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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-01 · Heft 1 (1.1.1891) · p. Seite 10

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 1 (1.1.1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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TI gesetzt. Der gütige Leser wird sich deshalb nicht -wundern, wenn ich ihm sage, daß die Söhne und die Töchter, sammt ihren Gatten, den harten Vater nicht eben sehr lieb hatten. Ja, sie warteten sogar auf seinen Sterbetag mit derselben Sehnsucht, wie wir frommen Juden alle auf die Ankunft des Meschiach. Um die Zeit, von der ich erzählen will, war Naphtali schon fünfundsechzig Jahre alt; aber zum größten Bedauern seiner Kinder war er noch ganz rüstig und kräftiger als mancher Junge. Stark und fest wie eine Zeder im Libanon war er noch, so daß die Kinder immer fürchteten, der Tod könnte ihre kränkliche Mutter vor ihm dahinraffen, und dann würde er vielleicht noch einmal heirathen. Am meisten Sorgen bereitete Naphtali aber seiner jüngsten, noch unverheiratheten Tochter Rahel. Diese war damals etwa achtzehn Jahre alt, schön wie der Mond, strahlend wie die Sonne und lieblich wie ein Röslein von Saron. Denn ach, dieses junge Mädchen war schon vom Hauche der modernen Zeit berührt, und, denkt euch nur, sie wollte einen von den preußischen Modezierbengeln heirathen, einen von den windigen Berlintschikis, die in allen unheiligen Büchern herumstöbern, welche das Herz der Leser abwenden vom Gotte unserer Väter, und die sich allerhand Wiffenskram zusammengesucht haben, >vas sie „Bildung" und „Aufklärung" nennen. Ja, in einen solchen Luftibus hatte ssch diese Rahel vergafft; und wie unsere Erzmutter Leah vor Zeiten schwache Augen kriegte, weil sie so viel weinte und Gott ohne Aufhören bat, er möge ihr doch den guten Jacob und nicht den verhaßten Esau zum Manne geben, so weinte und betete diese Thörin immerfort, daß sie doch ja keinen frommen Rabbi odergar einen Talmudlehrer heirathen möchte, sondern nur jenen albernen Berlintschik. — Habt ihr jemals so etwas Dummes gehört? — Das Fräulein wußte wohl, daß ihr geiziger Vater nur darauf sah, daß ihr Zukünftiger aus einem gottesfürchtigen Hause stamme und in der Thora bewandert sei, denn der geriebene Geschäftsmann rechnete darauf, daß ein solcher Bräutigam nur eine sehr bescheidene Mitgift verlangen werde. Darum bangte Rahel immer davor, daß ihr Vater eines schönen Tages einen solchen ungeliebten Freier ins Haus bringen möchte. Sie war auch freudig erschrocken, als sie einst zufällig vernahm/ daß der Schadchen, der rothe Löb, ihrem Vater den Salomo Goldstengel als annehmbaren Schwiegersohn vorgeschlagen habe. Salomo Goldstengel — schon am Namen kann man erkennen, >veß Geistes Kind dieser Freier war — stammte aus Serebrjansk und war der Sohn eines reichen Mannes. Sein Vater war schon lange gestorben, als Salomo noch ein kleiner Knabe >var. So hatte ihn die Mutter erzogen. Sie hieß Deborah und war eine Deutsche von Geburt. Diese Frau war wohl auch gottesfürchtig und besonders sehr wohlthätig; aber dennoch haftete ihr eben das Deutschthum an. Auch sie schwärmte für die sogenannte Bildung und für die Aufklärung. Den Tag las sie in weltlichen Büchern, die voll dummem Zeug sind und voll albernem Geschwätz von Jünglingen, die sich in andersgläubige Mädchen verliebt haben — der Herr bewahre uns in Gnaden vor solchen! — oder vor Taugenichtsen, die an den „Versitäten" studirten und da große Erfolge zu verzeichnen hatten, und was dergleichen Tollheiten mehr waren. Auch ihrem Salomo brachte sie diese „Bildung" bei und erzog ihn ganz im Geiste der deutschen Aufklärung. Da wurde denn auch nichts Rechtes daraus. Der Junge wurde ein vorlauter, gottloser Geselle, der den Talmud verwarf mit allen seinen Kommentarien. Dafür steckte er seine Nase um so fleißiger in/die unreinen Bücher und sog alle verderblichen Lehren der Neuzeit ein. Als er nun endlich achtzehn Jahre alt geworden, sandte ihn seine