Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1891)
- Date
- 1891-01-08
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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15 Und mitten in dieselll'geheillluißvoll rastlosen Wirken und Walten der Natur, dieses riesenhaften Körpers, der ans Milliarden von Atomen zusammengesetzt ist, die alle für einander schaffen, sich entfalten, dem Ganzen zustrebeu, in demselben aufgeheu und in ihrer Vernichtung zur Neubildung anderer Körper beitragen, Haider Allweise einzelne seiner Geschöpfe, dieser Atome, besonders begnadigt, sie besonders ausgezeichnet. Unendlich verschieden sind die Leistungen der einzelnen, und dennoch ist dem geringsten eine Arbeit zuertheilt. Ein Dasein, erscheint es unserm Auge noch so werthlos, es hat einen i Zweck, und ein Ziel ist seinem Wirken gesetzt. Auf eine Arbeit folgt! ein Ruhen, nach dem Blühen ein Welken, auf die Saat folgt die j Ernte.! Gott hat dem Menschen, als das mit höchsten geistigen Fähigkeiten begabteste Geschöpf, die Natur bienftbai* gemacht, und dennoch ist sie seine Meisterin. Sie lehrt ihn das höchste Wesen erkennen, sie weist ihn auf seine Lebensaufgabe hin. In der Natur ist ewiges Leben, ewige Regsamkeit, sie kennt keinen Anfang. kein Ende. In ihr keimt, formt, bildet und gestaltet sich inuner Neues, während Aelteres stirbt, verwest. Das Einzelne welkt dahin, das Ganze bleibt. Ist eines Menschenseele nicht auch eine Welt, in der tausend und aber tausend Gedanken geboren werden, sich entwickeln, wieder" vergehen, wieder neu erstehen in buntem Wechsel?! Ballen wir llicht weiter auf den Gedanken der einst Gewesenen, streben wir nicht weiter auf der Leiter der Erkenutniß, deren erste Sprossen sie erklommen? Voln Gegebenem, vom Bekannten forschen wir nach Unbekanntem. Je höher hinauf, desto steiler und mühseliger wird der Pfad, der zur höchsten Erkenntuist führt, immer neue Probleme müssen gelöst werdell, inuner neue Wunder wollen erklärt sein, iminer größere Schranken richten sich auf. Zu viel für ein kleines Menschenhiru, zu wenig für den Heißen Wisseilsdurst, das Streben der Seele, die von Gott eingehaucht, Göttliches in sich trägt. Ein Sonnenstrahl sprellgt die Hülle der Knospe, eine Blüthe! entfaltet sich — ein Menschenleben erwacht zum Dasein. In einem hilflos kleinen Körper wohnt eine Seele, dieses erhabene, große, geheimnißvolle Etwas, dessen Wesen und Sein unergründliche unerforschlich ist. Zarte, liebenk Hände pflegen den Körper. Tie Menschenblüthe gedeiht dank unermüdlicher Sorgfalt und Umsicht. Während der Körper des Kindes sich Schutz silchend an den! Busen der treuen Pflegerin drängt, zittert dic erwachende Seele des-! selben aus großen verlmmdert fragenden Augen ihr entgegell. j Es beginnt allmülig die hohe und heilige Allfgabe der Erzieher, diese Seele zu formen, zu bilden. Verschlossen und unbekannt ist sie ihnen, ein edles Erz, das tief verborgen ruht und sich erst langsam aus den Schlacken loslöst. Glücklich das Kind, beffeu Leiter mit kundiger Hand es führen und die edlen Schütze ans Licht zu bringen! vermögen, die im geheimsten Innern ruhen.! Die Hauptaufgabe der Erziehung ist, den ethisch - sittlichen Trieh! des Menschen zu fördern, ihm stets neue Nahrung zuzuführen, ihn vorzugsweise durch Einwirkung auf das Gemüth zll entwickeln und durch Ausbildung der Verstandesthätigkeit zu befestigen. Die Erziehung soll zur Tugend, Moralität und Glückseligkeit führen. Zuvörderst muß das Gemüth des Kindes gebildet werden. Es sollte ihm daher sehr früh der Begriff von Gott ins Herz gepflanzt werden; als dem Schöpfer aller Dinge, der den Menschen ein liebender Vater ist, aus dessen Hand alles Gute kommt. So lernt das Kigd ihn lieben und verehren. Die Natur ist hier die erste vorzüglichste