Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1891)
- Date
- 1891-01-08
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
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21 v zählige Menschenmenge vor dem Hause Deborahs angesammelt, die den Neugetauften sehen wollte. Als Salomo nun heraustrat, war er über die Masse Leute erstaunt, und er wußte sich keinen Rath. Er war unschlüssig, ob er ins Haus zurückkehren oder sich einen Weg durch die gaffende Menge bahnen sollte. Leider blieb ihm nur der letztere Ausweg übrig, denn als er in das Haus zurücktreten wollte, fand er die Thür fest verschlossen. Ich glaube, der Salomo wird an diesen Tag denken, so lange er lebt; denn es war wirklich ein toller Auflauf. Die ganze Meute folgte ihm mit Hollah unb Hurrah durch die Straßen. Alle fluchten und schrieen ihm nach, sie nannten ihn bei den abscheulichsten Schimpfnamen, und die Marktweiber kreischten: „Steiniget ihn!" Schon flogen einzelne Steine, und der Pöbel hätte ihm gewiß übel mitgespielt, wenn ihn nicht ein in der Stadt wohnender, angesehener Christ beschützt und mit sich nach Hause genommen hätte. Von nun an stand es bei den Sebrebrjanskern natürlich bombenfest, daß Salomo getauft sei, weil sich ein Christ seiner angenommen hatte. (Fortsetzung folgt.) d Ber ewige Jude. Von Albert Katz. I. Eine Todesstille herrschte in der Gottesstadt, und Nebel und Finsterniß bedeckten die Straßen und Marktplätze Jerusalems. Die Häuser und Paläste dieser stolzen jüdischen Hauptstadt waren nun leer und von ihren Bewohnern verlassen, sie glichen den verblichene Herrlichkeit kündenden Grabsteinen eines Friedhofes. Kein Laut, keine Stimme war zu vernehmen, Niemand von den in der Stadt Zurückgebliebenen wagte, sein Zimmer zu verlassen, von seiner Familie sich zu trennen; denn die Furcht vor den Römern erfüllte alle Gemüther, hielt alle Herzen gefangen. Die Römer! Die Römer! Den armen Juden erstarrte das Blut in den Adern, so sie diesen Namen hörten. Die Römer! Tausende und Abertausende von den Söhnen Judas hatten sie bereits hingeschlachtet, aber ihre Mordlust war noch lange nicht gestillt. Sie dursteten nach dem Blute Jacobs, nach dem Leben Israels und streckten ihren mächtigen Arm aus, um mit ihrer kampfgewandten Hand die Nachkommen Abrahanis zu vertilgen. Die Zeit war nicht mehr fern, wo Jerusalem einer Wüste gleich und der heilige Tempel.... o, dieser Gedanke war für die Israeliten fürchterlich. Sorge und Kummer, Furcht und trübe Ahnungen waren auf den Gesichtern der Einwohner Jerusalems zu' lesen; kein Herz war mehr froh, keine Seele vergnügt, und Jung und Alt schienen von dem Gedanken gequält: Wehe, wehe, unsere Tage sind gezählt! Unter den vielen Burgen und Prachtpalüsten der ober» Stadt fiel ein Palast seines Umfanges und seiner herrlichen Ausstattung wegen, wodurch er der Gegenstand allgemeiner Bewunderung wurde, den Wallfahreren ganz besonders auf; allein bei der jetzt in der Stadt herrschenden Stille und Finsterniß machte er auf den einsamen Wanderer einen unheimlichen Eindruck. In einem der hintersten Geniächer dieses Palastes ruhte auf .einem farbenreichen, kunstvoll ausgestatteten ägyptischen Divan die wegen ihrer Schönheit und ihres Reichthums allbekannte Mirjam, deren feuersprühende schwarze Augen, aus denen Vernunft, Frömmigkeit und Entschlossenheit strahlten, noch jetzt, obwohl sie bereits das vierzigste Lebensjahr überschritten hatte, in den Männerherzen ewige, unvergängliche Flammen anzufachen vermochten. Die Alles vertilgende Zeit ging schonend an ihr vorüber oder scheute sich, mit ihrem vernichtenden Hauch diese Lilie Sarons zu berühren. Sie saß still, in