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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-08 · Heft 2 (8.1.1891) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 2 (8.1.1891)
Date
1891-01-08
Page
Seite 19 (sequence 7)
Language
German
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19 mein Lieber, wenn ich Dir berichte, daß mein Vater nnsern Bund uns freien Stücke» segnen will! Er Hut gegen unsere Heirath nichts mehr einzuwendcn. Du wirst Deinen Augen kaum trauen, wenn Du das liest; denn Du weißt ja, das; er zu denen gehört, die noch um eilte» thörichten Aberglauben hangen, und die einen Mann von moderner Gesinnung, von Wissen und Bildung, kurz, einen Mann, wie. Du einer bist, Du mein Einziger, für eine Pest und einen Krebsschaden in Israel halten. Aber dennoch darfst Du meinen Worten glauben, mein Einziggeliebter; denn er selber hat mir versprochen, mich Dir zum Weibe zu gebe». Als vorsorglicher Vater will er zwar noch, bevor er seine unabänderliche Einwilligung erthcilt, in Berlin Erkundigungen einziehcu, da ihm das Wohl seines Kindes am Herzen liegt und er sehr -besorgt ist, daß ich auch glücklich werde mit Dir. Natürlich bin ich fest überzeugt, daß er nur Gutes hören wird; denn alle Deine Freunde und Bekannten lverden doch nur das Beste über Dich zu berichte» wissen; darum mache ich mir auch weiter keine Sorgen mehr Und bin gewiß, daß Du mein lieber, mein herzensguter Gatte werden wirst. Ach wie freue ich mich darauf! C, ich könnte aufjnbcln vor Seligkeit, wenn ich daran denke, daß ich Dich nun bald meinen lieben, herzigen Alaun nennen darf. Ach dieser Gedanke erquickt und belebt mich auf's Neue. Ich kau» gar nichts Anderes mehr denke». Ich hoffe, daß auch Tu, mein Geliebter, Dich über diese Nachricht freue» wirst, wie ich mich freue. Deine glückliche, geliebte Rahel. Sagt Judkc Schillertest Ich seh', wie meine braven Leser die Köpfe schütteln und gar merkwürdige Gesichter machen, darlim, weil ein jüdisches Mädchen, die Tochter eines Thoragelehrten, solche freche und ausgelassene Worte sich zu schreiben untersteht. Glaubt mir, mich ich war ganz Narr, als mir dieser Brief zu Gesicht kam. „Wenn ich der Pater dieses Jüngferleins gewesen wäre" — dachte ich damals in meiner Wuth — „der Hütte ich's anstreichen wollen." Erlvürgt Hütte ich sic, erdrosselt, mit meinen eigenen koscheren Händen, damit sich alle ungehorsanien und überspannten Mädchen ein heilsames Beispiel und Exempel an ihr nähmen. Und wirklich begreife ich auch nicht, wie Rabbi Naphtali damals schweigen konnte. Wie war es ihm möglich, so an sich zu halten? Ich hätte sie uingebracht, die Ungerathene! — O, nehmt euch ein abschreckendes Beispiel an ihr, ihr Kinder meines Volkes! — Und wenn ihr hört, daß eure Töchter frei und frank über einen Bräutigam sprechen, so seid nur nicht zu nachsichtig und nicht zu weichherzig. Macht ihnen den Standpunkt klar, und hilft das nichts, so prügelt sie, bis sie zur Vernunft kommen. Denn nur ihr allein habt das Recht, Männer für sie zu wählen. Und wenn sie auch vor euren Augen den Geist aufgeben, so mag euch das nicht rühre»; denn es ist besser, daß der Engel des Todes sie umfange, als so ein windiger Liebhaber. Ich weis; ° nicht, was Salomo Goldstengel dieser ungerathene» Jungfrau geantwortet hat; ich habe nur in Erfahrung bringe» können, daß er noch in derselben Woche nach Berlin zurückkehrte. Auch Naphtali fuhr um diese Zeit wieder nach Berlin; denn seine Kornschiffe waren längst spedirt, und nun fuhr er nach Deutschland, um bei seinem Kommissionär den Ertrag seiner Waare cinzuziehen und das Geld gleich seiner Frau nach Hause zu schicken. So Pflegte er es stets zu halten; sobald er eine größere Summe erhoben, sandte er sie durch die Post nach Hause, aus Furcht, cs könnte ihm unterwcgs irgend ein Unfall zustoßen. Die ungehorsame Rahel wartete mit Ungeduld auf die