Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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verstehe nicht einmal ordentlich Hebräisch. Dagegen aber lobten und priesen Alle seinen Sohn, den Jekele. Und ich selber auch glaube nicht zu weit zu gehen, wenn ich behaupte, daß dieser Jekele ein wahrer Ausbund von Gelehrsamkeit war. Ganze Traktate des Talimib konnte er auswendig, und die spitzfindigsten Argumente flössen von seinem Munde wie Wasser. Dann prophezeiten ihm auch alle Verständigen, daß er dereinst ein Berühmter, ein „Gaon" werden würde, das könne ihm gar nicht fehlen. — Aber wie werden meine gelleigten Leser erst erstaunen, wenn sie erfahren, daß er all das Wissen nur mit einem Auge in sich ausgenommen hatte; denn er hatte leider nur eins. Was aber aus ihm geworden wäre, wmn er beide Augen hätte brauchen können — das ist gar nicht auszudenken. Außer der Einäugigkeit hatte er nur noch einen kleinen Fehler, er lahmte etwas. Aber was sind diese unbedeutenden äußeren Mängel gegen die bedeutenden inneren Vorzüge? Wer weiß nicht, daß die Thanaim Rabbi Joseph und Rabbi Schescheth ganz blind waren auf beiden Augen, und dennoch ist die Welt ihres Ruhmes voll. Darum hat auch der fromrne Naphtali diese kleinen Mängel wenig beachtet; denn der Jekele schien ihm ein gar trefflicher Mann für seine Tochter zu sein. Schon allein der angenehme Gedanke, daß sein zukünftiger Schwiegersohn ein großer und berühmter Rabbi in Israel werden würde, machte Alles glatt — und zudem brauchte er llicht mit allzu viel Baarem herauszurücken. Er sagte also Ja und Amen zu dieser Heirath und war nicht wenig erstaunt, als er aus dem Munde seiner Tochter eine gegentheilige Ansicht vernahm. Als Rahel nämlich erfuhr, ihr Vater wolle sie mit dem Sohne des Rachmiel Lumich verheirathen, gerieth sie in eine unbeschreibliche Wuth imd scheute sich nicht, ihrem Vater zu trotzen. „Du hast kein Recht, mich zu verkaufen," schrie sie, „und mich ins Unglück zu bringen, nur damit Deine Eitelkeit befriedigt werde. Höre mich, Vater, ich warne Dich. Wenn Du mich wirklich zu dieser verhaßten Heirath zwingen wolltest, so wirst Du meinen Tod auf dem Gewissen haben. Du weißt, ich spaße nicht!" „Was soll das heißen?" fragte Rabbi Naphtali ganz erstaunt. „Was unterstehst Du Dich? Was hast Du Dich überhaupt in diese Dinge zu mengen? Schweig, sonst will ich Dich zausen und mit ein paar saftigen Ohrfeigen zur Vernunft bringen." „Schlage zu und tobte mich gleich, wenn Du den Muth dazu hast. Aber dieser Mensch wird niemals mein Gatte. Ich sage es Dir nun nochmals, Vater, mib es ist mein voller Ernst, daß ich lneinem Leben freiwillig ein Ende machen werde, wenn Du mir mit diesem Jekele nicht vom Leibe bleibst." Also sprach diese ruchlose Tochter zu ihrem Vater. „O Du ungerathenes Kind!" ries Rabbi Naphtali zornig. „Es ist wohl ein böser Geist in Dich gefahren, daß Du gar nicht mehr bedenkst, was Deine Zunge plappert." „Es ist kein böser Geist, sondern nur der gesunde Menschenverstand, der aus mir spricht. Es wäre wahrhaftig schlimm, wenn ich in dieser Sache, die mein Lebensglück betrifft, nicht auch ein Wörtlein mitzureden Hütte. Darum sage und erkläre ich Dir zum letzten Mal, daß ich nun und nimmermehr Jekeles Frau werden will, sondern jetzt erst recht den Salomo Goldstengel heirathe!" „O weh mir! Weh mir! Was müssen meine Ohren hören?" rief Rabbi Naphtali verzweifelnd und faßte mit beiden Händen seine langen Peos. Also sielen ab die Kinder des neuen Geschlechts. Knaben lehnen sich auf