Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 ein Wörterbuch in hebräischer Sprache geschrieben hatte, übertrug er die Bibel in die arabische Sprache und versah diese Bibelübertragung mit wissenschaftlichen Einleitungen und Erläuterungen. Saadias war zu diesem Werke mehr als jeder Andere geeignet, nicht nur vurch seine sprachwissenschaftliche Vorbildung, sondern weil er auch das! Hebräische mit großer Gewandtheit handhabte, sogar gottesdienstliche! Stücke nach arabischem Muster dichtete. Sein Hauptwerk, der Versöhnung des Glaubens und Wissens gewidmet, in welchem er den Nachweis liefert, daß die gewissenhafte, ehrliche Forschung dem wahren Glauben niemals schade, war die Schrift „Emunoth wedeoth“, das Buch vom Glauben undWisse n. Schon aus der Vorrede zu derselben ergiebt sich, daß er die h. Schrift, die mündliche Ueberlieferung und das Denken unb Forschen als die drei Erkenntnißquellen ansieht, die sich nicht nur nicht widersprechen, sondern unter sich eine volle Einheit bilden. Ja er ist so durchdrungen von der Ueberzeugung, daß die h. Schrift der volle Ausdruck; der Vernunft sei und daß sich in ihr nichts befinde, was der Vernunft ■ widerstreite, daß er die Frage aufwirst, wozu es dennoch der göttlichen Offenbarungen bedurft habe, da ja auch die eigene Geistesarbeit der Menschen zu denselben Resultaten gelangt, der Inhalt der h. Schrift auch von der Vernunft aufgefnnden worden wäre. Saadias Antwort streut an die Lessingsche Ansicht von der Erziehung des Menschengeschlechts durch Gott. Saadias meint: der Weg, durch eigene Geistesarbeit die Wahrheit zu finden, ist ein zu langsamer, es würden zu lange Zeiträume nöthig gewesen sein, bis die Menschen durch die Kraft des Denkens zu diesem Ziele gelangt wären, darum j hat Gott in seiner Gnade die religiösen Wahrheiten offenbart, zumal i viele Menschen sich zu der Stufe der eigentlich geistigen Erkenntniß! gar nicht erheben können. Seinen Ausgangspunkt von der Erschaffung j des Weltalls nehmend, beweist Saadias, daß dieses nicht von Ewigkeit z vorhanden sein könne, sondern einen weisen, allmächtigen und all-; gütigen Schöpfer voraussetzen muffe, den zu erkennen Zweck der Schöpfung sei. Darum gipfelt das Schöpfungswerk in dem Menschen, der nur durch seine Seele seine Gottesebenbildlichkeit erkennen, aber nur durch die am Sinai geosfenbarte Lehre dieses Vorzugs würdig * leben und auf der Bahn der Tugend bleiben kann. Wohl ist nicht der Zweck jedes geoffenbarten Gesetzes zu erfassen, aber alle veredeln und heben den Menschen. In der Beherrschung der Triebe durch die Vernunft, in einem durch das Gottesleben gesegneten Leben besteht deumach die Aufgabe des Menschen auf Erden. Ter; Träger dieser Offenbarungen, der wie das Gottesgesetz ewig leben! wird, ist das israelitische Volk, an das Gott seine Propheten, denen i die Kraft, Wunder zu üben, blos als Zeichen ihrer göttlichen Sendung gegeben war, geschickt hat. — In diesem Buche will Saadias in gleicher Weise die Stumpfsinnigen zum Denken aufrütteln und! die dem Judenthum Entfremdeten zu ihm wieder zurückführen. j Dasselbe zeichnet sich durch die philosophische Art, sich die Gottheit! frei von allen menschlichen Zuthaten zu denken und durch die tiefen! sprachlichen Bemerkungen aus, die es macht, um die sinnliche Aus-! drucksweise zu erklären, denen sich die Bibel oft zur Bezeichnung Gottes bebient. Nicht minder ist die Wärme hervorzuheben, mit der er den Nachweis liefert, daß der Mensch frei sei, d. h. durch keine Nöthigung zu seinen Handlungen getrieben werde, mit welchem er sich zugleich gegen die fatalistischen Ansichten der mohamedanischen Welt wendet. Jedes Blatt dieses Buches bekundet, daß es ihm gelungen, die Vernünftigkeit der Lehren des Judenthums nachzuweisen. Zum ersten