Rückkehr ihres Vaters; den» sie wußte zum Voraus, daß die Vorgesetzten Salomos nur Gutes und Lobenswerthes über ihn aussagen würden — man weiß ja: eine Krähe hackt der ander» niemals die Augen aus. Das einfältige Mädchen glaubte daher zuversichtlich, daß der Vater, sobald er von Berlin zurückgekommen, nichts Eiligeres zu thun haben würde, als ihr die Hochzeit auszurichten. Das war aber nur Einbildung, ein schöner Traum, aus dem sie allzu bald erwachen sollte; denn nicht lange dauerte es, so begann sich in der Stadt das Gerücht zu verbreiten, Salomo Goldstengel habe sich in Berlin taufen lassen und wolle eine Lutheranerin heirathen. Zuerst wollten zwar Viele diesem Gerede keinen Glauben schenken; denn cs war ja allgemein bekannt, daß dieser selbe Salomo Goldsteugel noch unlängst in verschiedenen Zeitungsartikeln tapfer eingetreten war für sein Volk und seinen Glauben, und daß, wenn irgend Jemand etwas gegen die jüdische Lehre zu sagen wagte, Salomo ihm stets muthig eutgegengetreten war, um die Religio» seiner Väter zu vertheidigen. Dennoch aber mußten alle Sercbrjansker nach und nach die Ueberzeugung gewinnen, daß doch etwas Wahres an dem Gerücht sei» müsse. Denn die Serebrjansker, die sich ihrer Geschäfte halber in Berlin aufhielten, schrieben es klar und deutlich an ihre Frauen, daß Salomo, der Sohn der Deborah, sich in ein christliches Mädchen vergafft und diesem zuliebe seinen Glauben geändert habe. Ferner wurde berichtet, er wolle jetzt, als ob nichts vvrgefallen sei, nach Serebrjansk zurückkehren, dort recht scheinheilig thun und sich dann von seiner Mutter sein ganzes Vermögen auszahlen lassen. Sogar Deborah erhielt einen Brief von einer in Berlin lebenden Base, die ihr diese ganze Geschichte haarklein erzählte und sie warnte, sie solle ihm nur keine einzige Kopeke herausgeben und ihm keinen Glauben schenken, ivcnu er auch hoch und heilig schwöre, daß er noch ein Jude sei. Ueber diesen unerhörten Fall gerieth die ganze Stadt Serebrjansk in die' größte Aufregung. Die Leidenschaften kochten und gührten, wie in einem brodelnden Kessel. Die unglückliche Mutter wurde krank, und nur mit großer Mühe konnte man sie wieder Herstellen. Alle Serebrjansker hatten Mitleid mit ihr und suchten sie zu tröste» in ihrem großen Schmerze. Unter sich aber meinte» sie, daß ihr eigentlich doch recht geschehe und daß ein solches Unglück sie keineswegs unverdient treffe; denn das Alles komme nur davon, weil sie ihren Sohn in der sogenannten „Aufklärung" erzogen habe. Alle Verwandten Salomos, dessen Vater ein ob seiner Frömmigkeit berühmter Mann gewesen war, scheuten sich, auf die Straße zu gehe», weil sie sich schämten, sich öffentlich sehen zu lassen. Sie weinten und klagten im Verborgenen über die Schmach, die über sie gekommen; denn der eine Sünder hatte die ganze Sippe geschändet und ihr altes Ansehen für ewig befleckt. Wer mit jünger» Vettern oder Basen des verworfenen Salomo verlobt war, löste das Verlöbniß schleunigst wieder auf; denn Nieniand wollte sich mit der entehrten Familie verbinden. Und was that die ungehorsame Rahel? — Sie war wie vor den Kopf geschlagen. — Anfangs hatte sie natürlich dein Gerede keinen Glauben geschenkt. Als sie aber vernahm, daß auch Salomos Mutter über das große Unglück jammerte, das ihr zugestoßen, da sank ihr Muth, und sie gebürdete sich wie eine Wahnsinnige. Wie am Tage der Zerstörung Jerusalems saß sie auf der bloßen Erde und weinte ohne Aufhören, weil ihre.Ehre voll ihr genommen und ihre schönen Hoffnungen zu Nichte geworden. III. hinweg Unreiner! Ich brauche wohl die Decke llicht zll lüfteil von diesen mcrklvllrdigen Vorgängen. Meine Leser und besonders die frommen Klausner werden schon längst gemerkt haben, wie die ganze Geschichte zusammenhängt. Es ist also eigentlich gar nicht nöthig, daß ich erzähle,

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