Helferin der Erzieher, durch sie wird es angeregt, auf sie lenkt es zuerst, seine Aufmerksamkeit. Die Augen öffnen.sich dem Lichte, die ungeschickten Hündchen greifen lmch den Sternen, beni Himmel, den Blumen, und wenn es fragt, wer das Alles gemacht hat, so wird ihm immer wieder und wieder die Antwort zu Theil: Der liebe Gott. Zu diesem Gott lehrt man das Kind beten. Traumbefangen hört es jene einfachen Worte von geliebten Lippen. Nach lmd nach beginllt es sie nachzulallen, bis es sich dieselben eingeprügt. (Sin Kindergebet. — wie treu bleibt es im Gedächtniß, wie oft klingen diese Worte, einer süßen Melodie gleich, aus längst vergangenen, sorglos glücklichen Tagen, in unsrer Seele wieder, wie wecken sie liebe, treue Erinnerungen, wie lassen sie Bilder erstehen, die längst wir vergessen geglaubt, und führen uns in das Paradies der Kindheit zurück. Nicht allein das Gebet genügt, um dem Kinde die echte Liebe zu Gott ins Herz zu legen, nicht die Erzählungen der heiligen Schrift, denen es gerne lauscht, führen ihm die ganze Größe uub Erhabenheit des Allvaters vor Augen. Es vermag das Alles noch nicht so recht mit seinem erwachenden Geiste zu erfassen. Das Kind verlangt Greifbares, es will nicht nur hören und sehen, es will miterleben. Deshalb ist es nothwendig, daß das Heiligthum Gottes, sein Tempel, in jedem Hause eine würdige Stätte findet, an der Ihm mit aufrichtigem Herzen gedient wird. Wie Gott einzelne seiner Geschöpfe ausgezeichnet hat, so hat er auch einzelne Tage vor anderen bevorzugt. Er hat nach sechs Arbeitstagen einen Ruhetag gegeben. Er hat durch seine Propheten, durch die Lehrer des Volkes geboten, zu Anfang und Ende gewisser Zeitabschnitte Tage der Erholung und Freude einzuschalten. Die regelmäßige Wiederkehr derselben, die Beachtung der religiösen Pflichten an ihnen, führen die Menschen Gott näher und vereinigen sie inniger. Wie erhöht, vergeistigt und adelt sie diejenigen, die sich ganz und voll ihres Werthes bewußt sind. Die engen Bande, die Eltern und Kinder einen, werdell fester geknüpft, nnb die Dankbarkeit gegen Gott erhält neue Nahrung. Frohsinn und Heiterkeit gesellell sich zu delll befriedigenden Bewußtsein, feine Pflichten erfüllt zu haben. Im unfern Tagen, in denen das Leben so rastlos dahinfluthet und alle Mellschen jäh mit in den wild rauschenden Stronl reißt, in dem der harte Kampf um's Dasein weder Ruhe noch Rast gönnt lmd immer vorwärts und unaufhaltsam vorwärts treibt, bem fernen Ziele entgegen,, da hört man allmülig auf, sich der Feste zu freuen, die Tage der Ruhe zu genießen. Das Jagen nach Geld lmd Gut, nach Gellllß ist so lnächtig, daß Niemand dieser Sehnsucht sein Herz verschließen kanll, alle inneren Rücksichten werdell außer Acht gelassen, alle aubereit Bestrebungen in den Hintergrund gedrängt. Nur diese Ideen gewinlien Form und Gestaltung, ihnen jagt man liach, sie zu verwirklichen ist die Lebellsaufgabe Aller. Giebt man den Killderll Alles uub läßt sie jenes Eine entbehren, so hat man ihnen viel, ach so viel geraubt. Das Leben, welches sie daheiln führen, steht nicht im Eiuklallg mit den Geboten Gottes. Sie hören voll einem Sabbath, einem Feste reden, aber daheim geht Jedes tagaus tageill feinen gewohnten Pflichten nach. Sie lernen nicht die Weihe eilles Sabbaths fennen, ihnen strahlen llicht am Eingang desselben die geweihten Kerzen entgegell. Alls ihren Hällptern ruhen llicht segnend die Hände der Eltern in biefem feierlichen Augenblick. Sie hören nie nach einer Mahlzeit die Ihrigen Gott für seine Gabell danken. Sie kennen feinen Osterabeud, der in all seiner Einfachheit Und Größe so viel Schönes und Edles birgt, das Hüttenfest mit feinen Gebräuchen scheint ihnen ein Märchen, und sie lauschen verwundert den Erzählungell älterer Leute, die ihllell