Mutter nach Berlin, damit er dort in einem Handelshaus Knechtesarbeit verrichte, und zwar — unentgeltlich. — 10 Da könnt ihr wieder einmal sehen, wie das aufgeklärte Epikuräerthum selbst die gescheidten Leute dumm macht! — Zwei Jahre lang arbeitete dieser Schlome Deboreles in Berlin und dann kam er wieder nach Serebrjansk zurück. Natürlich hatte er seinen gutjüdischen Namen in den Berlinerischen Salomo Goldstengel umgewandelt. Ja, ihr lieben Leser, 'wenn ihr diesen Taugenichts damals gesehen hättet, ihr würdet gesagt haben: „Gar nicht von Juden stammt er". Denn er war so schön geworden von Gestalt und Aussehen, beinahe so schön wie ein Christ. Auch in seiner Kleidung war er gar nicht mehr von den Gojims zu unterscheiden. Dieser Abscheuliche verführte denn auch die Rahel, die Tochter des frommen Naphtali. Als er einst eines Geschäfts wegen in Naphtalis Haus gekommen, hatte er das Mädchen gesehen und .sie hatte ihm auch gleich gefallen. Darum kam er nun öfter und schließlich alltäglich zu dem reichen Naphtali, natürlich stets unter irgend einem schnell erfundenen Vorwände. Wenn er dann etwa einmal die Rahel zufällig allein zu Hause traf, redete er ihr viele schöne Worte vor, und so gelang ihm auch, ihr Herz zu rühren. Aber kein Mensch hatte eine Ahnung von dieser Geschichte. So hatte also, nachdem die beiden sauberen Liebesleute einig waren, der Salomo Goldstengel den Rabbi Löb, den Fuchsrothen, als Schadchen zu Rabbi Naphtali geschickt, damit er ihn berede, dem Berlintschik seine Tochter zur Frau zu geben. Natürlich freute sich Rahel, als sie von diesem Vorschlag des Schadchen hörte. Aber leider währte ihre Freude nicht lange; denn Naphtali fuhr den Schadchen schön au. Er wußte gar nicht mehr, mit welchen Schimpfnamen er ihn noch beehren sollte und sagte ihm auch, daß, wenn er es jemals wieder wagen sollte, ihm eine so unpassende Partie für seine Tochter vorzuschlagen, er ihn unbarmherzig zum Hause hinauswerfen würde. Das war ein trauriger Tag für die arme Rahel, die sich nun schon gefreut hatte, ihren lieben Salomo zum Gatten zu bekommen; die ganze Nacht weinte sie sich die holden Aeuglein roth. Die abenteuerlichsten Gedanken tauchten in ihrem Köpfchen auf. Bald dachte sie daran, das Elternhaus heimlich zu verlassen und nach Berlin zu gehen, wohin auch Salomo Goldstengel dann Nachkommen würde, bald wieder nahm sie sich vor, dem Vater rund heraus ihre Meinung zu sagen und ihm zu erklären, daß sie keinen anderen als ihren Salomo zum Manne wolle, und wenn sie den nicht kriege, wird sie ins Wasser gehen . . . Doch nach und nach gewann die Vernunft bei ihr die Oberhand und sie sah ein, daß sie vor aller Welt zum Gespött werden würde, wenn sie so etwas Unbesonnenes thun würde. Aber diese Besserung war nur vorübergehend, denn später bemächtigte sich der unreine Geist ihrer doch wieder und stachelte sie aus, gegen ihren redlichen und frommen Vater zu intriguiren. Als nun der Schadchen sah, daß Naphtali sehr erzürnt über ihn sei, und er seinen Fehler und sein Unrecht, dem frommen Manne einen so weltlich gesinnten Schwiegersohn vorgeschlagen zu haben, erkannte, wollte er seinen Mißgriff nach Kräften wieder gut zu machen suchen. Darum rannte er gleich am folgenden Tage wieder zu Rabbi Naphtali und schlug ihm als Gatten für Rahel den Sohn des Rabbi Rachmiel Lumich vor, einen weisen und gelehrten jungen Mann, an deffen Thaten man schon damals sehen konnte, daß er mit der Zeit ein großer Rabbi werden würde in Israel. Rabbi Radmiel Lumich war ein angesehener Biirger, der jedoch in jüngster Zeit in seinen Vermögensverhältnissen etwas zurückgekommen war. Früher war er berühmt gewesen ob seines Reichthums und seiner Gelehrsamkeit. Mit dem Gelde war aber merkwürdigerweise auch sein Gelehrtenruf verschwunden; denn sobald er mit seinem Schatze zu Ende war, behaupteten die Serebrjansker mit rührender Einstimmigkeit, es sei auch mit feinem Wissen niemals weit her gewesen, und fanden, er

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