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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-08 · Heft 2 (8.1.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 2 (8.1.1891)
Date
1891-01-08
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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55. Jahrgang. Ar. 2. Weikcrge 8. rann« >l«l, zur „Attgemeinen Zeitung des Zuöenthunrs". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 4. Januar. Betreffs der Konfession des Lehrers an einkla ssigen Schu len. welche von Kindern verschiedener Konfession besucht werden, ist nach dem R.-Anz. seitens des Ministers der geistlichen Angelegenheiten an die königlichen Regierungen in Danzig und Marienwerder eine Verfügung ergangen, in der es heißt: „Am schwersten liegen diejenigen Fälle, wo nach der Gesammtzahl der Schüler die Anstellung eines Lehrers genügt, diejenige Konfession aber, welcher der Lehrer seit alter Zeit angehört, dauernd oder vorübergehend, insbesondere durch Verschiebungen der Bevölkerung iit der Minderzahl sich befindet. Wenn es einerseits in der Regel unbillig wäre, den Angehörigen dieser Konfession, welche häufig aus ihren alleinigen Mitteln die Schule gegründet haben, die Schule 31t entziehen, so wird doch andererseits bei beträchtlicher Kinderzahl den Angehörigen der anderen Konfession jede Hilfe zu leisten sein, wenn sie den Wunsch bethätigen, eine besondere neue Schule ihrer Konfession zu erhalten. Liegt es außerhalb der Befugniß der königlichen Negierung, in solchen Fällen einen Zwang zur Errichtung einer zweiten Schule zu üben, so werde ich bei dem Unvermögen der Betheiligten gern mit Unterstützungen zu Hilfe kommen, wo die Betheiligten aus freiem Entschlüsse das Bedürfniß selbst anerkennen. Gegenüber etwaigen Anträgen, den Konfessionsstand einer einklassigen Schule zu Ungunsten des Besitzstandes der Konfession der Minorität zu ändern, wird, sofern nicht nach der besonderen Lage des Falles dem Anträge stattzugeben ist, auf den Weg der Errichtung einer zweiten Schule zu verweisen uub dabei die Bereitwilligkeit zur Förderung des Projekts auszusprechen sein." LZ Berlin, 4. Januar. Der sächsische Minister von Nostiz- Wallwitz hat sein Amt als Minister des Innern niedergele.gt. Die Leitung der Geschäfte als Minister des königlichen Hauses behält derselbe — wie man sagt, auf Wunsch des Königs — noch bei. Wir wollen hoffen, daß der Wechsel der Personen im Ministerium auch einen Wechsel in dem Verhalten der sächsischen Behörden gegenüber dem Antisemitismus zur Folge haben werde. Tatsächlich hat diese traurige und von allen Fürsten Deutschlands mehr oder minder deutlich zurückgewiesene Bewegung im Königreich Sachsen an sehr maßgebenden Stellen einen mächtigen Rückhalt gehabt. Wenn im letzten Jahre der Herausgeber antisemitischer Schmähschriften von den Behörden zur Verantwortung gezogen worden ist, so ist dies wohl bereits als ein Zeichen einer Aenderung der jahrzehntelang getriebenen Politik zu betrachten. Zu letzterer gehörte auch die durch nichts zu rechtfertigende Verweigerung der Korporationsrechte für mehrere israelitische Gemeinden, welche in dem letzten Jahrzehnt in einigen sächsischeil Orten entstanden, und infolge eben dieser Verweigerung 31t keiner rechten Konsistenz gelangen können. Auch die Verlegung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebillides von Leipzig nach Berlin, welche im Jahre 1882 stattfand, ist unter der Einwirkung dieser Politik der sächsischen Regierung geschehen. Hoffentlich wird es nun anders werden! 8 Berlin, 5. Januar. Am Montag, den 4. d. M., fand die feierliche Einweihung des neuen Hauses Wilhelmstr. 118 statt, welches die drei Berliner Logen des Benai-Berith-Ordens gekauft ltitb für ihre Zwecke eingerichtet haben. Es ist keine Reporterphrase, wenn wir behaupten, daß das Fest auf sämmtliche Teilnehmer einen tiefen und ergreifenden Eindruck gemacht hat, den sie nie vergessen werden. Es lag etwas von der Innigkeit und feierlichen Würde einer Tempelweihe in einer wahrhaft frommen Gemeinde in diesem Fest, dessen Verlauf wir hier natürlich nur in kurzen Zügen schildern können. Die Weihe der Logenhalle fand um 4 Uhr statt. Sie wurde von einem Chor, den Herr Prof. Lewandowski dirigirte, mit Absingung des Ps. 19 eröffnet. Danrl begann die Einweihung ick einer die festliche Stimmung in würdigster Weise zum Ausdruck bringenden