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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-08 · Heft 2 (8.1.1891) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 2 (8.1.1891)
Date
1891-01-08
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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Briefe an einen Freund. Von Rechtsanwalt Emil Lehman» in Dresden. 1. Vorbeter. Als wir diesen Sommer durch den schönen Badeort M. fuhren, siel uns das prächtige Gebäude an der Bahnhofstraße auf. Meine Berniuthung, daß das eine Synagoge sei, täuschte mich nicht. Wir besichtigten sie und fanden ein dein stattlichen Aenßern würdig entsprechendes Innere. Nur Deine Frage nach dem Rabbiner erhielt eine verneinende Antwort seitens der Führen». Die Gemeinde habe wohl einen sehr schön singenden Vorbeter, oder wie das feiner klingt: Kantor, aber keinen Rabbiner, keinen Prediger! Die Predigten halten ab nnd zu Rabbiner aus Nachbargemeinden, oder als Badegäste hier verweilende ab. Du ivarst über diese Auskunft nicht sehr erbaut, nnd ich mußte Dir Recht geben. Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, nicht blos vereinzelt in jenem Badeort wahrnehmbar, das; unsere Glaubensgenossen, namentlich soweit sie sich der strengeren Richtung zuneigen, iveit mehr Werth legen auf einen guten Vorbeter, als ans einen tüchtigen Prediger, da ihnen der Gesang, der sogenannte „Nigen", iveit mehr am Herzen liegt, als die geistige Labe nnd Erhebung, ivelche die Predigt bieten soll nnd bieten kann. Ein Chasen, der die alten, ja zum Theil tiefergreifenden, lvenn auch schwerlich auf eigenem Boden erwachsenen Melodiken, so eine Mnsfaffkednscho vom Jomkippur, einen Kolnidre, einen klnsane Totes, ergreifend vortrügt, das ist ihr Mann, der rührt zu Thränen. Es ist der Erwägung wohl werth, wie das so gekommen nnd ob das auch gut und fortzuerhalten ist. Die Geschichte der Chasaniin ist wohl noch nicht geschrieben. Ich denke mir die Entwickelung so: Der (Phasen Seheliach zibbnr Abgesandter, Vertreter der Geineinde, bildete sich im Mittelalter gewissermaßen als konstitutionelles, demokratisches Glied aus, im Gegensatz zu dem mehr aristokratischen Element des Rabbiners. Dieser, zugleich der Richter — denn auch das bürgerliche Recht der Juden unterlag im Mittelalter der rabbinischcn Gerichtsbarkeit —, der Träger der jüdischen Gottesgelehrtheit, der Leiter einer talmudischen Schule, »m so höher angesehen, je mehr Jünger und ans je größerer Entfernung an seinen Unterrichtsvortrügen sich betheiligten, hatte eine Wirksamkeit, die zwar dem schlichten Gemeindemitglied, dem „gemeinen Mann", dem Am Haarez iniponirtc, aber ihm fern stand, ihn kalt ließ. Weit inehr erfaßte ihn der Vorbeter. Der war ihm an Bildung näher, den hörte er täglich zweimal, dessen Gesang, fröhlich an frohen, ergreifend an ernsten Tagen, packte ihn im Innersten, und so ward — zu einer Zeit, in der es Predigten in unserem Sinne nicht gab, höchstens zwei, dreimal im Jahre Deraschah's, witzige, geistreiche, nur für den talmudischen Feinschmecker verständliche Erklärungen dunkler Bibelsprüche n. dgl. m. — der Vorbetcr der volksthümliche Mann, der Mittelpunkt der Synagoge. Ich glaube, das läßt sich nicht blos in unserer Liturgie, sondern auch in unserer Litteratur Nachweisen. Ter „Schntzmatz" — der Vorbeter und Religionslehrer — schlug den Rabbiner aus dem Felde; viele unserer, im Mittelalter erst, zum guten Theile aus der katholischen Kirche, in die Synagoge und in die jüdische Volkslebensweise eingeschmuggelten asketischen Bräuche, Wnnderlegenden — z. B. die Sage von der Entstehung des Unsane Totes, wie sie in unsern alten Machsorim noch zu lesen ist — verdanken Vorbetern ihre Entstehung nnd Verbreitung. Die vielhnndertjährige