Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1891)
- Date
- 1891-01-08
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
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20 wer das falsche Gerücht vom Glaubenswechsel Salomos ausgedacht und verbreitet hat. Alle frommen Leute und alle, welche etwas gelernt haben, sind mit solchen Kniffen längst vertraut. Wenn Jemand etwas thuk, was ihnen nicht gefällt, dem wird eine Falle gestellt, und der Uebelthäter zappelt im Netze, ohne daß er weiß, Werks ihm über den Kopf geworfen hat. Da ich aber weiß, daß die Berlintschiks, die sich bekanntlich für so unendlich klug und weise halten, glauben könnten, daß sich der Salomo wirklich habe taufen lassen, so will ich in Kürze erzählen, wie die Sache zugegangen, damit sic erkennen mögen, wie gescheidt die Talmudisten sind. Denn nur diese Letzteren besitzen Verstand und Grütze genug, um sich erfolgreich an den Gojim zu rächen. Naphtali war natürlich sehr wüthend aus Salomo, den Verführer seiner Tochter, und darum beschloß er, sich dadurch an ihm zu rächen, daß er ihn bei allen Serebrjanskern in üblen Ruf brachte und ihn besonders in den Augen seiner Tochter als einen unehrenhaften Menschen erscheinen ließ. Sehr schlau erdachte er seinen Plan. Als er nach Berlin kam, erzählte er einigen sich dort aufhaltenden Landskeuten, daß sich Salomo aus Liebe zu einem protestantischen Mädchen habe taufen lassen, und reizte sie auf, dies ihren Frauen nach Hause zu ichreiben, damit diese Geschichte in ganz Serebrjaüsk bekannt werde. Ferner hatte er herausgediftelt, daß sich der getaufte Salomo nun nach Serebrjansk begeben wolle, um sich von seiüer Mutter sein Vermögen auszahlen zu lassen. Auch dies sollten die Serebrjansker nach Hause schreiben, damit es Salvnws Mutter von den Frauen erfahre und so auf ihrer Hut sein möge. Auch an Deborah schrieb er unter dem Namen einer ihrer Verwandten einen Brief, worin er sie warnte und aufforderte, den ungetreuen Sohn zu verstoßen und von ihrer Schwelle' zu! weisen, wenn er kommen würde. Deni Salomo selber aber begegnete er freundlich, wenn er ihn traf, und suchte ihn durch Liebenswürdigkeit zu gewinnen und sicher zu machen. Erschlug im Verkehr mit ihm einen väterlichen Ton an und lobte ihn, wo er mir konnte. Zu wiederholten Malen sagte er ihm, daß er sich für seine Tochter gar keinen besseren Mann wünschen könnte, als eben ihn, den Salomo, aber dabei meinte er dann: „Wir Beide. Du und ich. sind verpflichtet, Rahels Glück immer im Auge zu behalten; Euer Hauswesen muß auf solider Basis aufgebaut werden. Deshalb bitte ich Eines von Dir: Bevor Du meine Tochter zum Weibe nimmst, gehe nach Serebrjansk und erhebe dort bei Deiner Mutter Dein ganzes Erbtheil. Ich weiß zwar, daß das Geld bei Deiner Mutter sicher liegt; aber dennoch wünsche ich, daß Tu das Teinige nun selber in Besitz nehmest; denn Du bist ja kein Kind mehr und bedarfst weiter keines VormimdeS. Mit Gottes Hilfe bist Du nun zum Mann herausgewachsen und ein tüchtiger Kaufmann geworden. Ich wünsche darum, daß Du Dich, bevor Du meine Tochter heirathest, selbständig machen und Dein eigenes Geschäft beginnen mögest; Gott aber wird Dich segnen und Deiner Arbeit Gedeihe» schenke». So wirst Du mit meiner Tochter in Zufriedenheit und Wohlstand leben, und ich werde mich Eures Glückes freuen können. Also kehre nach Serebrjansk zurück, wohin auch ich Dir in einiger Zeit zu folgen gedenke." Wie strahlte da Salomos Gesicht; denn er glaubte, daß Naphtalis Worte von Herzen kämen. Ohne sich lange zu besinnen, gab er seine Stellung auf und reiste so schnell er konnte nach Serebrjansk zurück. Ich muß noch jetzt laut herauslachen, wenn ich daran denke, - wie dieser dumme Berlintschik sich auf der ganzen Reise