wider die Greise und die Mädchen sprechen hart mit ihren Eltern. So schrecklich geht es zu in Israel.! II. Rache den Gojim! Ich bin nur ein armer, frommer Klausner und habe niemals gelernt, fein ausgediftelte und zurechtgedrechselte Geschichten schreiben, wie das die Berlintschikes thun. Darum wird es mir auch sehr schwer, den Lesern begreiflich zu machen, wie überrascht die Eltern Rahels waren, als sie solche selbstbewußten Reden aus dem Munde ihres sanften Töchterleins vernahmen. Naphtali war gründlich in die Enge getrieben und wußte gar nicht mehr, wie er sich wieder aus dieser dummen Geschichte Herauswickeln sollte; denn das merkte er schon, daß sich Rahel nicht leicht fügen würde, und daß weder Strenge noch mildes Zureden hier viel helfe.. Ja, nun gingen ihm die Augen auf und er sah, wie der Epikurüer Salomo Goldstengel sein Töchterlein so sehr verblendet hatte, daß sie gar nicht mehr wußte, was gilt und' böse war, und jedenfalls nicht erfassen konnte, auf welchen Abwegen sich ihr Geliebter bewege. Er beschloß daher, sich an diesein Goj zu rächen, damit ihm fürder die Lust vergehe, unschuldige Jungfrauen zu verführen und den: Satan zu überliefern. Da er aber sah, daß er dem Salomo einstweilen nicht beikommen konnte, so verbarg er seine Rachegefühle und seine Pläne tief in seiner Brust. Wie ein Vater, der sich seines Kindes erbarmt uitb das Leid bereut, das er ihm zufiigen wollte, so Zeigte sich der schlaue Naphtali nun gegen Rahel, freundlicher und liebenswürdiger als je zuvor. Ja, er versprach der Ungehorsamen sogar, ihr zu Willen zu sein und ihrem Herzenswunsch nichts in den Weg zu legen, wenn er in Berlin über Salomo und seinen Lebenswandel nachgefragt und günstige Antwort erhalten habe. „Wenn der Salomo Goldstengel wirklich ein braver und tüchtiger Mann ist," sagte er zu seiner Tochter, „so mag er Dich nehmen, und ich will nicht mehr dawider fein. Ist es denn nicht mein Wille, daß mein Kind glücklich werde auf Erden? Aber Du bist ja ein verständiges Mädchen, Rahel, und weißt selber auch, daß nicht Alles Gold ist, was glänzt. Zwar scheint Salomo wirklich ein redlicher Mann zu sein; aber wir sehen nur mit Menschenaugen und können den Leuten nicht in's Herz blicken, um 31t erfahren, ob sie ebenso denken wie sprechen. Ach, leider kenne ich nur allzugut die Denkweise unserer heutigen jungen Leute, ich sage Dir, sie sind noch leichtsinniger als die Weiber. Und unbeständig sind sie, wie Aprilwetter. Heute gefüllt ihnen dieses Mädchen und morgen schon wieder ein anderes. Darum höre, was ich thun will. In vierzehn Tagen reise ich nach Berlin; dort werde ich mich über Salomo bei seinem Chef erkundigen. Wenn ich dann nichts Ungünstiges über ihn höre, so sollst Du ihn ohne Weiteres zum Mann kriegen, das schwöre ich Dir." (Fortsetzung folgt.) Nie barmherzige Königstochter. Von Gustav .Jacobsohn. Wer schleicht dort aus der Hütte Ju abendlicher Ruh' Mit zaghaft scheuem Tritte Dein nahen Strome zu? Ach, eine Mutter ist es, Sie hält ihr Kind im Arm, Sie herzt es, und sie küßt* es, Drückt's an die Brust so warm. Und an des Flusses Saume, Wo klar die Welle rinnt, Legt unterm Palmenbaume Sie nieder sanft das Kind, Flicht dann ans Schilf ein Kästchen, Verklebt's mit Erdharz dicht. Und bettet weich im Nestchen Das Kindchen, zart und licht. „Ich kann dich vor den Schergen, Du holder Knabe mein, Nicht länger mehr verbergen Im stillen Kämmerlein, Hier zwischen Lotusblüthen Und Schilf setz' ich dich her, Nun mag dich Gott behüten, Ich kann es, ach, nicht mehr!"