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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-01 · Heft 1 (1.1.1891) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 1 (1.1.1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Charakters zu entkleiden. Hatte nun die bis dahin herrschende Richtung sich gegen jede Bibelforschung erklärt und dadurch die Gefahr der Erstarrung heraufbeschworen, die das Judenthum wehrlos in die Hände des Karäismus geliefert hätte, so begnügte sich die andere Richtung nicht, die Feffeln zu sprengen, in die man das Wort Gottes geschmiedet hatte, sondern sie bedienten sich der Bibelforschung als Mittel, um jeden Glauben zu zerstören, jeden: Glauben den Boden zu entziehen. Als Retter in der Gefahr erstand dem Judenthum Saadias, der mit allen Eigenschaften des Charakters und mit allen Gaben des Geistes ausgerüstet war, uu: sich den Stürinen, die das Judenthum umbrausten, entgegenzustellen, und der um seiner rabbinischen und allgemeinen Gelehrsamkeit wegen so verehrt wurde und durch seine unbeugsame Redlichkeit und sein felsenstarkes Gemüth sich die Achtung seiner Zeitgenossen in einem Maße erworben hatte, daß er es unternehmen konnte, die einherfluthende religiöse Bewegung in ein ruhiges, aber befruchtendes Fahrwasser zu leiten. Saadias b. Josef (geb. 892) stammte aus Fajum, einer Stadt in Aegypten. Mit hem Zerfalle des Khalifats in Bagdad machten sich die von demselben abhängigen Khalifate in Nordnfrika selbstständig, gründeten glänzende Residenzen und wurden durch die gelehrten Männer, welche sie an ihre Höfe riefen, Stätten der Kultur und aufblühender Bildung. An diesem aufblühenden, geistigen Leben nahmen auch die Juden Antheil, aber sie begnügten sich nicht mit dem Studium des Talnmds allein, sondern wendeten sich mit nicht geringerem Eifer auch anderen Gebieten des Wissens zu. In dieser Atmosphäre wuchs der reich beanlagte Saadias auf; er betrieb eifrig das Studimu des Talmuds, aber der Hauch, der damals die nordafrikanischen Bildungsstätten durchathmete, trieb ihn auch der Bibelforschung und der Philosophie, die damals in den Sitzen der nordafrikanischen Khalifen getrieben wurde, zu, er stand im Banne, in der Strömung, die sich aller großen Geister seiner Zeit bemächtigte, aber er ließ sich von ihr nicht forttragen, sondern er beherrschte sie, er war eine sichere Leuchte über den schaumspritzenden Wogen, welche den Felsen des Judenthums umbrandeten. Schon in früher Jugend hatte er sich durch schriftstellerische Thätigkeit einen Namen gemacht, und dieser, sowie der Ruf, den er schon im jugendlichen Alter als Talmudgelehrter genoß, lenkte die Aufmerksamkeit auf ihn, als eine Neubesetzung des Hauptes an der Schule zu Sura nöthig geworden. Nach der alten ererbten jüdischen Verfassung, die unter dem milden Szepter der Araber zu erhöhter Bedeutung kam, war in den ehemals babylonischen Länderstrichen die politische Macht über die Juden in die Hand des Exilarchen gelegt, als religiöses Haupt galten die Rektoren der Schulen zu Sura und Pumbaditha, die sich, wie schon erwähnt, Geonim, Exzellenzen, nannten. Durch verschiedene Einflüsse und nicht zum wenigsten durch die Macht, zu der die wissenschaftlichen Bestrebungen emporgewachsen, fing die Macht des Geonats zu sinken an, und der damalige Exilarch David b. Sakkai wollte dasselbe und namentlich den Einfluß des Schulhauses zu Sura, den: in dem Lehrhause zu Pumbaditha ein gefährlicher Rival erwuchs, stützen, indem er von der gewohnten Regel abging und nicht einen Babylonier, sondern den Ausländer Saadias für dieses hohe Amt berief, von dem er erwartete, daß er demselben neuen Glanz verleihen würde. Saadias erfüllte die Erwartungen des Exilarchen in vollen: Maße, und doch gerieth er mit demselben schon zwei Jahre nach seiner Berufung zun: Schulhaupte von Sura in einen Streit, der uns wohl zeigt, wie auch nicht ein Hauch den Charakter Saadias befleckte, der ihm aber eine Quelle schwerer Kränkungen wurde. Die Schulhäupter, weil durch den Einfluß der Exilarchen für ihr Amt