Stagnation im Kultus und Ritus der deutschen Juden ist auf sie zurückzuführen. Im Gegensatz zu den — offenbar von ihren Rabbinern, ihren Chachamim — günstig beeinflußten portugiesischen Juden, mit ihrer Werthleguug auf eine edle, einfache, ivürdige Rezitation der Gebete ohne Singsang, haben die deutschen Juden von den aus Polen eingewanderten Chasaniin mit Sänger und Baß allerlei Liebhabereien angenommen, an denen wir hellte noch zu leiden haben. Es ist ja Vieles bester geivordcn, Dank vorzüglich den Beinühungen nnd Bestrebungen eines Sulzer, eines Lewandowski, Dank der Einführung von Chor und Orgel, Dank vor Allem den Predigten unserer Rabbiner. Seit aus der Schule von Mannheimer, Salomon, Philippson, Sachs, Joel, Jellinck u. A. Prediger erwuchsen, welche Rednergabe mit Gedankenklarheit, anmnthende Forni mit belehrendem, erhebendem, sittlich förderndem Inhalt zu durchdringen wußte», seitdem sollte auch für die Synagoge das die Hauptsache sein, was es für die protestantische Kirche längst ist: die Predigt. Es sollte — aber es ist nicht. Die alte Chasanim-Verehrung spukt noch fort, ein schöner leclio daudi, ein ergreifend gesungener hajauiu havass aulom wirkt heute noch nachhaltiger in Vieler Ohren, als die trefflichste Predigt. Ich will nun der Kunst des Gesanges, der Macht der Töne ihre Berechtigung für den Gottesdienst keineswegs absprechcn. Sie gehören ins Gotteshaus, voll berechtigt, gleichberechtigt, aber nicht allein berechtigt. Aber der Hauptton muß ruhen auf dem geistigen, nicht auf dem sinnlichen Element, also auf der Predigt. Wird das erkannt und betont, tritt der Prediger mehr in den Mittelpunkt des gottesdienstlichen Lebens, werden von ihm — wie in den neueren Gebetbüchern vorgeschlagen — wichtige Gebete, natürlich nicht singend, sondern einfach, würdevoll vorgetragen, dann erst ist der Anfang gemacht, nnserm Gottesdienst eine volksthüinliche, weihevolle, den Geist erhebende und klärende Richtung zu geben. Das eigentliche Mittelalter unseres liturgischen Gottesdienstes liegt in den Chasanim; Gesang nnd Lied ist Sache der Gemeinde, bez. des Chores. Der Vorbetcr muß auch wirklich vor beten, d. h. so vortragen, daß man ihm auch ohne Buch »achhöre», bez. nachsprechen kann. Darin» sollte man heutzutage bei der Wahl eines Vorbetcrs — wenn man überhaupt neben dem Rabbiner einen braucht — mehr darauf achten, daß er gut vortragen, als darauf, das; er gut singen kann. Wenn auch dann nicht mehr, wie in unsern Tagen vorkam, der Vorbeterposten zur Sineeure für abgehende oder zur Vorbereitung für werdende Theatersänger dient, so wird doch jedenfalls die Würde des Gotteshauses gewinnen, je näher der Vorbeter dem Religionslehrer, dem Rabbiner angrenzt. U Neligwse Freuden einGr^iehungsmittel. Von Jda Oppenheim. Es konnte den Menschen nichts Größeres oder Besseres gegeben werden, als die Gottesfurcht. Sie ist eine Erkenntniß Gottes nnd Liebe zum Herrscher nnd Vater des Weltalls. Gott allein ist ein Fürst, der Ursprung und Herrscher aller Dinge, weise und allmächtig. Die Welt ist gleichsam sein Haus, fein Tempel, er regiert sie mit ebenso wunderbarer Fürsorge, wie er sie geschaffen. Wenn strahlendes Sonnenlicht im Osten emporglüht, einen neuen Tag verkündend, wenn graue Abendschatten die Erde in Dunkelheit nnd Nacht hüllen, wenn der Frühling seine duftigen Schätze über Wald und Feld streut und die Erstarrung des Winters mit seinem belebenden Hauch sortweht, wem; des Sommers heiße Strahlen die Früchte reifen lassen und der Herbst den reichsten Segen der Ernte beut, wenn all’ diese Erscheinungen in ewigem Kreislauf sich unser» Blicken kund thun, geben sie dann nicht Zeugnis; von der Allgewalt dieses Einen, Einzigen?

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