Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1891)
- Date
- 1891-01-08
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
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18 iit Schweriir war, veranlaßt, sich um das vakante Landrabbinat zu bewerben. Marcus war ehrlich genug, Meisel den 30. September 1852 mitzutheilen, daß, obgleich nach mannigfachen Kampfell, der Staatsrath von Schröter darin llachgegeben habe, daß die Klausel wegen des konservativen Landrabbiners wegbteibe, er doch den Grundsatz selbst sehr warm zu halten scheine, wiewohl er sich von demselbell keine Rechenschaft zll geben wisse. „Ich fürchte daher," heißt cs in dem erwähnten Schreiben, „noch recht harte Kämpfe mit ihm, bis wir an das erwünschte Ziel gelangeil. . . . Im Interesse unserer heiligeil Sache bitte ich Sie recht sehr, daß Sie Ihre Bewerbllng llicht nnterlassen. Sie haben auf lnich einen solchen Eindruck znrückgelassen, daß ich jedem Lande, wo Sie als Rabbiner fllngirell, Glück wünschen muß. Welches Ihre Konkurrenten sein werden, weiß ich llicht. Blos j Herr Rabbiner Schwabacher" in Schwerin ist persönlich hier gewesen ulld hat sich gemeldet. Die übrigen Annleldungen, da sie. all die j laildesherrliche Kommission gerichtet werden, sind mir unbekannt. . .! Es dürfte Sie vielleicht interessiren, zll erfahren, daß Herr Dr. Hold-! heim auf seiner Durchreise im August Sie für einen Mann erklärt hat, welcher sich für die mecklenburgischen Verhältnisse recht gllt eigne. Ich hoffe somit, Sie jedenfalls unter der Zahl der Bewerber zu filldell." Obgleich die Mecklenburgischell Verhältnisse nichts Verlockendes boten, bewarb sich Meisel dennoch unl die Stelle und theilte auch anl 1. Oktober Zülzer seinen Entschluß mit. Für ihll war cs eine aus gemachte Sache, daß kein Anderer als der Stettiner Rabbiller zur Wahl vorgeschlagell imb gewählt würde. „Wenn ein Mann, wie! Sie, zur Wahl gebracht wird, der von so Vielen im Lande gekannt > ulld erkannt lst, ein Mann, der von aller Welt, selbst der verleumderischen, unbefleckt lmd llnangetastet dasteht, warum sollte der! llicht reussiren?" schreibt ihm Zülzer den 9. Oktober. „Im ganzen Lande heißt es schon jetzt, daß Ew. Ehrwürdell gewühlt sind." Den 21. Oktober war Meisel in Schwerin. Tags darauf richtete der Vorstand der Schweriller Genleinde an ihn die Bitte, „nicht von dort zll scheiden, ohne der Gemeinde den Segen einer Predigt zurückzulassen, und'morgen den Gottesdienst durch eine Predigt zu heben." Meisel hielt den 23. Oktober eine Predigt. Er wußte fein der Stimmung und dell Wünschen der dortigen Judell angemesselles Glaubensbekenntniß in seinen Text mit Geschick zu verflechten und manche verwandte Saite anzuschlagen; er gewann durch seinen fesselndell, begeisterlldell, von trefflichen Mitteln llnterstützten Vortrag rasch die Herzen. Bald nach seiner Rückkehr von Schwerin erhielt er alls Berlill ein langes Schreiben: es war von Holdheim lind betraf das mecklenlmrg'sche Landrabbinat. - Das Schreiben ist vom 10. November 1852 datirt und. lautet: j Hochgeehrter Herr! j Sie sind in Schwerin als Bewerber aufgetreten, habeil dort, wie! mir berichtet wird, mit Beifall gepredigt, und es wird Jhlien, darf ich voraussetzen, llicht unbekannt sein, daß ich das Vertrauen der dortigen! jüdischen Wahlmänner resp. Oberanffichtsmitglieder besitze. Von! diefell haben sich in der That eiilige an mich mit der Bitte um Rath! mit) Auskunft namentlich über Sie uild das, wessen man sich zu Ihrer | amtlichen Wirksamkeit zu versehen habe, gewendet. Sie sind mir trotz! Ihrer Bekanntschaft persönlich und geistig unbekannt. Was ich von j Ihnen höre, ist, daß Sie ein guter Kanzelredner sind und mit großem Beifall predigen. Ich weiß nicht, ob Sie der alten oder der neuen Orthodoxie oder einem gemäßigtell Fortschritt iui Judenthum huldigen, weiß nicht, ob Sie die in Mecklenburg seit mehreren Jahren bestehenden Reformen in Kultus und