berufen, waren allmälig zu gefügigen Werkzeugen derselben herabgesunken, und zu seinem Verdrusse sollte David b. Sakkai erfahren, daß er in Saadias ein solches nicht besitze. Der Exilarch hatte in einer Erbschaftsangelegenheit, die ihm reichen Gewinn versprach, eine ungerechte Entscheidung getroffen und alle Hebel in Bewegung gesetzt, die Bestätigung derselben von Saadias zu erlangen. Saadias wies das Ansinnen des Exilarchen mit Entschiedenheit zurück, und weder Drohnngen noch Bitten konnten ihn veranlassen, das Recht zu Gunsten eines Mächtigen zu beugen; er mußte aber seine Festigkeit und seine Ueberzeugungstreue mit dem; Verluste seines Amtes bezahlen und vermochte dem Hasse des Exi-! larchen nur dadurch zu entgehen, daß er, von Freunden unterstützt, sieben Jahre im Verborgenen weilte. Er hatte wohl die Genugthuung, daß nach de»: Tode des Khalifen, der von dem Exilarchen bestochen, für ihn gegen Saadias entschiede» hatte, das Volk für ihn eintrat und ' David b. Sakkai sich mit ihn: versöhnen und ihn wieder in sein Amt : einsetzen mußte, aber die erlittenen Kränkungen hatten seine Kraft gebrochen; er starb, nachdem er noch fünf Jahre seines Amtes walj tete, in einem Atter von 50 Jahren (942). j Was aber nicht init ihn: starb, das war der frische Hauch, mit | dem er durch seine litterarische Thätigkeit das Judenthum erfüllt, das war der geistige Aufschwung, den er ihm verlieh, das war der Schutz vor den Gefahren, die dem Judenthum durch die Karäer und ^durch die in Aufnahme gekommene zersetzende Bibelkritik drohte, den er ihn: gab. Saadias war keine ehrgeizige Natur, ihm war es nicht i darum zu ihn», von der Menge auf den Schild gehoben zu werden, j Er wollte nicht, wie es Männern gelingt, die extremen Richtungen! folgen, die Menge blenden und berauschen, er wollte das Judenthum j erhalte», der Wahrheit die Ehre geben und die Feinde, die das; Judenthum rechts und links bedrohten, abwehren. Saadias suchte! nicht .den Streit, aber er wich dem Kampfe auch nicht aus; war! einmal der Kampf nicht zu vermeide», dann verstand er auch die! Waffe zu führen. Ertrat zuerst mit einer Streitschrift gegen die Karäer auf den Plan, und diese bekundete schon die Schärfe und Kraft, die alle seine polemischen Schriften auszeichnetc. Aber noch wichtiger schien es ihm, zu den Richtungen, die im Judenthum selber auseinandergingen, Stellung zu nehmen. „Ich sehe mit Schmerz," sagt er in seinem Buche von: „Glauben und Wissen", „Leute, die sich gläubig nennen, aber keinen geläuterten Glauben haben, Andere, welche ungläubig sind und sich auf diesen Schaden, wie auf ein Verdienst etwas zu Gute thun, noch Andere, die in das Meer der Zweifel getaucht sind, ohne daß sich ein Taucher fände, der sie aus der Tiefe herausholte, und ein Schwimmer, der sie erfassend, rettete. So fühle ich denn die Pflicht, nach »reiner schwachen Kraft zu retten, und so gewiß ich weiß, daß meine Kraft schwach ist, so gewiß weiß ich, daß ich auf den Beistand Gottes rechnen kann, da ich es redlich meine." Sein Rettuugswerk begann er damit, daß er, um die weiten Kreise seines Voltes für die heilige Sache zu gewinnen, sich in seinen Schriften der vaterländischen, der arabischen Sprache bediente. Lag die Gefahr nahe, daß die ketzerischen Ansichten eines Chiwi aus Balch, welche sogar in die Schulen Eingang fanden, die festen Säulen des Glaubens erschütterten, dann sollten die weitesten Kreise durch seine Streitschriften die Ueberzeugung gewinnen, daß Niederreißen, das Bestehende unterwühlen nicht so verdienstlich sei als Aufbauen, und daß Chiwi aus Ä olch es nur darauf abgesehen habe, die schwachen Geister zu blenden. Aber die Streitschrift gegen Chiwi aus Bolch genügte ihn: nicht, seine Zeitgenossen sollten wieder zu dem Urquell des göttlichen Wortes zurückkehren, alle Kreise sollten die Bibel kennen und in diesen Quell tauchend,! sich selbst die Waffen erwerben, um gegen jeden Gegner kämpfen zu! können. Nachdem er sich eifrig grammatischen Studien zugewendet,

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