jüdischen Glaubens. Es sind dies die Herren Ailrib, Cavalieri, Franchetti, Levi,, Luzzati, Romani Jacur, Trevep, Margo Donato und Barzilai. — Sgr. Manroganato wurde zum Mitgliede des Senates in IRom ernannt. Manroganato war seit 1866 Vertreter eines Wahlkreises inder Provinz Venedig in der Kammer. Seit mehreren JahrM., Vice-. Präsident der Kammer, war er Dank seiner eingehenden Ke.nntnM.derr Finanzen einer der einflußreichsten Mitglieder der BudgetkMmission. — Professor I. Guidi in Rom hat einige hebräische Grgbfchriften ays. der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts veröffentlicht Diese wurden j\\j dem Trastevere (jenseits der Tiber gelegenes Gebiet) aufgefunden und enthalten zum Theil Namen, welche noch heute in der jüdischen Gemeinde zu Rom Vorkommen. - Die Herren G e b rü d e r, R o th s chi ld in Paris haben der Miethsunterstützungs-Kasse lM,000. Fres. zugehen lassen. — Ueber die unsäglichen Verfolgungen, rrnter welchen die Juden in Rumänien noch immer zu leiden haben, veröffentlicht Rabbi ner Dr. Ga st er in den „Times" ein Schreiben, aus welchem hervorgeht, daß die unter dem Drucke des Herrn Bratianu und Genossen Schmachtenden das Loos ihrer Brüder in Rußland noch glücklich preisen. —. Aus Deutschland sind in der vorigen Woche drei jüdische Aerzte nach Palästina abgereist, um sich in Jerusalem niederzulassen. — In Argentinien werden zur Zeit seitens des Barons von Hirsch vorbereitende Maßregeln zur Ansiedelung jüdischer Auswanderer getroffen. — In K alkulta erscheint seit einiger Zeit eine jüdische Zeitung, welche den Nam^ „Maggid m escharim" (Verkünder der Wahrheit) führt. Als Herausgeber zeichnet der Chacham Suleiman Twena, Dajan der Gemeinde Kalkutta und Chatib (Prediger) an der Synagoge „Magen David". Das. Blatt wird, wie es an seiner Spitze angekündigt, immer am Donnerstag; gedruckt, worauf es am Freitag an seine Leser in Indien, Afghanistan: Arabien, Bokbara und dem übrigen Central-Asien verschickt wird. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.