Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1891)
- Date
- 1891-01-08
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
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WWWMWWWWW mmm Hohepriester, der seine Standesgenossen übcvtvifft sowohl in seiner Weisheit und Wetterführung, als auch in seinein Heldenmuth unb seiner Liebe zu unserem Volke. Ich habe ihm sofort hunderttausend Goldschekel zur Verfügung gestellt und bin mm fest entschlossen, um mein unglückliches Vaterland aus den Händen der Bedrücker und Feinde erretten zu helfeil, mein ganzes Hab' uiid Gut, alles, alles, was ich besitze imb was mir lieb und theuer ist, ja auch Dich, mein einzig Kind, hinzugeben: auch Du sollst, wie es einem echten Zioniden gezienit, geg.m ben Feind in den Kanipf ziehen! „Auch ich?" erwiederte Paltia. „auch ich? und Snlamith?" „An Snlamith," unterbrach ihn Mirjam, „darfst Dil jetzt iiicht denken. Jetzt, wo ans Jerusalems Mitte Freude und Wonne gewichen, wo Zions Jüngliiige und Jungfrauen seufzen unb die aufjauchzende StiriiNle der Aeuvermählteii nerftunnnt ist, darfst Dil nicht deii Regungm Deines Herzelis, das an Sulamith hängt, folgen. Auf, mein Sohn! Hier ist das Schwert Drilles tapferen, heldenmüthigen Paters, das eiilst in seiner Hand große Siege erfochten, Tll bist sein einziger Erbe, ergreife es nun und hilf retten das Vaterland." II. Es war eill wunderschöner Frühlingsmorgeu. Tie Soitue schritt in ihrer majestätischen Pracht an dem Firmanlent einher unb umgab mit ihren goldnen Strahleil Berg unb Thal, Wald und Flur, deii Karmel, Seir lmd Hermon, wie ailch die große Ebene am Fuße des Libanon, in der zwanzigtausend jüdische Jünglinge Aufstelluiig genonniien hatten, um gemeinschaftlich für das Vaterland zu künlpfen oder dessen Loos 31t theilen: mit seinem Falle unter feinen Trümmern ein Grab zu finden. Zwanzigtausend der edelsten Bürger Jerusalems waren es, die bereitwillig alle ihre Lieben und Treuen verlassen, von allen Freilden Mid Vergnügungen des Lebens Abschied genommen und hier in der großeil Ebene sich versammelt hatten, um unter der Führung des Hohenpriesters Eliaser ben Chananja einen offenen Kampf mit den zahlreichen, lnächtigell Röinern auszllnehmen. Es war iiicht eitele Ruhmessucht, auch nicht unbezwingbare Eroberungslust, die sich der Herzeil dieser zwanzigtausend jerusalemitischen Jünglinge bemächtigt hatteil, sondern es war die Liebe zur Ä)ora und zum Glauben der Väter, die Liebe zllm Vaterlande Mid 311 ihrer ilnter dem drückenden Joche der Römer seufzenden Nation, die ihllen die Waffen in die Hände gedrückt hatte. Ja, cs war jenes erhabene Gefühl der Vaterlandsliebe, das nur einem mit einem Vaterland gesegneten, nicht aber einem unstnt und flüchtigen, in der großen Welt unlhervagabundirenden und nirgends Ruhe Mid Rast finbenbeit Volke bekannt ist. Der klare Himmel über den Häuptern dieser tapfern Krieger war ein getreiies Spiegelbild ihrer reinen Herzen, die voll und gailz dem inuthigen Hohepriester unb Feldherrll ergeben waren. Ailch viele edle Frauen unb Jungfrauen aus Jerusalem fanden sich in der großen Ebene ein, aber nicht etwa durch ihre Thränen das Herz der Krieger zu erweichen unb zu entmnthigen, sondern um ihre Häupter mit Kränzen und Blumen zu schmücken, ihnen Muth unb Hoffnung einzuflößen und 'sie mit dem jüdisch-nationalen Abschiedsgruß: „Gott segne euch und behüte euch" zu begleiten. Eine heilige Stille herrschte unter den Versammelten und Aller Augen waren auf einen vierzigjährigen Mann gerichtet, der, nachdem er feinen Blick über die in Reihe und Glied aufgestellten Krieger streifen ließ, langsamen Schrittes eine Anhöhe bestieg und an das versammelte Volk folgende