von Berlin nach Serebrjansk in den schönsten Träumen wiegte und die herrlichsten Luftschlöffer baute. In seiner Einbildung war Rahel schon seine Frau, und das Glück meinte er für ewig gepachtet p haben. Er war ganz toll vor Liebe und dachte nur immer, wie sehr sich seine Rahel über seine Rückkehr freuen, und wie herzlich ihn seine Mutter aufnehmen, und wie beglückt sie sein würde, wenn er tzhr erzähle, daß der alte Naphtali ihm seine Tochter zur Fran. geben wolle. Wie erstaunte er aber, als er, in der Stadt angekommen, sah,, daß ihm alle Leute auswichen und ihn mit scheuer Verwunderung betrachteten. Ja manche begegneten ihm mit Gebärden des Zorns und des Abscheus. Die Kinder liefen schreiend seinem Wege nach und riefen unaufhörlich: „Abtrünniger! Abtrünniger!" Einzelne wagten es sogar, ihn mit Steinen lind mit Koth zu bewerfen. So ging; es fort, bis er endlich vor dem Hause seiner Mutter anlangte. Wer wie stand ec nun da vor seiner Mutter, dieser „Aufgeklärte?" Bleich und an allen Gliedern zitternd stand er vor ihr, als sie ihm mit schmerzvollem Ernst entgegentrat und ihm die Schande vorhielt, die er über die Seinen gebracht, und ihm endlich zurief: „Hinaus, Du Unreiner! Verlasse mein Haus! und hebe Dich hinweg von mir, damit ich Dir nicht ins Antlitz schlage, Du Verworfener, Du undankbarer und ungehorsamer Sohn!" „Was ist Dir Mutter? Was soll das heißen?" rief Salomo erbebend. „Was das heißen soll?! Das fragst Du mich noch, Du Unverschämter? Glaubst Du denn, daß Deine sauberen Handlungen verborgen bleiben? Meinst Du, Du könntest Deine alte Mutter schamlos betrügen? O, stelle Dich nur nicht so unschuldig. Ich weiß recht gut, daß Du unseren Glauben abgeschworen hast eines christlichen Mädchens wegen, ich weiß auch, daß Du jetzt nur gekommen bist, uin mir listig mein Geld abzuschwatzen! . . Du siehst es: Alles, alles weiß ich! O, Du hast unendlichen Jammer über mich gebracht, Du Ungehorsamer, Du Ungetreuer! Der Gott Israels aber möge es Dir vergelten." „Mutter! Mutter! . . ." rief Salomo. „Wage es nicht, mich Mutter zu nennen; ich kenne Dich nicht mehr. Du Ungeratheuer!" schrie Deborah in höchster Erregung und unter unsäglichem Weinen und Schluchzen. „Ich bin nicht Deine Mutter! ich will nicht Deine Mutter sein! Verflucht sei der Tag, au dem ich Dich geboren. O warum habe ich nicht lieber einen Stein zur Welt gebracht! O wärest Du doch in Deiner zarten Kindheit gestorben! Und Du wagst es noch, vor mich zu treten! Du, auf dessen Stirn die Unreinheit geschrieben steht, auf dessen Antlitz die Hölle sich spiegelt. Fort aus meinem Hause, Du Ungeheuer! Fort! oder ich stoße Dir mit eigener Hand das Messer in die siebenfach sündige Brust!" Da ward es finster ilnd schwarze Nacht vor den Augen dieses „Aufgeklärten". Er sah, daß er verleumdet worden war, und daß Alles, was er zu seiner Rechtfertigung Vorbringen würde, nutzlos sei, da es den Verleumdern sogar gelungeil war, seine eigene Mutter zu verblenden, so daß auch sie die Wahrheit nicht mehr z» erkennen vermochte. Darum verließ er eilig das Haus seiner Mutter, indem er ihr noch zurief: „Liebe Mutter, es wird eine Zeit kommen, wo Du bitter bereuen wirst, was Du mir heute gesagt; denn meine Unschuld muß offenbar werden. Ich sehe zwar, daß alle Reden und Schwüre in diesem Augenblick nichts helfen; dennoch aber sage ich Dir und beschwöre es beim Namen dessen, der Himniel und Erde geschaffen, daß an der ganzen Geschichte kein wahres Wort ist. Abscheuliche Lügner müffen mich verleumdet haben; denn ich habe, so wahr ich lebe, niemals mit dem leisesten Gedanken daray-getzacht, meinen Glauben zu ändern." Inzwischen hatte sich die Kunde von der Aekunft des abtrünnigen Salomo in der ganzen Stadt verbreitet, lmd so hatte sich eine un-