Religionsschule zu schützeil oder zu zerstören nach Ihrem Gewissen sich nothgedruugen fühlen werden. Ich will nicht verhehlen, daß Ihr Benehmen in der Angelegenheit der freien Genieiude, als diese die Einräumung der Synagoge verlangte, mir Wohlgefallen hat, und daß ich trotz der starken Abweichung in anderen Fragen in dieser nicht etwa an Ihrer Stelle, sondern an der meinigen. ganz ebenso wie Sie gehandelt haben würde. Es will mir scheinen, daß Sie nach Ihrer Geistesstimmung dem Fortschritt nicht feindlich gesiilnt, daß Sie in Lebenskreiseu, wo dieser Boden im Herzen des Volkes gewonnen, ein väterlicher Protektor sein werden. Ich weiß aus Erfahrung, wie viel Einfluß die uns nmgebeudeu Verhältnisse, Personell und Zustände auf die Entwickelung unserer tiefer liegenden Sympathien.ausüben, ohne uns zum Apostaten gegen uns selbst zu machen. Mit einem Worte, das Bild, das meiner Seele von Ihrer geistigen Persönlichkeit, versetzt auf einen Boden freien Wirkens und Schaffens, vorschwebt, ist ein durchaus günstiges. Ich weiß, daß einem Manne meiner Richtung und Gesinnung die landesherrliche Bestätigung nicht ertheilt werden wird, von der andern Seite ist mein Einfluß stark genug, einem Feind des Fortschritts r die Pforten zu dieser Stelle zu verschließen. Sie sehen also, daß ich Ihnen mit Geradheit und Offenheit entgegenkomme. Ich liebe die Ouellenstudleu; ich soll über Sie Auskunft geben: ich wende mich an Sie selbst. Sie kennen die Lage der Dinge; der Wirkungskreis, der sich Ihnen eröffnet, ist in der That ein höchst segensreicher, ehrenvoller und in jeder Beziehung zusagender. Setzen Sie mich in den Stand, an geeigneter Stelle ein Bild von Ihrem Wollen mrd Streben, wie von den Ihnen Zweckmäßig scheinenden Mitteln, es zu realisireu, entwerfen •'* zu können. Ich gelobe Ihnen jedenfalls treue Verschwiegenheit an, stelle es Ihnen jedoch anheim, ob Sie dem schriftlichen Verkehr nicht den mündlichen vorziehen möchten und auf einen Tag hierher kämen und mich beehrten, wo wir uns umfassend und erschöpfend über diese Angelegenheit anssprechen könnten. In jedem Falle sehe ich Ihrer baldgefälligen Antwort entgegen, da die Akten bald geschlossen und in Cirkel des Oberraths gesetzt werden, und ich um Antwort gedrängt werde. . Mit herzlicher Begrüßung und Versicherung meiner Hochachtung Gr. Friedrichsstraße 127. Ihr ergebenster g Tr. S. H old he im.; Ob Meisel schriftlich oder persönlich mit Holdheim verkehrte 't M Holdheim schlug andere Kandidaten vor, die seiner Richtung und Gesinnung näher standen. In letzter Stunde traten noch B. Wechsler, Landrabbiner in Oldenburg, und S. Adler, Rabbiner in Alzey, als Bewerber auf. Die Wahl war noch in weiter Ferne. Die landesherrliche Kommission verlangte einen aus dem Boden des geschichtlichen Judenthnms stehenden oder eigentlich einen orthodoxen Landrabbiner und drohte . einen solchen von sich ans einzusetzen. Tie jüdischen Gemeinden des Landes protestirten gegen eine derartige Einmischung des christlichen Ministeriums in ihre religiösen Angelegenheiten, die Schweriner Gemeinde wandte sich sogar mit einer Immediat-Vorstellnug an den! Großherzog. Alles vergebens. Im Jahre 1853 bestätigte das Mi-! nisterinm ans Wunsch einiger Dissidenten zum Mecklenburg -schwerin- ' schen Landrabbiner den orthodoxen Dr. Lipschütz, allerdings nur ans j 1 kurze Zeit. 9 FEUILLETON Uache ist süß. Hu moreske nach dem Hebräischen bearbeitet von Dr. S. Mandelkern. lFortsetznng.) Also sprach der Vater zu seiner Tochter in verständigen Worten, und sie vertrante ihm. Freudig küßte sie ihm die Hände und dankte ihm für all das Gute, das er an ihr thun wollte. Noch denselben Tag schrieb sie folgenden Brief an Salomo: „Einzig Geliebter! Wonne meines Herzens! Eine fröhliche Botschaft sollen Dir diese Zeilen übermitteln. Denke Dir, mein Freund, unser Glück ist nicht mehr fern. Was ich niemals zu hoffen gewagt, ist beschlossen. Wirst Du mir glauben