Ansprache des Großpräsidenten Dr. M aretzki. Hierauf folgte die eigentliche Festrede, die Dr. Gustav K arpeles hielt, und die, wie wir hören, im Druck erscheinen wird. Ein Sologesang von Ps. 41, von Herrn Opernsänger Lieb an vorgetragen, schloß die beiden Reden angemessen ab. Den letzten Punkt des Programms bildeten die Ansprachen der Delegirten der Logen von Stettin. Magdeburg, Stargardt, Dessau, Hamburg, Frankfurt a. M., Halle, Posen, Breslau, der Herren Rechtsanwalt Dr. Mann, Landrabbiner Dr. Weiße, I. Bergel,M. Seligmann, L. Bial, Rechtsanwalt Moses u. a. Herren. Mit einer begeisterten Schlußrede des zweiten Präsidenten Herrn S. Hangen nnb dem Chorgesang von Ps. 156, den Herr Lewandowski wie die beiden vorhergehenden eigene für diesen Zweck komponirt hatte, und der durch die Innigkeit und melodische Kraft der Komposition allgemeine Bewunderung erregte, fand die Feier ihren würdigen Abschluß. Hieran reihte sich ein Souper im Festsaale um 9 Uhr Abends, an dem etwa 300 Herren und Damen Theil nahmen, und das durch vortreffliche Speisen, die Herr Urh geliefert hatte, durch schöne Toaste, Tischlieder und Gesaugsvorträge gewürzt war. Etwa um 1l Uhr begann der Festball, der die tanzlustige Gesellschaft bis zum frühen Morgen zusan:menhielt. Das neue Haus, dessen Renovation und Ausschmückung Herr- Maurermeister Fränkel und Herr Maler Bodenstein besorgt haben, wurde wegen der Eleganz der einzelnen Räume, wegen der Zweckmäßigkeit und würdigen Ausstattung allgemein bewundert. Möge es den vereinigteil Berliner Logen Segen bringen imb stets ein Tempel der Humanität und Bruderliebe bCeiben! X Berlin, 5. Januar. Die Nachricht, daß die Stelle des leiteubert* Arztes in der inneren Abtheitung des jüd. Krankenhauses dem Herrn Dr. I. Lazarus definitiv übertragen worden, entbehrt der Begründung. Wie wir hören, ist Seitens des Gemeindevorstandes darüber noch keine Entscheidung getroffen worden. Herr Dr. Lazarus hat nur den früheren dirigirenden Arzt Prof. Jacobson oft vertreten nnb versieht auch jetzt interi m istisch dessen Stelle. * Berlin, 5. Januar. Die Juden in San Francisko beschlossen, einen Fonds von 50,000 Lstrl. zur Unterstützung der verfolgten Judeil in Rußland aufzubringeu. Es ist im Plane, eine Million Morgen Landes in Mexiko zu kaufen, dasselbe in kleine Parzellen einzutheilen und die aus Rußland ausgewanderten Juden daselbst anzusiedeln. Der Morgen Landes ist in Mexiko für einen Dollar zu haben. Das Beispiel verdient Nachahmung. X Berlin, 2. Januar. Der Antisemitismus fängt jetzt an, sich auch schon der — Versicherungsgesellschaften zu bemächtigen. Der gewaltige Aufschwung, den in den jüngsten Jahren eine der deutschen Gesellschaften — die „Victoria" — durch ihren Vertrag mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und die hierdurch herbeigesührte vermehrte Beziehung 31t jüdischen Kreisen genommen hat, veranlaßt einige Konkurrenzgesellschaften zu allerhand eigenthümlichen Machinationen. So liegt uns ein Cirkular des Vertreters einer bekannten Gegenseitigkeitsgesellschaft vor. aus welchem wir ersehen, daß man bemüht ist. die „Victoria" als eine „jüdische" Gesellschaft hinzustellen. Wir wissen nicht, ob dieser Behauptung — die ja an und fiu;' sich kein Vorwurf wäre — Thatsachen zu Grunde liegen, ob etwa ein nennenswerther Bruchtheil der Aktionäre aus Juden besteht. Es will uns indessen bedünken, daß es für eine Versicherungsgesellschaft au und für sich gar nicht so schlecht wäre, mit dem so oft verlästerten „jüdischen Kapital" zu arbeiten. Sollte aber der genannte Vorwurf so zil verstehen sein, daß die „Victoria" unter ihren Versicherteil viel Juden zählt, so wäre dies lediglich eine Anerkennung der oft genug erwähnten Thatsache, daß das Durchschnittsalter der Juden, sowie ihre nüchterne Lebensweise sie zu gern gesehenen Kunden jeder Versicherungsgesellschaft macht. Die „Victoria" mag sich also in ihrem eigenen Interesse jene Bezeichnung ruhig gefallen lassen. O Berlin, 4. Januar. lieber die Stellung der Juden zur Jesuitenfrage, welche uns bisher noch kein Kopfzerbrechen gemacht hat, dispiltiren die Antisemiterl bereits aufs Heftigste. Während Liebermann von Sonnenberg in Westfalen sich für die Jesuiten ausspricht, weil ihre Ausschließung nur den Juden zu Gute käme, eifert Böckel gegen die Aufhebung des Jesuitengesetzes, weil ihre Zu-

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