Male war mit Saadias eine feste Säule des Talmudstudiums, der Vertreter der höchsten geistlichen Würde, dem strenge Gläubigkeit von keiner Seite abgesprochen werden konnte, mit der Forderung aufgetreten, die Einseitigkeit des Talmudstudiums zu verlassen und sich der Bibelforschung zuzuwenden. Zum ersten Male zeigte ein Lehrer, der die zersetzende Bibelkritik mit den schärfsten Waffen bekämpfte, daß Glauben und Wiffen nicht zwei sich ausschließende Begriffe sind, daß der Glaube vielmehr nur das ins Herz gedrungene und dort aufbewahrte Resultat des Denkens sei. Seine Forschungen sind von späteren Nachfolgern wohl übertroffen worden, aber das bleibende Verdienst Saadias bleibt es, der Erkenntniß des Judenthums und seiner Wahrheiten neue Bahnen geöffnet, neue Gebiete erschlossen zu haben. Seine Größe ist unbestritten, sie ist aber aus der Bewegung seiner Zeit zu erklären; die große Zeit hatte den großen Mann erzogen. K Ausgrabungen in Palästina. Von Alex Braun. Wer aus der Berglandschaft von Hebron hinabsteigt nach der Ebene von Gaza, bemerkt zu beiden Seiten des Weges zahlreiche künstliche Erderhöhungen verschiedenen Umfangs. Es sind die sogen. Tels, die Grabhügel längst versunkener Städte, und sie bergen die älteste Geschichte Judäas. Ihre gründliche Durchforschung war seit zehn Jahren das Hauptziel der palästinischen Ausgrabungsgesellschaft, aber erst im verflossenen Frühjahr traf der ersehnte Fermun ein. Er gestattete Ausgrabungen in der Nähe von Khurbet' Ajlan, doch nur im Gebiet von 9'/* Quadratkilometer und unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sämmtliche Funde, selbst Duplikate, der Pforte ausgeliefert werden mußten. Trotz aller Schwierigkeiten, welche ihm die kleinlichen und eifersüchtigen türkischen Behörden, der Monat Ramadan mit feinem täglichen Fasten und seinen nächtlichen Festen, das Klima und besonders der träge und diebische Charakter der arabischen Arbeiter in den Weg legten, nahm Mr. Petrie, der Leiter der Ausgrabungen, dieselben sofort mit Eifer und Geschick in Angriff. Nachdem die Untersuchung von Um el-Laqis ergeben, daß hier nicht, wie bisher vermuthet worden, die Stätte der einst so bedeutenden Festung Lachis, sondern nur ein Dorf aus römischer Zeit zu suchen sei, wandte er sich dem Tel el-Hesy, dem hervorragendsten seines Bezirkes zu. Eine an dem östlichen Hang des Hügels herabsprudelnde Quelle, die einzige viele Meilen in der Runde, ließ auf eine alte Niederlassung von Wichtigkeit schließen. Die Quelle mündet in ein Bächlein, das sich einige hundert Nieter weiter unten mit einem kleinen Fluß vereinigt. Dieser Wadi, der zur Regenzeit sich allmählich in einen tosenden Strom verwandelt, hat dem Forschertüchtig vorgearbeitet, indem er im Laufe der Jahrhunderte das Terrain im Osten und Südosten des Hügels größtentheils abgeschwemmt und das Innere des Tel bloßgelegt hat. Mit Nachhilfe des Spatens erkennt man deutlich, daß auch hier wie im Troja Schliemann's eine Stadt sich auf die andere baut, von der augenscheinlich größten der alten Amoniter bis zu der spätesten griechischer Ansiedler aus voralexandrinischen Tagen. Die übereinanderliegenden Trümmerschichten erheben sich int Umfang von etwa zweihundert Quadratfuß zu einer Höhe von sechzig Fuß. Die älteste Stadt stand etwa fünfzig Fuß oberhalb des Baches auf einer natürlichen Anhöhe. Sie war von einer achtnndzwanzig Fuß acht Zoll dicken Mauer aus sonngetrockneten Lehmziegeln umgeben, die heute noch einundzwanzig Fuß hoch emporragt. Dünne, schwarze phönikische Thongeschirre, welche über ihr gefunden und nach ägyptischen Ausgrabungen zu folgern nicht jünger als 1100 v. Chr. sind, beweisen, daß wir hier eine der amonitischen Städte, die „mit ihren Mauern zum Himmel aufstrebten", vor uns haben. Damit