Ansprache hielt: „Höret, Israeliten! Ihr ziehet heute gegen Eure Feinde ins Feld. Lasset aber Eure Herzen nicht erweichen, fürchtet nicht unb zaget nicht; denn der Ewige ziehet 22 - , Euch voran, um Euch zu helfen. Zählet nicht das Heer der Römer,! erschrecket nicht, wenn Ihr vernehmet, cs sei mächtiger und zahlreicher! als Ihr! Denket an Jerusalem, denket an unser Heiligthum, denket j an die Heldenthaten unserer Väter! „Nicht durch Kraft obsiegt der Mann". Der Gott unserer Väter, der Gott Abrahams, Isars und Jacobs wird das Heer seiner Engel für Euch zum Kampfe gegen die Römer entbieten und in seiner Gnade dem Neberrest Israels beistehen. Seid nun muthig und tapfer, Ihr Helden Israels!"! „Es lebe Elieser ben Ehananja!" rief die Menge begeistert dem! Redner zu, „es lebe der Hohepriester, es lebe unser Feldherr!" j Ter Hohepriester dankte den Versannnmelten für ihre edle Ge- : sinnnng und ihr festes Vertrauen 31t ihm und räumte seinen Platz einem der Aeltesten des Volkes ein, der mit lauter Stimme, dein mo- : falschen Gesetz zufolge, zmn Volke also redete: „Wer ein neues Halls geballt mld es iloch llicht eillgeweiht! kehre zurück, daß llicht ein Anderer, wenn er im'Kriege stirbt, es! einweihe." I Niemand von den Kriegern meldete sich. „Wer einen Weinberg gepflanzt mld ihn lloch llicht gelöst, kehre! zurück, daß er nicht sterbe im Kriege und ein Anderer ihil löse." Keine Antwort aus der Menge. „Wer sich einer Frau verlobt und sie iloch llicht heimgesührt, kehre zurück, daß nicht eill Anderer, wenn er im Kriege stirbt, sie als Gattill heiinführe." „Wir kennen eine Liebe, die mächtiger uub stärker ist, denn die Liebe zu einem Weibe", ließen sich -viele Huilderte Stimmen ver-! nehmen, „wir empfinden jetzt nur die eine Liebe zu nnserm Vaterlarlde." „Wer aber furchtsanl unb zaghaften Herzells ist," fuhr der - Aelteste llach einer Weile fort, der gehe unb kehre zurück in sein - Halls, damit das Herz seiner Brüder nicht feig werde, wie das seine." Atleill allch die letzten Worte des Aeltesten vermochtell nicht die 1 tapfern Krieger wallkend 31t machen. In ihrer Liebe 31t Jerusalem i und ihrem festen Vertrauen auf Gott fühlten sie sich jetzt lloch j muthiger und stärker als zuvor unb wiederholten im Stillen ihr j Gelübde: entweder ihr Vaterland 31t befreien oder 'mit demselben , unterzugehen!! Aber wer ist der feingekleidete Jüllgling, der verstohlen und gej senkten Hauptes vom Felde sich entfernt? Warum ist sein Gesicht i plötzlich todteilbleich geworden? Wer ist der Feige unb Furchtsame? | HI. I Eine Tvdrsstillc herrschte in der Davidsstadt, und Nacht und Finsternis; bedeckten die Straßen Jerusalems. Zivils Schlösser und Paläste waren menschenleer und glichen Todtenzelten in einem Jammerthal. Angst uub Schrecken, Furcht und Granen haben sich der Stadt und ihrer Einwohner bemächtigt und alles Leben und alle Freude und allen Frohsinn, wie ans einer Einöde, aus ihren Herzen und Gcmüthern verbannt, .stein Laut, keine Stimnic war zu vernehmen; nur des Windes Geheul unterbrach zuweilen diese unheimliche Stille, als ob er im Vorgefühl des Unterganges der heiligen Stadt ein! Klagelied anstimmte.; Nur ans einem vornehmen Hause drang ein spärliches Licht auf; die Straße hinaus. Es war das Hans der schönen Mirjam, die, z obwohl Mitternacht schon vorüber war, noch iminer keine Lust zum; Schlafen verspürte. Sie blätterte iu den Geschichtsbüchern der Könige z des Hauses David und stellte Vergleiche zwischen einst und jetzt an.! Doch auf ihrem Gesicht war Ruhe und in ihren Augen Friede j uiid Hoffnung zu lesen. Ihr Volk und ihren Glauben über Alles s in der Welt liebend, sandte sie auch in stillen Nächten inbrünstige