Gedanken versunken, und wandte nicht ihre Blicke von einem Schwerte ab, das sie schon seit mehreren Minuten in ihrer feinen, kristallzarten Hand hielt. Ihr zu Füßen saß ihr zwanzigjähriger bildschöner Sohn, dessen unstäter Blick aber dem Menschenkenner sofort sein Inneres offenbarte. „Paltia!" sprach Mirjam, ohne ihr Auge von dem Schwerte abzuwenden. „Du wünschest, Mutter?" Mirjam richtete ihren schönen Kopf empor, und indem sie ihren Blick bald auf ihren Sohn, bald auf das noch immer in ihrer Hand sich befindende Schwert fallen ließ, sprach sie mit ihrer melodischen, ausdrucksvollen Stimme: „Paltia, mein einzig Kind, merke auf meine Worte: das Vaterland schwebt in großer Gefahr. Muthwillige Fremde dringen in unser Land ein, spotten über unser Heiligthum und vergießen wie Wasser das Blut unserer Stammesgenossen. Sie kennen keine Schonung, keine Milde und empfinden kein Mitleid und kein Erbarmen. Sie verachten die Herrlichkeit Judas und treten mit Füßen den Ruhm Israels: unsere Lehre und unsere Gesetze, das Erbe Jacobs. Wir aber lassen Alles stillschweigend über uns ergehen. Allmächtiger Gott! Sind wir wirklich so tief gesunken, daß wir unsere Schmach gar nicht empfinden? Giebt es keine Männer! mehr in Israel? Hat denn die Erde ihren Mund aufgethan und! alle unsere Helden und Kriegeskundigen verschlungen? Wo ist die Liebe zum Vaterlande, die Liebe zur heiligen Thora, die unsere Väter und Mütter beseelte? Giebt es in dieser Bedrängniß gar keine Rettung, in unserer Noth keine Hilfe mehr für »ns? O nein! so tief ist Israel noch nicht gesunken. Wir haben leider Feiglinge als Wortführer und Aelteste, die unsere tapferen Staminesgenossen entmuthigen, ihnen die Waffen aus den Händen reißen und dadurch den Römer» leichtes Spiel bereiten. Diese Feiglinge heißen uns die uns tretenden Füße küßen und auf den Edelsinn von reißenden Thieren in Menschengestalt vertrauen. Die Römer aber, die uns, wie die Fledermaus das Sonnenlicht, hassen und verabscheuen, müssen uns nunmehr auch als Feiglinge verachten. Warum bin ich nur ein schwaches Weib? Warum hat Gott mich nicht mit Kraft und Stärke ausgerüstet? O, wäre ich doch Mutter von zehntausend Söhnen! Ich würde mich als die glücklichste und gottbegnadetste Mutter der Welt schätzen; denn ich wäre doch im Stande, sie Alle meinem bedrängten Vaterlande zur Verfügung zu stellen — allein ich bin nur mit einem Sohne, mit einem einzigen Kinde von Gott bedacht worden." — Die letzten Worte sprach sie leise; ihr Gesicht, das während ihres ganzen Gespräches von einem hehren Glanze gestrahlt, wurde plötzlich kreidebleich und nahm einen melancholischen Allsdruck an. Sie seufzte schwer auf; sie betrachtete das Schwert und blickte mitleidsvoll auf ihren Sohn, der während der ganzen Zeit regungslos vor ihr stand, aber bald raffte sie sich wieder auf und fuhr fort: „Heute hatte ich eine Unterredung mit dem Hohepriester Eliaser ben Chananja. Er theilte mir mit, daß Tausende der besten und edelsten Söhne unseres Vaterlandes sich bereit erklärt hätten, gegen die Römer ins Feld zu ziehen. Gar Biele, sagte er mir, hätten einen heiligen Eid geschworen, ihr Volk und ihr Vaterland zu retten oder auf dem Felde der Ehre zu sterben. Wir seien noch nicht verloren, nieinte er; denn das Feuer der Liebe zum angestammten Heiligthume wäre im Herzen der Söhne Zions noch nicht ausgelöscht. Wir dürfen hoffen, daß unsere Augen wiederum einen König in seinem majestätischen Glanze schauen und wir auf's Neue Sieges- und Dankeslieder anstimmen würden. Die Römer würden wie das Gras des Feldes verdorren, wir aber würden blühen und gedeihen; denn wir vertrauen auf Gott. Also sprach der